Österreicher in der Corona-Krise: Cash, Gold und Immobilien

Die Österreicher haben der Oesterreichischen Nationalbank zufolge in den ersten Monaten der Coronakrise mehr Geld zur Seite gelegt, verstärkt Goldmünzen gekauft und in Immobilien investiert. Trotz vielfach geringerer Einkommen aufgrund von Kurzarbeit.

OeNB Vizegouverneur Gottfried Haber

OeNB Vizegouverneur Gottfried Haber

Corona und das liebe Geld: Die Analyse der Oesterreichischen Nationalbank zeigt, dass die Österreicher in den ersten Monaten der Coronakrise vermehrt Bargeld gehortet und Goldmünzen gekauft haben - obwohl die Durchschnittseinkommen im gleichen Zeitraum aufgrund der weit verbreiteten Kurzarbeit und der hohen Arbeitslosenzahlen deutlich gesunken sind.

Es bestätigte sich damit wieder einmal, dass die Österreicher in Krisenzeiten gerne auf Nummer sicher gehen. In den ersten Tagen und Wochen des Frühjahrs-Lockdowns wurde vermehrt Cash abgehoben. Insgesamt erhöhte sich der Bargeldbestand des Haushaltssektors in dem Zeitraum um 1,4 Milliarden Euro. Gleichzeitig führten private Gesellschafter (kleine Unternehmer), die die OeNB im Haushaltssektor erfasst, Unternehmen 2,9 Milliarden Euro an frischem Eigenkapital zu. Der Konsum knickte hingegen im Frühjahrsquartal um 3,5 Prozent ein.

Auch Gold profitierte als zweite Krisenwährung von der Pandemie - was sich letztlich auch auf den Goldpreis niederschlug, der bis Anfang August auf ein neues Allzeit-Hoch stieg. Heruntergerechnet hat "jeder neunte Haushalt einen Philharmoniker gekauft. In der Finanzkrise 2008 war es jeder fünfte", erklärt Nationalbank-Vizegouverneur Gottfried Haber.

Auch in Haus und Heim wurde kräftig investiert. Während in der ersten Jahreshälfte die Nachfrage nach privaten Konsumkrediten zurückging, stieg die nach Immobilienkrediten. "Die Haushalte setzen auf Vermögensaufbau. Sie nützen die Zeit, um in die eigenen vier Wände zu investieren", diagnostiziert Haber. Der Immobiliensektor sei daher auch einer der Profiteure der Pandemie. In den Ballungszentren, besonders in Wien, stiegen die Preise für Wohnimmobilien und Einfamilienhäuser noch etwas stärker an.

Investieren und Sparen auf Sicht

Insgesamt sind die heimischen Haushalte in der Coronakrise bisher finanziell auf Sicht gefahren - wegen der Unsicherheit und weil es während des Lockdowns eine Zwangskonsumpause gab. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern im Euroraum ist der Konsum in Österreich aber im ersten Halbjahr 2020 nicht so sprunghaft zurückgegangen, und auch die Sparquote stieg nicht so stark an wie im Euroraum. Die Notenbanker werten das als positiv. Im Juni 2020 betrug die Sparquote hierzulande 10,4 Prozent (auf Basis vier kumulierter Quartale), der Schnitt des Euroraums lag bei 10,3 Prozent. Für das Gesamtjahr 2020 prognostizierte die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) zuletzt, im Juni, eine Sparquote von 13,4 Prozent, der aktuelle Lockdown ist da freilich noch nicht eingerechnet.

Einen Rekord gab es bei der Geldvermögensbildung, die im ersten Halbjahr mit knapp 13,5 Milliarden Euro so hoch war wie in manchen vorangegangenen Gesamtjahren. Weiterhin besonders gefragt sind - wegen der niedrigen Zinsen - täglich fällige Einlagen. Reduziert wurden hingegen im ersten Halbjahr 2020 gebundene Einlagen und Anleihen. Börsennotierte Aktien sind beliebter geworden - "vor allem nach dem Börsencrash im März", wie Haber erläuterte. Insgesamt spielen börsennotierte Aktien aber bei der Geldvermögensbildung im Gegensatz zu täglich fälligen Einlagen oder Beteiligungen ohne börsennotierte Aktien, Bargeld sowie sonstige Forderungen noch immer eine untergeordnete Rolle.

Unternehmen: Einlagen und Kredite gestiegen

Unternehmenseinlagen stiegen mit Ausbruch der Coronakrise sowohl in Österreich als auch im Euroraum sprunghaft an, wohl aufgrund aufgeschobener Investitionen. Auch Firmenkredite legten stark zu. Hierzulande stieg die Jahreswachstumsrate von 5,4 Prozent im Februar auf 7,2 Prozent im April, danach nahm sie wieder ab, auf 5,8 Prozent im September, was jedoch ein hohes Niveau ist. Im Euroraum brauchten besonders nicht-finanzielle Unternehmen in Frankreich, Spanien und Italien mehr Geld von der Bank.

Unternehmenskredite bis zu einer Million Euro waren in Österreich besonders im Mai und Juni stark nachgefragt, speziell jene mit einer Laufzeit von ein bis fünf Jahren. Unter diese fallen nämlich die zu 100 Prozent staatlich garantieren Überbrückungsfinanzierungen bis 500.000 Euro und null Prozent Zinsen. In den ersten neun Monaten 2020 wurden 6,9 Milliarden Euro an Krediten bis zu einer Million vergeben, mehr als im Vergleichszeitraum 2019 (6,5 Milliarden Euro). Der Durchschnittszinssatz sank wegen des hohen Staatsgarantieanteils von 1,7 Prozent im April auf 1,21 Prozent im Juni.

Banken als Helfer in der Krise

Im Gegensatz zur Finanzkrise 2008/09 seien die Banken nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung, sagte Haber. Die vermehrte Kreditvergabe berge aber auch Risiken. "In den Büchern der Kreditinstitute befinden sich höhere Risiken als zuvor." Der Anteil notleidender Kredite sei zwar noch nicht angestiegen, "aber wir gehen davon aus, dass das in den nächsten ein, zwei Jahren bei den Banken aufschlagen wird." Daher müsse sichergestellt werden, dass die Finanzmärkte nicht überfordert werden.

Das Volumen der gestundeten Kredite reduzierte sich von Juni bis September von mehr als 30 Milliarden auf 17,3 Milliarden Euro. Davon waren 10,7 Milliarden Euro freiwillige Stundungen, von denen wiederum 7,3 Milliarden Euro auf Unternehmenskredite entfielen. Bei den privaten Stundungen (im September noch insgesamt 10 Milliarden Euro) war hingegen das Gros gesetzlich (6,6 Milliarden Euro).

Ausblick: Viele offene Fragen

Wie sich der zweite Lockdown auswirken wird, sei seriös noch nicht vorherzusagen. Momentan sei er auf einige wenige Branchen beschränkt. Während sich die Sommermonate in Österreich - Stichwort Urlaub im Inland - besser entwickelt hätten als befürchtet, sei nun die globale Coronaentwicklung schlechter als erhofft. Die Wirtschaftsforschungsinstitute hätten ihre Prognosen für 2020 schon etwas gesenkt. Es könnte 2021 zu einer weiteren Verzögerung des Aufschwungs kommen. Der treibende Faktor werde das Pandemiegeschehen sein, dazu zähle auch die Verfügbarkeit eines Impfstoffs. Neben kurzfristigen Auswirkungen habe Corona auch langfristige Folgen, beschleunige Entwicklungen wie die Digitalisierung, ergänzte Johannes Turner, Direktor der Hauptabteilung Statistik. Möglicherweise werde der Kongresstourismus abnehmen, Friseure hingegen dürfte der Strukturwandel weniger treffen.

Aber auch wenn ein Impfstoff da ist und das Gesundheitsthema im Griff ist, werde die Unsicherheit in den kommenden Monaten anhalten, so Haber. Ein Risiko sei etwa das Thema Brexit bzw. Handelsabkommen mit Großbritannien. Zum Ausgang der US-Wahl sagte der Notenbanker, dies deute auf eine Entspannung der internationalen Handelsbeziehungen hin, wenngleich China und Russland verhalten reagierten. Joe Biden dürfte weniger protektionistisch agieren als der noch im Amt befindliche US-Präsident Donald Trump.

Für das Tourismusland Österreich sind nach Ansicht der OeNB Reisebeschränkungen eines der größten Risiken. Im zweiten Quartal 2020 brachen die Reiseverkehrseinnahmen nach Berechnungen der Nationalbank fast völlig weg, der Rückgang gegenüber dem Vorjahresquartal betrug 82 Prozent. Die Reiseverkehrseinnahmen deutscher Touristen sackten um 80 Prozent ab, Gäste aus den USA, Großbritannien und China blieben fast vollständig aus.

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