Peter Krammer, der neue Swietelsky CEO [Porträt]

Die Nummer eins der Nummer drei: Mit Ex-Strabag-Vorstand Peter Krammer im Chefsessel der Swietelsky AG kommt Schwung in die heimische Bauindustrie. Er will zeigen, wie man die großen Themen von Arbeitskräftemangel bis Klimaschutz in seiner Branche exemplarisch angeht.

TRANSFORMATION. Ex-Strabag-Vorstand Peter Krammer (Bild: in der Wiener U-Bahn-Baustelle Frankhplatz) hat für Swietelsky ambitionierte
Pläne.

TRANSFORMATION. Ex-Strabag-Vorstand Peter Krammer (Bild: in der Wiener U-Bahn-Baustelle Frankhplatz) hat für Swietelsky ambitionierte Pläne.

An seinem ersten Arbeitstag bei Swietelsky, am 4. Jänner 2022, sitzt Peter Krammer im leeren Büro eines charmebefreiten Zweckgebäudes, der Zentrale des Bauunternehmens, unweit des Linzer Bahnhofs. Nach mehr als einem Jahrzehnt in der kühl-mondänen Strabag­Konzernzentrale auf der Wiener Donauplatte, Seite an Seite mit dem langjährigen CEO Thomas Birtel, ist das neue Arbeitsumfeld noch leicht gewöhnungsbedürftig.

Seit seinem Ausscheiden aus dem Vorstand der Strabag Mitte 2022 war der fast 57-jährige Manager, der offiziell mit 1. April den Vorstandsvorsitz bei Swietelsky übernimmt, vorrangig damit beschäftigt, die Welt zu bereisen; nun kann er es schon gar nicht mehr erwarten, loszulegen.

Was aber bewegt jemanden, der bisher in seinem Geschäftsbereich bei Österreichs größtem Baukonzern über fünf Milliarden Euro Umsatz verantwortete, zur Nummer drei mit etwas mehr als drei Milliarden Euro Umsatz (siehe Kasten unten) zu wechseln?

Krammer spricht zwar viel von der „großen Ehre“, in ein Unternehmen zurückkehren zu dürfen, in dem er Anfang des Jahrtausends schon einmal gearbeitet hat. Doch im Unterschied zu seinem Vorgänger Karl Weidlinger hat er auch einen Zug zum Öffentlichkeits-Tor: „Ich hatte bisher immer jemanden, der nach außen hin spricht. Jetzt diese Rolle in einem wirklich tollen Unternehmen selbst einzunehmen, das ist etwas sehr Reizvolles.“

Der Niederösterreicher bleibt auch in seiner neuen Rolle Präsident der Vereinigung Industrieller Bauunternehmungen VIBÖ sowie des Fachverbands der Bauindustrie in der Wirtschaftskammer – in beiden Funktionen ist er Hans Peter Haselsteiner (HPH) gefolgt – und als solcher für viele die Stimme der gesamten Branche. Haselsteiner, unter dessen Fittichen Krammer groß geworden ist, will keinen Kommentar abgeben: „Ich bin befangen“, wie er zum trend sagt. Doch klar ist, dass Krammer an die Spitze wollte. Als feststand, dass Haselsteiners Sohn Klemens das Rennen um die Birtel-Nachfolge machen würde, kam das Swietelsky­Angebot äußert gelegen. Und allen Beteiligten ist klar: Krammer, der an der TU Wien Bauingenieurwesen studiert hat, ist ambitioniert genug, mehr sein zu wollen als bloß die neue Nummer eins der Nummer drei.

MASCHINENBAU. Gemeinsam mit Plasser & Theurer entwickelt Swietelsky Bahnbaumaschinen. Gefördert wurde Krammer u. a. von Strabag-Mastermind Hans Peter Haselsteiner (links).

Nicht nur in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch beim Führungsstil werden sich die rund 12.500 Swietelsky-Mitarbeiter umgewöhnen müssen. Gleich in seiner zweiten Woche an Bord versammelt der Kapitän in spe seinen Vorstand zu einer dreitägigen Klausur in Ybbs. Es geht um die großen Fragen. Taugt ein Modell wie die Vier-Tage-Woche, um den Arbeitskräftemangel zu lindern? Wie bringen wir Digitalisierung und Dekarbonisierung auf Schiene? In welchen Märkten können wir wachsen?

Mr. Konsens.

Für ein extrem dezentral organisiertes Unternehmen, das bislang gerade einmal mit zwei Managementebenen auskam und von starken, entrepreneurhaften Filialleitern geprägt wird, könnten die Antworten ein Kulturschock sein. „Bei Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden wir stärker top-down agieren, wir müssen diese Themen also stärker zentral steuern“, sagt Krammer.

Das bedeutet ein mächtigeres Headquarter, neben Linz dürfte dabei vor allem der Wien-Sitz am Hietzinger Kai an Bedeutung gewinnen. In diesem Transformationsprozess die Mannschaft nicht zu verlieren, wird seine erste große Herausforderung sein. Er selbst ist optimistisch, dafür geeignet zu sein: „Für solche Veränderungen habe ich ein großes Fingerspitzengefühl.“

Aber auch andere sehen das so: In der VIBÖ sei Krammer immer sehr bemüht, „auf die kleineren Unternehmen zuzugehen und sie zu integrieren“, ist Monika Leithäusl, Chefin des Mittelständlers Leithäusl Bau, von „ihrem“ Präsidenten angetan. Dass der Netzwerkprofi zuhören und auf sein Gegenüber zugehen kann, attestiert ihm darüber hinaus sein Sozialpartner-Visavis Josef Muchitsch, Chef der mächtigen Gewerkschaft Bau-Holz: „Er hat eine ruhigere, weniger impulsive Art, Konflikte zu lösen, als HPH. In der Sache ist er hart und konsequent, aber auch immer dazu bereit, sich die Welt des anderen anzuschauen.“

Bewährt hat sich das Gespann Krammer-Muchitsch bereits am Beginn der Pandemie mit dem Ende März 2020 beschlossenen, vielfach gerühmten Acht-Punkte-Plan, der das Weiterlaufen der Baustellen ermöglichte.

Als Branchenpräsident weiß Krammer aber auch, welches Lied seine Mitglieder gerne hören. „Wir sind eine große, wichtige Industrie, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer ihre Leistung erbracht hat – das muss man einfach auch einmal würdigen“, erklärt er, warum er einen eigenen Bautenminister fordert. Insbesondere in Digitalisierungsfragen gebe es in Österreich für die Industrie keinen politischen Ansprechpartner, das Resultat sei, dass jeder etwa im Bereich Building Information Modelling (BIM) seine eigenen Systeme baue – ganz anders als in Ländern wie Tschechien, wo der Staat zentrale Vorgaben mache.

„Krammer denkt strategisch – auch im Sinne der ganzen Branche“, applaudiert der Vorarlberger Bauunternehmer Hubert Rhomberg. „Er macht, was er sagt, ist hart, aber fair – und verlässlich.“

Neuland. 

Schafft er es auch als CEO, so wendig und effizient zu agieren wie als Interessenvertreter? Die Latte liegt hoch. Swietelsky, von den beiden Eigentümerfamilien Brustmann und Hovaguimian kontrolliert und anders als Strabag und Porr nicht börsennotiert, war zuletzt die am stärksten wachsende Bauunternehmung der top drei und auch die profitabelste. Kann das so weitergehen?

An den Größenrelationen – Porr ist fast doppelt, Strabag rund fünfmal so groß wie Swietelsky – werde sich mittelfristig wenig ändern, glaubt Krammer. Dennoch ist klar, dass es weiterhin Wachstumspotenziale gibt, vor allem im Auslandsgeschäft, das vom früheren Porr-Manager Klaus Bleckenwegner geleitet wird. In Deutschland mit seinem riesigen Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur sind die Chancen am größten, noch einmal substanzielle Sprünge zu machen.

Bauinsider erwarten aber auch, dass die Strabag sich in den nächsten Jahren verstärkt Richtung Nord- und Südamerika orientieren wird und sich daraus neue Möglichkeiten für den Mitbewerb in Mittel- und Osteuropa ergeben. Swietelsky definiert derzeit Österreich, Deutschland, Ungarn und Tschechien als Kernmärkte. Doch Krammer deutet im trend-Interview bereits an, dass der Fokus erweitert werden könnte, vorbehaltlich der Ergebnisse der Strategieklausur.

SOZIALPARTNER. „Krammer hat eine ruhigere, weniger impulsive Art, Konflikte zu lösen, als Haselsteiner“, so Gewerkschafter Josef Muchitsch.

INTEGRATIV. Krammer sei bemüht, „immer auch auf die kleineren Unternehmen zuzugehen“, sagt Bauunternehmerin Monika Leithäusl.

In Rumänien stand der Konzern in den letzten Jahren nach einem Bestechungsskandal auf der Bremse, sogar die österreichische WKStA wurde in der Causa aktiv. Diese Zurückhaltung könnte sich schon bald ändern. „Märkte wie Rumänien, Kroatien oder Polen könnten interessant sein, wir werden uns das anschauen“, so der künftige CEO. Nachsatz: „Ich kenne sehr viele dieser Länder, insbesondere auch die großen Stolpersteine.“ Die Wiederaufbau-Ukraine ist hingegen vorerst kein Thema.

Gleiszeit.

Die größten Chancen gibt es aber weniger in einzelnen Ländern als in einer besonderen Sparte: dem Bahnbau. Im ersten Halbjahr des Swietelsky-Geschäftsjahrs zwischen April und September wuchs dieser Bereich um satte 18 Prozent, stärker als der Straßen- und Tiefbau. Das Unternehmen spielt mit seiner Bahnbausparte in Europa weit vorne mit. Gemeinsam mit dem Maschinenbauer Plasser & Theurer entwickelt es etwa eigene Bahnbaumaschinen.

Krammer und seine Kollegen finden deshalb bei viel Kritik an grünen Wirtschaftszugängen im Allgemeinen die Politik von Ministerin Gewessler in diesem Bereich klasse. „Den Ausbau der Schieneninfrastruktur und das Klimaticket kann man auf die Habenseite von Gewessler schreiben.“

Der unmittelbare Nutzen liegt auf der Hand, privat wie beruflich: Mit dem Klimaticket pendeln immer mehr Swietelsky-Manager in der Haselsteiner-Westbahn zwischen Wien und Linz. Und von der Investition in Schienen und ihre Instandhaltung profitiert die Firma besonders. Weil Ähnliches in Zeiten des Bahnwiederaufschwungs praktisch auf ganz Europa zutrifft, ist für Krammer schon jetzt klar: „Eine unserer absoluten Topstärken ist der Bahnbau, den wollen wir weiter ausbauen.“ In Deutschland hat zuletzt etwa das Bahnbauunternehmen von Hubert Rhomberg, die Sersa Rail Group, das Momentum genutzt. Swietelsky will da jetzt nachziehen.

Bester Arbeitgeber.

Nachhaltigkeit ist für ihn aber kein Mantra, sondern schlicht eine Notwendigkeit – einen kleinen Seitenhieb auf die aktuelle Kampagne seines Ex-Arbeitgebers kann sich Krammer dann doch nicht verkneifen. Die Strabag trompetet derzeit tausendfach, der „nachhaltigste Baukonzern Europas“ werden zu wollen. Man müsse „die Kirche im Dorf lassen“, sagt jedoch Krammer über die in der Strabag-Kampagne verwendete Aussage, 38 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stammten aus dem Bausektor. Denn nur ein kleiner Teil dieser Emissionen sei tatsächlich von den Baufirmen beeinflussbar. Ihm ist es wichtiger, Swietelsky als besten Arbeitgeber der Branche zu positionieren.

Wie beurteilt er die Vater-Sohn-Abfolge in der Strabag? HPH bezeichnet er als „absolut genial“, Sohn Klemens als „einen ähnlichen Typ, aber eine andere Generation“. Heißt das ähnlich genial? Krammer: „Das wird sich erst herausstellen.“

Jetzt freut er sich aber erst einmal darauf, loslegen zu können. Er macht es mit einem Schuss Selbstironie. An der Wand im Linzer Büro soll schon bald eines seiner Lieblingsbilder hängen. Es zeigt ihn selbst auf einem Ergometer.

Der Titel des Werks eines tschechischen Malers lautet: „Der betrogene Radfahrer“.

Holprig, aber nicht hoffnungslos

Gute Gewinne, Trumpf Bahnbau: Strategisch ist SWIETELSKY für harte Zeiten gerüstet.

Die stärkste Abschwächung für die Bauwirtschaft ortet der „Incoming CEO“ Peter Krammer aktuell beim kleinteiligen Hochbau, was vor allem das Baugewerbe trifft: „Die Grundstückspreise sind noch nicht gefallen, die Zinsen sind gestiegen, die Anforderungen an die Kreditnehmer ebenso, und die Baupreise sind 15 Prozent über dem Vorjahresniveau – das ist ein Mix, der nicht konjunkturfördernd ist.“ Einen dramatischen Einbruch der Konjunktur erwartet er allerdings nicht.

Insbesondere die starke Position im Bahnbaugeschäft erweist sich in Zeiten massiver öffentlicher Investitionen in die Bahninfrastruktur als strategischer Vorteil. Stand diese Sparte bei Swietelsky vor fünf Jahren für 16 Prozent der Bauleistung, so waren es im Halbjahr zwischen April und September bereits 20 Prozent, das Volumen hat sich seit 2016 verdoppelt. Das hat auch zum guten Wachstum der letzten Jahre beigetragen (siehe Grafik unten) und fängt die derzeitige Schwäche beim privaten Wohnbau ab.

Die massive Verteuerung bei Baustoffen dürfte Swietelsky im aktuellen Geschäftsjahr, das mit Ende März endet, gut abgefangen haben: Erwartet wird eine Ebit-Marge (operativer Gewinn vor Zinsen und Steuern), die nur geringfügig unter dem Vorjahreswert von 4,7 Prozent liegt. Damit dürfte das Unternehmen das profitabelste der Top-drei-Bauunternehmen sein: Strabag erwartet für 2022 eine Ebit-Marge von rund vier Prozent, Porr dürfte bei rund zwei Prozent liegen.

TOP. Swietelsky – anders als Strabag und Porr mit einem schiefen Geschäftsjahr von April bis März – ist zuletzt am stärksten gewachsen.


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