Spanien: Immobilien-Alptraum verblasst - Anzeichen von Erholung

Spanien: Immobilien-Alptraum verblasst - Anzeichen von Erholung

Die viertgrößten Volkswirtschaft des Euroraums fasst wieder Fuß. Die Arbeitslosigkeit geht zurück und der Immobilienmarkt, dessen Zusammenbruch das Land in eine Rezession stürzte, zeigt Anzeichen einer Belebung. Die Preise für Wohnimmobilien zeigen noch keine Wende an, doch in den wachsenden Verkaufszahlen deutet sich der Beginn einer Stabilisierung an. Große Immobilieninvestoren wie Blackstone und Goldman Sachs erwerben Wohnblocks und Sozialwohnungen. Investitionen haben sich im Vorjahr verdoppelt.

Der Markt erscheint Stanislas de Bellescize, einem 44- jährigen Computerprogrammierer, mittlerweile sicher genug. Kürzlich hat er den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ein Haus in der Innenstadt von Madrid gekauft, zwei U-Bahnstationen entfernt vom wohlhabenden Viertel Salamanca. Wenn mehr Spanier solchen Mut zum Risiko zeigen, dann böte sich Ministerpräsident Mariano Rajoy nach über fünf Jahren konjunkturellen Elends auch in diesem Sektor die Aussicht auf ein Wiedererstarken der Volkswirtschaft.

“Wir dachten, das ist der richtige Zeitpunkt”, sagt de Bellescize, der im vergangenen Jahr arbeitslos wurde und mittlerweile eine neue Stelle gefunden hat. “Noch gibt es Spielraum beim Aushandeln der Preise.”

Geringster Preisrückgang seit 2010 erwartet

Daten zu den Hausverkäufen und den für den Immobilienkauf bewilligten Krediten für das erste Quartal werden am Mittwoch dieser Woche veröffentlicht. Von Bloomberg News befragte Volkswirte rechnen damit, dass die Immobilienpreise den geringsten Rückgang seit 2010 aufweisen werden.

Wohungskäufe steigen

Erste Lebenszeichen zeigten sich, als der Verband der Notare im Mai bekanntgab, dass die Zahl der Haus- und Wohnungskäufe im ersten Quartal diejenige aus dem Vorjahr um über 45 Prozent überstieg.

“Aufgestaute Nachfrage von Käufern, die sich bislang zurückgehalten haben, kommt jetzt an den Markt”, erklärt Juan Villen, bei der größten spanischen Immobilien-Website Idealista.com zuständig für Hypotheken. “Sie merken, dass die Preise nicht viel weiter fallen werden und dass die Konjunktur nicht weiter nachlassen wird.”

Kräftiges Wirtschaftswachstum erwartet

Weitere Indikatoren, die in dieser Woche anstehen, wie die Einzelhandelsumsätze für April und das Bruttoinlandsprodukt für das erste Quartal, dürften ein kräftigeres Wachstum anzeigen. Die BIP-Zahlen werden vermutlich bestätigen, dass sich die Expansion Anfang des Jahres auf 0,4 Prozent beschleunigt hat, gegenüber 0,2 Prozent im letzten Quartal 2013.

Steigendes Kaufinteresse in Städten wie Barcelona

In einigen Landesteilen belebt sich das Kaufinteresse und in Städten wie Barcelona beginnen die Preise, die gegenüber den Rekordständen des Jahres 2007 um durchschnittlich 47 Prozent nachgegeben hatten, wieder anzuziehen, wie Idealista feststellt.

Valencia: In der Krise am schwersten getroffen, erholt sich

In Valencia, dem Epizentrum des zehnjährigen Baubooms, das von der anschließenden Krise am schwersten heimgesucht wurde, gehen bei Bauunternehmern wieder Aufträge ein. Sie sollen Hunderte von halbfertigen Häusern, die in den Büchern der spanischen Bad Bank Sareb gelandet sind, fertigstellen, teilt der regionale Branchenverband Fevec mit.

Eine Million unbewohnte Häuser

In Valencia, im Südosten Spaniens, steht rund ein Fünftel der eine Million unbewohnten Häuser des Landes. Die leerstehenden Gebäude sind eine Hinterlassenschaft des ungezügelten Baubooms, in dessen Verlauf zwischen 1997 und 2006 knapp 700.000 Häuser hochgezogen wurden - mehr als in Frankreich, Deutschland und Großbritannien zusammen. Im vergangenen Jahr wurden in Spanien 43.600 Häuser fertiggestellt.

“Es sind nicht mehr nur Ausländer, es rufen auch tatsächlich Leute aus Madrid an”, sagte Jesualdo Ros, Generalsekretär von Provia, dem Verband der Bauunternehmer in Murcia, südlich von Valencia. “Es wird dauern, aber die Nachfrage nach Zweitwohnungen wird letztendlich dazu beitragen, auch die lokale Nachfrage wieder zu beleben.”

Goldman Sachs mischt bereits mit

Schon jetzt zieht der sich abzeichnende Aufschwung Investoren wie Blackstone Group LP, Goldman Sachs LP und Azora Capital SL an, die im vergangenen Jahr in Madrid Wohnblocks und Sozialwohnungen erwarben.

Die Investitionen von Fonds, Beteiligungsgesellschaften und anderen Finanzdienstleistern haben sich in Spanien im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt auf 13,9 Mrd. Euro. Etwa 37 Prozent davon flossen in Immobilien, wie der Umschuldungsspezialist Irea meldet, der für dieses Jahr mit einem höheren Prozentsatz rechnet.

Banken bereinigen erfolgreich Bilanzen

Ökonomen, darunter Souheir Asba von der Société Générale SA in London, erwarten gegen Ende des Jahres auch eine Wiederbelebung der Immobilienkredite. Die Banken, die Spanien 2012 zwangen, externe Hilfe im Volumen von 40 Mrd. Euro in Anspruch zu nehmen, kommen voran bei der Bereinigung ihrer Bilanzen.

“Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass mehr Hypotheken vergeben werden, wenn die EZB ihre Bilanzanalyse abgeschlossen hat”, sagt die Volkswirtin Asba. “Die Nachfrage steigt und liegt bis jetzt noch über dem Angebot.”

Der Immobilienanalyst Fernando Acuna sieht die derzeit noch zögerliche Bereitschaft der Geldinstitute zur Vergabe von Immobilienkrediten als Hindernis für Hauskäufe.

Kreditnehmer bekommen keine Kredite mehr "nachgeschmissen"

“Die Banken bieten keine Hypotheken für 120 Prozent des Kaufpreises zur Rückzahlung über 40 Jahre mehr an”, beschreibt Acuna. “Heute muss man mindestens 20 Prozent des Werts der Immobilie angespart haben bevor man versuchen kann, sie zu erwerben.”

40 Prozent der freien Wohneinheiten unverkäuflich?

Seine Firma, Acuna & Asociados, schätzt, dass 40 Prozent der nichtverkauften Wohneinheiten niemals Käufer finden werden - sei es wegen ihrer ungünstigen Lage, sei es, weil Beschäftigte mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro nicht in der Lage sind, das nötige Eigenkapital anzusparen, das sie für die Vergabe eines Darlehens benötigen. Rund 30 Prozent der in Spanien Beschäftigten verdienen weniger als 1216 Euro im Monat, zeigen offizielle Daten.

“Der Immobilienmarkt hinkt hinterher, aber er wird kommen, jetzt, wo die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt”, sagt Angel Laborda, Chefökonom bei Funcas, der Stiftung der spanischen Sparkassen, in Madrid. “Es dauert viel länger, aber Spanien durchläuft denselben Prozess wie die USA oder Irland, wo die Baubranche wieder zum Wachstum beiträgt.”

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