Der Fall der Immofinanz

Die Aussagen des Ex-Immofinanz-Chefs beim Staatsanwalt und ein Sonderprüfbericht fördern neue Details des Megaskandals zutage. Nun tobt ein Streit, wer den Aktionären 567 Mio. zurückzahlt.

Zum zweiten Mal hintereinander spielt die Affäre des Jahres in der Immobilienbranche. Ende 2007 war Julius Meinl der Buhmann der Nation. Diesmal ist es Karl Petrikovics, der abgetretene Boss der börsennotierten Immofinanz und deren Tochterfirma Immoeast – und gleichzeitig der Exgeneral der Constantia Privatbank, die beide Gesellschaften gründete und bis heute Managementverträge mit der Immofinanz-Gruppe hat. Mit deren Aktien haben mehr als 100.000 Anleger 2008 fast sechs Milliarden Euro verloren. Nicht wenige Aktionäre haben den Großteil ihrer Ersparnisse in die als mündel­sicher angepriesenen Papiere investiert oder sie als Tilgungsträger für Kredite eingesetzt: Sie stehen vor einer existenziellen Katastrophe.
Im Vergleich dazu sind sogar die Anleger bei Meinl European Land (heute: Atrium) noch besser ausgestiegen. Sie verloren heuer 70 Prozent. Immofinanz: minus 93 Prozent. Die Staatsanwaltschaft ermittelt die skandalösen Hintergründe in beiden Fällen. Gegen Karl Petrikovics, für den die Unschuldsvermutung gilt, liegt eine Anklage aber viel konkreter in der Luft.


Den Aktionären nützt das allein wenig. Sie können nur hoffen, dass die zahlreichen Schadenersatzklagen, die 2009 zu erwarten sind, wenigstens Teilerfolge bringen. Sie werden vor allem Immofinanz und Immoeast treffen, den Finanzdienstleister AWD als deren Hauptvertrieb (s. Kasten S. 52) und möglicherweise auch die Constantia Privatbank (CPB).
Verloren haben im ablaufenden Jahr alle Aktien, die meisten kräftig. Das macht den Immofinanz-Komplex aber noch nicht zum Kriminalfall. Sehr wohl aber die Tatsache, dass die verantwortlichen Manager mit dem Geld der Anleger auch spekulierten – was besonders unverfroren ist, weil die Papiere quasi als Sparbuchersatz angepriesen wurden.

Totaler Wahnsinn ab April 2007
Wie aber kam es zu dem totalen Zusammenbruch? Jahrelang holen sich beide Immo-Gesellschaften über Kapitalerhöhungen Milliarden von der Börse. Inves­tiert wird aber nicht nur in Liegenschaften. Meist über die Immofinanz Beteiligungs AG (IBAG) lässt Ämtermulti Petrikovics immer wieder Geld der Aktionäre – mehr oder weniger freihändig und ohne zu informieren – in die CPB umleiten, die damit Aktien der beiden von ihr gemanagten Firmen handelt. Das geht gut, solange die Kurse steigen. In seiner Einvernahme beim Staatsanwalt (die Protokolle liegen FORMAT vor) gibt Petrikovics für das Jahr 2006 den Gewinn für die Bank daraus „mit etwa 57 Millionen Euro“ an. Die Salden mit der Immofinanz-Gruppe werden jeweils zu Jahresende glattgestellt, sodass nichts auffällt.
Bis April 2007 hält sich das Volumen noch im überschaubaren Rahmen. Dann beginnen die Kurse zu purzeln, gleichzeitig hat die Immoeast aus einer Kapitalerhöhung viel Cash zur Verfügung. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Zusätzlich rund eine Milliarde Euro wird in die Bank geschleust. Für irre 940 Millionen werden dort auf Anweisung von Petrikovics Immofinanz- und Immoeast-Aktien gekauft – ob zur Kursstützung oder zu Spekulationszwecken, sei dahingestellt. 60 Millionen investiert die CPB in das Labor-Unternehmen Futurelab. Über 50 Millionen landen in steuersparenden Bauherren-Modellen der CPB, die offenbar Liquidität brauchen. Alles ohne Wissen der Anleger!

Komplett verspekuliert
Die Kurse verfallen weiter. Die Verluste explodieren. Der Wirtschaftsprüfer der Immoeast, die KPMG, muckt auf. Um die Geldflüsse zu rechtfertigen, konstruiert Finanzvorstand Christian Thornton, ein enger Vertrauter von Petrikovics, mithilfe des Beraters Christian Nowotny im Nachhinein die berüchtigte Anleihe der IBAG an die Immoeast über 900 Millionen (mit einer fragwürdigen Unterschrift drauf). Die Immofinanz-Pakete verkauft Petrikovics Anfang 2008 panisch an den Rechtsanwalt Rudolf Fries und an Spitz-Eigentümer Walter Scherb. Die Immoeast-Pakete werden im Herbst 2008 zur Constantia BV transferiert, der holländischen Holding von Chris­tine de Castelbajac, der Erbin des Industriellen Herbert Turnauer. Auch die Steuersparmodelle landen im Sommer für 13 Millionen Euro bei der Constantia BV. Castelbajac besitzt damals auch noch die Constantia Privatbank, muss sie aber kurz darauf für einen Euro an ein österreichisches Bankenkonsortium abgeben.

Trauriges Ende
Das Ergebnis ist niederschmetternd: Mit über 1,1 Milliarden Euro haben Petrikovics & Co spekuliert – und die sind größtenteils weg! Zwar flossen 570 Millionen Euro Erlös aus dem Fries-Deal an die Immoeast zurück. Davon musste die Constantia BV aber bereits damals 175 Millionen Verlust­ausgleich beisteuern. Gleichzeitig musste die Holding den Käufern Fries und Scherb durch eine Put-Option (rund 420 Millionen, inklusive Verzinsung) die derzeit fast wertlosen Aktien absichern.
Laut dem aktuellen Sonderbericht des Wirtschaftsprüfers Deloitte blieben 567 Millionen Euro Schulden der IBAG bei der Immoeast ­übrig. Es geht nun darum, zu retten, was noch zu retten ist.
Zwar liegt ein Angebot der Constantia BV vor, auch diese Forderungen zu übernehmen. Es könnte also sein, dass Christine de Castelbajac, die dabei ist, den überwiegenden Teil ihres Vermögens zu verlieren, für den gesamten Schaden aufkommt. Das war bisher die Verteidigung von Petrikovics. Aber: Die große Frage ist, ob die Dame alles zahlen kann – oder will. Wegen des enor­men Volumens der Verluste könnte ein Teil bei den – ohnehin schwer gestraften – Aktionären und bei den Steuerzahlern hängen bleiben.
Die Anwälte der Constantia BV arbeiten bei der Haftung für die IBAG-Schulden auf Nichtigkeit hin. Das Argument: Bei der IBAG seien gar nie Verbindlichkeiten entstanden, weil sie ein vorgeschobenes Vehikel war. Petrikovics bestätigte dies dem Staats­anwalt: „Ich glaube, dass ursprünglich das Geld direkt von der Immoeast an die Bank überwiesen wurde.“
Setzen sich Castelbajacs Juristen durch, dann könnten die Immoeast-Aktionäre um die 567 Millionen umfallen – oder die CPB muss zahlen. Deren neue Eigentümer (u. a. Bank Austria, Raiffeisen, Ers­te Bank, Bawag) haben 400 Millionen eingeschossen, die der Staat garantiert. Damit müsste der Steuerzahler für die Zockerei geradestehen. „Die Banken werden ganz sicher nicht bluten“, betont ein involvierter Manager.
Kann Castelbajac die Fries-Option erfolgreich beeinspruchen, dann bleibt entweder der Investor aus Baden selbst oder ebenfalls die CPB auf dem Schaden sitzen.

Castelbajacs Vertraute waren eingeweiht
Die Banken sehen die Constantia BV allerdings trotz allem in einer schwachen Position, weil die Castelbajac-Vertrauten Guido Schmidt-Chiari, Aufsichtsrat der Immofinanz, und Prinz Michael von Liechtenstein, Geschäftsführer der BV, von Anfang an in die Vorgänge eingeweiht waren, wie Petrikovics auch bei der Justiz ausgesagt hat. Tatsächlich hat wohl die Turnauer-Tochter nichts von den Machenschaften gewusst, ihre Berater waren hingegen involviert.
Einen FORMAT-Bericht, wonach Castelbajac sie deswegen belangen könnte, dementiert Schmidt-Chiari und übermittelt einen Brief, in dem die Dame dem „lieben Nico“ mitteilt, dass sie nicht gegen ihn vorgehen werde. Die Stimmung zwischen beiden ist dennoch frostig.
Entwarnung ist nicht einmal dann angesagt, wenn die Constantia BV die Schulden ab- und die Option einlösen muss. Denn unter dieser Belastung könnte ihr ein Konkurs drohen: das Horror­szenario für alle Beteiligten.
Es laufen daher fieberhafte Bemühungen um eine außergerichtliche Einigung. Das Wunschszenario der Banken: Die Constantia BV soll zwischen 250 und 350 Millionen Euro Cash an die Immoeast überweisen. Für die Differenz zu den 567 Millionen Euro erhält die Immofinanz-Gruppe die Managementverträge, die noch im Besitz der CPB sind. Im Oktober wurden die Verträge mit 340 Millionen Euro beziffert. Doch Thomas Kleibl und Eduard Zehetner, die neuen Bosse der Immo-Gesellschaften, setzen den Wert jetzt bei null an und wollen allerhöchstens 100 Millionen dafür zahlen. Sie haben eine einstweilige Verfügung über das Barvermögen der Constantia BV erwirkt, die am 24. Dezember ausläuft, und wollen dann notfalls klagen.
Was etwas zur Entspannung beiträgt: Immofinanz-Großaktionär Rudolf Fries hat angeboten, auf einen Teil seiner Option, die er ab 2010 ziehen kann, zu verzichten, wenn dafür mehr Geld von der Constantia BV in die Immo-Gesellschaften fließt. An ihn hat die BV bereits zehn Prozent des börsennotierten Verpackungskonzerns Constantia Packaging verpfändet. Für 30 Prozent dieses letzten namhaften Vermögenswertes von Christine de Castelbajac wird gerade ein Käufer gesucht, um Mittel für die zu ­erfüllenden Verpflichtungen hereinzubekommen.

Keine Liquidierung der Immofinanz
Die einzige gute Nachricht für die Anleger: Eine Liquidierung der Immofinanz-Gruppe, die ernsthaft im Raum stand, soll mit allen Mitteln vermieden werden. Die benötigten 150 bis 200 Millionen Euro Überbrückungsfinanzierung bis April 2009 könnte entweder eine Einigung mit der Constantia BV bringen oder von den Banken garantiert werden. Danach ist eine große Finanzierungsrunde mit den Kreditgebern angesagt. Denen bleibt gar keine andere Wahl, als am Ball zu bleiben. Ein Zusammenbruch würde ihnen einen immensen Kollateralschaden vor allem in Osteuropa bescheren.
Der Deloitte-Prüfbericht gibt die Eigenkapitalquote der Gruppe (bei gut sechs Milliarden Bankschulden) mit rund 50 Prozent an. Auch nach einer weiteren Abwertungsrunde für die Immobilien, die notwendig ist, soll die positive Fortführungsprognose nicht in Gefahr sein. „Eine Insolvenz wäre die absolute Wertevernichtung, die sowohl den Banken als auch dem Image massiv schaden würde“, betont der Kreditvorstand der RZB, Karl Sevelda. Im Gegenzug haben Kleibl und Zehetner im neuen Businessplan zugesagt, dass die Immoeast über die bekannten 2,4 Milliarden Euro hinaus Projekte stoppt und Immobilien verkauft sowie kein Geld mehr in Entwicklungsprojekte investiert.
Sehr ungemütlich wird das neue Jahr für den großen Strippenzieher Karl Petrikovics. Die ursprüngliche Anzeige der Finanzmarktaufsicht FMA wegen Bilanzfälschung konnte er noch als „relativ harmlos“ abtun. Inzwischen hat die Justiz die Ermittlungen aber stark ausgedehnt. Sie verdächtigt ihn sowie Exmanager Christian Thornton und weitere Beteiligte des Betruges, weil sie verschwiegen haben, dass sie mit Geld der Aktionäre „in enormem Umfang“ Aktien von Immofinanz und Immoeast gekauft haben. Gleichzeitig wird untersucht, ob damit gegen die Prospektpflicht und gegen das Kapitalmarktgesetz verstoßen wurde.

Staatsanwalt ließ weitere Hausdurchsuchungen durchführen
Auch Insiderhandel steht im Raum. Petrikovics ließ sich zwar von Rechts­professor Christian Nowotny, der ebenfalls als Beschuldigter geführt wird, ein Gut­achten anfertigen, wonach die Constantia Privatbank mit Aktien der Immofinanz-Gruppe handeln durfte. Die Mehrheit der Juristen vertritt aber den Standpunkt, dass die CPB durch die Managementverträge eine sogenannte „related party“ (verbundene Partei) war – und deswegen ein Insiderproblem besteht.

Der Staatsanwalt macht Druck. Nach mehreren Hausdurchsuchungen vor drei Wochen, auch in der noblen Privatvilla von Petrikovics in Wien-Hietzing, rückten am 11. Dezember wieder Fahnder in Begleitung von Experten der FMA aus. Diesmal durchkämmten sie die Büros von Wirtschaftsprüfungskanzleien, darunter jene von Deloitte, um weiteres Material sicherzustellen. Dass 2009 einer der ­größten Wirtschaftsskandale der letzten Jahre in Öster­reich in einem Strafprozess aufgerollt wird, scheint sehr wahrscheinlich. Von Schadenersatzprozessen ganz zu schweigen.

Von Andreas Lampl, Barbara Nothegger

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