
In Europa gilt Facereading als Nischenthema. Im Recruiting und im Vertrieb findet die Methode jedoch zunehmend Eingang ins Management.
Von der Mailbox direkt in den Papierkorb: Eine Initiativbewerbung bei Fabian Scherer, Geschäftsführer der CoLivi Real Estate GmbH, hätte beinahe dasselbe Schicksal ereilt wie viele andere. „Ich war mir bei der Bewerberin unsicher, und wir haben auch niemanden aktiv gesucht“, sagt Scherer.
Heute, ein Jahr später, nennt er die Entscheidung, die Kandidatin doch einzuladen, einen „Gamechanger“. Sie übernahm operative Verantwortung, strukturierte Prozesse neu und verschaffte ihm Freiraum für strategische Aufgaben. Den Ausschlag für diese Entscheidung gab allerdings nicht der Lebenslauf – sondern ein Blick ins Gesicht.
Recruiting zählt zu den teuersten Managemententscheidungen. Fehlbesetzungen kosten Zeit, Geld und Reputation. Je nach Position können die Folgekosten ein Vielfaches des Jahresgehalts betragen. Trotzdem beruhen viele Personalentscheidungen am Ende auf einem diffusen Gefühl: Passt die Person – oder passt sie nicht?
Wolfgang Lackner will dieses Bauchgefühl professionalisieren. Der studierte Volkswirt und ehemalige Vertriebsmanager arbeitet heute als Facereader mit Unternehmen in Recruiting, Führung und Vertrieb. Seine These: Persönlichkeitsdispositionen spiegeln sich im Gesicht wider – und lassen sich strukturiert lesen. „Aus dem Lebenslauf sieht man nicht, ob jemand die Veranlagung für eine bestimmte Rolle hat – im Gesicht schon“, sagt Lackner, der seine Ausbildung beim international renommierten Facereader Eric Standop und bei Morph Face Profiler Klaus Eisenblätter absolviert hat.
Im Fall von Scherer analysierte er zunächst das Bewerbungsfoto der Bewerberin, später beobachtete er das Gespräch. Geordnete Stirnlinien und eine ruhige Augenpartie deuteten für ihn auf strukturiertes Denken und Durchsetzungsfähigkeit hin: „Anforderungsprofil und Persönlichkeitsprofil sollten sich idealerweise zu mindestens 70 Prozent decken, damit der neue Mitarbeiter auch möglichst lange mit der Position glücklich ist.“ Für Scherer ging es weniger um Zeugnisse als um Teamdynamik. „Für mich ist ein funktionierendes Teamgefüge im Unternehmen entscheidend“, sagt er. Die neue Mitarbeiterin sei extrovertierter als er selbst, habe genau jene Aufgaben übernommen, die er abgeben wollte. Das Ergebnis; „Auch wenn ich länger weg bin, funktioniert die operative Verantwortung.“
Umsatzsteigerung
Ob die Methode auch unter Ergebnisdruck funktioniert, zeigt sich im Vertrieb. Der deutsche Unternehmensberater Mike Zick arbeitet seit mehreren Jahren mit Lackner zusammen. In seinem eigenen Unternehmen habe die Zusammenarbeit messbare Effekte gebracht: „Im Schnitt waren es 13 Prozent mehr Umsatz“, sagt Zick.
Besonders bei Vertriebsprojekten bei Kunden greift Zick auf Facereading zurück. Ein Beispiel: Zick coachte ein gesamtes Vertriebsteam. Ein Mitarbeiter erzielte konstant höhere Abschlussquoten als seine Kollegen. Schulung, Erfahrung oder Gesprächsleitfäden erklärten den Vorsprung nur teilweise. Zick wollte verstehen, woran es tatsächlich lag und ob sich dieser Faktor strategisch nutzen lässt.
Nach der Analyse sprach Lackner von einem „Königsgesicht“: ein Typus mit ausgeprägter Präsenz, klarer Entscheidungsstärke und natürlicher Durchsetzungsfähigkeit. Die operative Konsequenz: Solche Mitarbeiter werden nun gezielt in Abschluss- und Verhandlungssituationen eingesetzt, andere stärker im Beziehungsaufbau und in der langfristigen Kundenpflege. „Nicht jeder ist für jede Rolle gemacht“, sagt Zick, „entscheidend ist, dass die Persönlichkeit zur Aufgabe passt.“


„Aus dem Lebenslauf sieht man nicht, ob jemand eine Veranlagung für eine bestimmte Rolle hat - im Gesicht schon.“ - Wolfgang Lackner, Facereader
© THERESIA KAUFMANNWissenschaftlich nicht belegt
Wissenschaftlich im Sinne klassischer empirischer Doppelblindstudien ist das Verfahren bislang nicht validiert. Die moderne Persönlichkeitspsychologie geht überwiegend nicht davon aus, dass sich stabile Charaktereigenschaften eindeutig aus Gesichtsformen ableiten lassen. Kritiker warnen daher vor einer möglichen Überinterpretation äußerer Merkmale und davor, dass Entscheider nach einer Analyse vor allem jene Signale wahrnehmen, die ihre Einschätzung bestätigen.
Lackner hält diese Einordnung für zu kurz gegriffen. Er verweist auf Zusammenhänge zwischen Genotyp und Phänotyp sowie auf neurobiologische Erkenntnisse, wonach innere Dispositionen langfristig äußere Strukturen prägen können. Seine Arbeit beruhe auf einer „klaren inneren Logik“ aus Medizin, Genetik und Beobachtungspsychologie.
Ob sich daraus ein belastbares Instrument entwickelt oder eine strukturierte Form der Intuition bleibt, wird sich zeigen. Klar ist nur: Wer Personalentscheidungen trifft, liest Gesichter ohnehin bewusst oder unbewusst. Facereading versucht, diesem Blick eine Methode zu geben.
Facts & Figures
DEFINITION. Facereading bezeichnet die Analyse von Gesichtsmerkmalen, um Rückschlüsse auf Persönlichkeitsdispositionen zu ziehen. Anhänger gehen davon aus, dass sich Charaktertendenzen im Gesicht widerspiegeln.
HERKUNFT. Die Methode beruft sich auf Elemente der klassischen Physiognomik und auf Beobachtungspsychologie. In Teilen Asiens, insbesondere im chinesischen Kulturraum, ist Gesichtsanalyse seit Jahrhunderten verbreitet.
BERUFSBILD. „Facereader" ist kein staatlich anerkannter oder geschützter Beruf. Es existieren private Ausbildungsangebote und Zertifikatslehrgänge unterschiedlicher Anbieter.
AUSBILDUNG. Die Ausbildung erfolgt meist in Seminaren, in Workshops oder in mehrstufigen Kursprogrammen. Einheitliche Qualitätsstandards oder gesetzliche Vorgaben gibt es nicht.
VERBREITUNG. Eine offizielle Erhebung zur Zahl praktizierender Facereader existiert nicht. In Österreich und Deutschland dürfte es sich um eine vergleichsweise kleine Szene handeln. International zählt der in den USA lebende Deutsche Eric Standop zu den bekanntesten Facereadern.
Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 6. März 2026 erschienen.