CEOs stellen die Sinnfrage

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Albert Schmidbauer, Gründer und CEO von Biogena
 © Lukas Ilgner

Albert Schmidbauer, Gründer und CEO von Biogena

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Weil viele alte Gewissheiten in Zeiten von künstlicher Intelligenz und Donald Trump zerbröseln, suchen Führungskräfte in einer unübersichtlich gewordenen Welt nach neuen Haltegriffen. Spiritualität und Techniken zur Bewusstseinsentwicklung boomen - nicht nur zur privaten Entschleunigung und Sinnsuche, sondern auch als Führungsinstrument.

Sein Motto sei immer gewesen: „Hände sind zum Arbeiten, nicht zum Beten da“, erzählt der Mann aus dem Publikum, ein Manager mittleren Alters mit fortgeschrittenen Grautönen im Haar und feinem Anzug. Viele Jahre seines Lebens habe er andere Leute mit einem Hang zu Gott deshalb ausgelacht. Dann habe er jedoch seinen Draht nach oben entdeckt und sei irgendwann bei der Frage gelandet: Muss ich das Thema nicht auch jenseits der Religion in meinen Führungsalltag übersetzen?

Die Szene vom November 2025 stammt nicht etwa aus einem Selbstoffenbarungs-Retreat, sondern aus dem renommierten Global Peter Drucker Forum, das sich jährlich in der Wiener Hofburg den großen Führungsthemen der Zeit und dem Vermächtnis des aus Wien stammenden Pioniers der Managementlehre widmet. Die Session „Working With Spirituality“ reihte sich in Blöcke ein, in denen es um soziale Verantwortung oder Führen in Zeiten von KI ging. Mit am Podium: der bekannte Wiener Deeptech-Unternehmer Georg Kopetz, der seine eigene spirituelle Reise vom angelernten Katholizismus über den Taoismus bis hin zum Buddhismus skizzierte und nun sogar plant, ein „House of Spirits“ in Wien zu etablieren.

Wissenschaft bleibt Basis

Ob als ganzheitlich angepriesene Yoga-Events, mystische Inspirationen von Sufismus bis Kabbalismus oder einfach Übungen unter englischen Leitvokabeln wie Mental Health, Consciousness oder Mindfulness – der Markt für Sinnsuche boomt. Neu ist, dass die Integration dieser Inhalte zusehends zum Führungsthema wird. „Managern geht es um die Frage: ‚Wie setze ich das in mein Führungsverhalten um?‘“, sagt Wolfgang Lassl von der Peter Drucker Society Europe. Er will das Thema beim diesjährigen Forum im November noch einmal vertiefen.

Werden Chief Spiritual Officers schon bald kein Exotikum mehr sein, sondern zum Unternehmensalltag gehören?

Treiber der Entwicklung scheint das rasant gewachsene Bedürfnis nach Haltegriffen in einer Zeit zu sein, die von KI-Beschleunigung und täglichen Trump’schen Erschütterungen geprägt ist. „Die Welt dreht sich so schnell, dass die klassischen Orientierungen verloren gegangen sind“, glaubt Neos-Gründer Matthias Strolz.

Er ist Ende März von einem Yoga-Retreat in Portugal zurückgekommen, das für Venture-Capital-Investoren und Start-up-Leute maßgeschneidert war. In seinen eigenen Seminaren, „offenen Formaten, die aus wissenschaftlicher Perspektive auf systemisch-integraler Ausrichtung basieren“, seien drei Viertel des Publikums Führungskräfte und Freiberufler:innen, schätzt der Kommunikations- und Rhetorikprofi: „Das Thema hat Hochkonjunktur.“

Den Draht zur Wissenschaft nicht zu verlieren ist allerdings für viele Sinnsucher einer Generation, die grundsätzlich ein aufgeklärtes Welt- und Menschenbild vertreten will, die Krux. Auch wenn bisherige Grundannahmen etwa der klassischen Ökonomie und Weltpolitik im Krisenzeitalter zu Recht stark hinterfragt werden – keiner will Obskurant oder Frömmler sein.

Wer sich spirituell nennt, „gerät schnell unter Eso-Verdacht“, bestätigt Strolz, die Berührungsängste sind groß. Vielleicht auch deshalb werden die Größen der Quantenphysik als Gewährsleute ebenso gern zitiert wie der Freud-Schüler C. G. Jung oder die moderne Neurowissenschaft. Damit soll das Unerklärliche oder nur Gefühlte, das bei Begegnungen oder Praktiken erlebt wird, einen Hauch Rationalität bekommen. Die Grundstimmung erinnert an das Wiener Fin de Siècle und dessen „Faszination des Okkulten“ , dem das Wiener Leopold Museum im Herbst eine gleichnamige Ausstellung widmete. Stets geht es um die Wendung vom Äußeren ins Innere, vom Materiellen ins Feinstoffliche. Er habe immer die Welt verändern wollen, sagt Andreas Tschas, einst Erfinder von Österreichs wirkungsmächtigstem Start-up-Festival „Pioneers“. Jetzt habe er erkannt, „dass ich mich nur selber verändern kann“.

Sein neuestes Projekt, Conxious, nimmt soeben Gestalt an. Es ist eine Art Bewusstseinsklub, der in Veranstaltungen und Begegnungen am Wiener Otto-Wagner-Areal Themen wie „Stille“, „innerer Klarheit“ und „Präsenz“ nachgehen will. „Die Roboter kommen so oder so – wir brauchen wieder die Menschen“, postuliert Tschas.

Die 50 Gründungsmitglieder, die je 3.000 Euro Jahresgebühr eingezahlt haben, sind bereits gefunden, zu ihnen gehören TTTech-Chef Kopetz und Start-up-Investor-Legende Hansi Hansmann, aber auch Manager:innen wie die frühere Strabag-Vorständin Annette Scheckmann. Für insgesamt 150 Mitglieder hat Tschas Platz, dann wird die Pforte geschlossen. Neu Eintretende zahlen ab sofort bereits 4.000 Euro. Um das Ganze nicht allzu elitär zu machen, soll ein Drittel der Members über Stipendien teilnehmen können. Erster Höhepunkt wird ein großes „Conxious Picnic“ am 30. September und 1. Oktober am Otto-Wagner-Areal sein.

Ob das Gelände der ehemaligen Nervenheilanstalt nicht zu belastet sei, um unbeschwerte Aufbruchsstimmung für eine Wanderung in höhere Bewusstseinssphären zu entwickeln? „Bei uns geht es darum, das Nervensystem herunterzufahren“, kontert Tschas pointiert. Er will nicht weniger als „ein neues Betriebssystem für unsere Wirtschaft“ bauen.

Spirituelle Rituale im Arbeitsalltag

Also geht es am Ende doch weniger um Sinnsuche als um Weltveränderung? Um hoch skalierte mentale Werkzeuge und Methoden, die den metaphysischen Konzepten aus dem Trump-Universum etwas entgegensetzen sollen?

In der Tech-Szene seit Längerem wild umstritten sind etwa die Phychedelika-Offensiven des deutschen Investors und Magic-Mushroom-Fans Christian Angermayer, der über einen direkten Draht zum Trump-Clan verfügt, und noch mehr die obskuren Fantasien einflussreicher Tech-Milliardäre wie Peter Thiel.

Niemand der von trend befragten Unternehmer:innen und Manager:innen lässt sich auf eine inhaltliche Diskussion über Thiels Auslassungen zum Antichristen und zur Apokalypse ein. Dennoch wollen viele entschieden mehr als nur alle paar Monate ins Kloster fahren und in der Abgeschiedenheit von der hektischen Welt Kraft tanken – ohne aber jemandem davon zu erzählen, weil es zu Irritationen in der Belegschaft führen könnte.

Führungskräfte, aber auch Investoren versuchen mehr und mehr, in ihre unmittelbare Umgebung auszustrahlen, ohne zu belehren oder gar zu bekehren. Impact, also Wirksamkeit ist das Zauberwort.

Das beginnt im Alltag. Die Führungskräfteentwicklerin Kathrin Fox startet ihre Seminare oft mit einer Meditation. Tech-Unternehmer Kopetz, ein hochpolitischer Kopf, legt in Besprechungen dann und wann eine Schweigeminute ein. Das irritiert, schafft aber oft auch neue Verbindungen. Zu Ende gedacht, formuliert Ex-Politiker Strolz, müsse der Ansatz jedoch ganzheitlich sein. Letztlich sei „wirtschaftliches Handeln eine spirituelle Übung“.

Der große Crash

Ohne großen Überbau hat bisher der „Spiritus Rector“ des Gesundheitsunternehmens Biogena Spirituelles in seinen Arbeitsalltag einfließen lassen: Albert Schmidbauer redet locker über die energetischen Prinzipien beim Aufbau seiner Locations oder seine Inspirationsquellen, zu denen etwa der in Sankt Gilgen lebende, demnächst 100-jährige Mönch – und Biogena-Kunde – David Steindl-Rast gehört, ein Name, den auch Kopetz und Strolz wiederholt fallen lassen.

Schmidbauer ist wie viele andere von trend interviewten Wirtschaftsmenschen in einem „zutiefst katholischen“ Elternhaus aufgewachsen, sagt er, habe sich aber von der Kirche entfremdet – und gehe nun eben seine eigenen Wege. Anders als etwa der in der Conxious-Community oft zitierte österreichische, im Silicon Valley verankerte Investor Charly Kleissner, der auch das Projekt einer gemeinwohlorientierten ImpactBank in Österreich vorantreibt, will der Biogena-CEO nicht am profitorientierten Wirtschaftssystem rütteln.

Heterogenität kennzeichnet also die Szene, vieles ist noch im Fluss. Beispielsweise ist völlig unabsehbar, welche Auswirkungen die Globalisierung der Wirtschaftseliten auf mentale und Managementlehren haben wird. Wer jemals mit dem indischen Industriellen Rajiv Bajaj, dem neuen starken Mann beim gestrauchelten Motorradhersteller KTM, zu tun hatte, weiß, dass dessen Gandhi-inspirierter Stil jede Menge Andockmöglichkeiten für alternative und komplementäre Weisheiten bietet.

Unklar ist auch, ob das aktuelle Interesse nachlässt, wenn die Welt einmal ruhiger werden sollte. Stephanie Cox glaubt: nein. Sie ist Österreich-Chefin der Sozialunternehmer:innen-NGO Ashoka, deren Programme sich auch mit der Ausbildung künftiger Führungskräfte beschäftigen. „Wir müssen die nächste Generation, die vom Tag null an mit Algorithmen zu tun hat, schon jetzt resilient machen.“

Ob der große Bewusstseinssprung vorwärts evolutionär oder doch erst nach einem Crash passiert, ist ebenso Gegenstand heftiger Debatten. Von unerschütterlichen Optimisten bis zu profunden Dystopen reicht das Spektrum. Strolz meint etwa, dass es erst „hunderttausende Tote durch KI, eine große Tragödie von globalem Ausmaß“ geben muss, bis es ein Regelwerk, getragen von Consciousness, geben wird, das die Menschheit auf eine neue Stufe bringt.

Ob im Privaten, in Foren wie Conxious oder auch beim nächsten Peter Drucker Forum in der Wiener Hofburg: Die spirituellen Bekenntnisse werden in den kommenden Jahren sichtbarer werden. Was davon für den Management-Werkzeugkasten taugt und was tabu bleiben sollte, bedarf einer kritischen Diskussion.

Albert Schmidbauer, Biogena

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Kathrin Fox

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Kahthrin Fox, Heidrick & Struggles

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Andreas Schuster

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Andreas Schuster, Orasis Industries

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Georg Kopetz

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Georg Kopetz, TTTech

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 3. April 2026 erschienen.

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