trend-Buch: Der Karriere-Beschleuniger

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Wie KI die Welt von Headhuntern umkrempelt und warum Dietrich Mateschitz einst KTM kaufen wollte - zwei von zig spannenden Themen in einem neuen trend-Buch.

Im Jahr 1992 gab es dichtes Gedränge im Innviertler Ort Mattighofen. Der Vorzeigebetrieb KTM war pleitegegangen, und um die Reste ritterte eine Handvoll Motorrad-Aficionados, unter ihnen der Personalberater Hans Jorda, aber auch ein damals noch wenig bekannter Energydrink-Start-up-Gründer namens Dietrich Mateschitz. Sie kamen nicht zum Zug, der auf Sanierungen spezialisierte Steirer Stefan Pierer hatte sich rechtzeitig die Parademarke gesichert. Der Rest der Geschichte ist bekannt. ­

Von dieser bemerkenswerten Konstellation berichtet Jorda en passant in einem eben erschienenen Buch, einem Hybrid aus Biografie und Karriere-Ratgeber. Eingestreut sind auf den 288 lesenswerten Seiten griffige Managementweisheiten sowie Interviews, in denen nicht nur Wegbegleiter und Kunden des Autors zur Sprache kommen, sondern auch seine aktuellen Mitstreiter bei jorda & partners und seine Frau.

Wer mit dem begeisterten Basketballer, Jahrgang 1957, in seinem Büro in der Wiener Schottengasse plaudert, sieht an den Wänden jede Menge Motorradmotive, die perfekt zu diesem von Leistung, Aufstieg und Geschwindigkeit geprägten Leben passen. Neben seiner Hauptkarriere bei Größen wie Helmut Neumann International, Korn Ferry oder Neumann & Partners hatte er stets Motorradfirmen am Laufen, primär zur Reparatur und Servicierung seiner eigenen Bikes. Stilgerecht war der studierte Jurist Anfang der Achtzigerjahre denn auch ins eigene Arbeitsleben gestartet: als BMW-Motorrad-Vertriebschef.

Unternehmerpersönlichkeiten hat er in seinen 45 Berufsjahren viele kennengelernt, am stärksten imponiert hat ihm aber Mateschitz, den er 1985 versucht hatte, für den Job als Coca-Cola-Österreich-Chef zu gewinnen. Zu Jordas Ärger sagte der damalige Marketingleiter von Blendax nach 45 Minuten Telefonat mit der Begründung ab, dass er andere Pläne habe. Red Bull wurde zur Vorzeige-Erfolgsgeschichte der Republik schlechthin.

„Er war der beeindruckendste von allen, ein unglaublich feiner, immer gleich höflicher und freundlicher Mensch, unabhängig von seinem Erfolg“, rekapituliert Jorda, der im Gespräch auch Begegnungen mit dem Industrie-Tycoon Herbert Turnauer und mit Seilbahn-Unternehmer Michael Doppelmayr, ebenfalls ein Biker, hervorhebt. Aber auch von Mittelständlern mit oft nur regional klingenden Namen weiß er Faszinierendes zu erzählen.

Denn von Titeln und Lebensläufen allein lässt er sich schon lange nicht mehr beeindrucken. Akademisches Know-how, so sein Credo, werde häufig überbewertet: „Handwerkliches Können ist in unserer Gesellschaft leider nicht so viel wert wie das universitär angelernte Wissen.“

Ist es nun tatsächlich so, dass die heutige Führungskräfte-Generation nicht mehr den Biss hat wie die Granden von damals? Als jemand, der sein Berufsleben lang Kandidaten für Toppositionen gescreent hat, hat Jorda zu seinem Erschrecken festgestellt, dass viele der besonders Erfolgreichen, mit denen er zu tun hatte, eine harte Kindheit hatten. Das ist in einer Wohlstandsgesellschaft immer seltener der Fall, Work-Life-Balance rangiert in der Wertehierarchie der neuen Generation weit oben. „Das ist vielleicht für die Familien besser“, sagt der Workaholic, dessen fünf Kinder ihn laut Buch kaum zu sehen bekamen. Nachsatz: „Ich glaube nur, dass wir heute in einem globalen Wettbewerb stehen. Und wenn ich die Dynamik und das Tempo in Asien und in anderen Gebieten der Welt anschaue, dann mache ich mir um Europa Sorgen.“ Zweiter Nachsatz:. „Unter den viel geschmähten Immigranten sind prozentuell wahrscheinlich mehr Leute, die dieses Streben nach oben haben.“

Aber auch innerhalb Europas könne man sich noch einiges von anderen abschauen, sagt der Sohn einer dänischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Es ist kein Zufall, dass das kleine Dänemark mit Unternehmen wie Novo Nordisk, mit politischer Stabilität und Guidance sowie – Stichwort Grönland – mit Selbstbewusstsein auf der Weltbühne glänzt. Die Wurzeln dafür reichen weit zurück.

Korruption habe in seinem Mutterland ganz einfach keinen Platz, beobachtet Jorda, und in Sachen Gleichberechtigung müsse man niemandem etwas erklären („ich kenne dort keinen Mann, der die Hemden von seiner Frau gebügelt kriegt“). Weil in der Zeit, in der gearbeitet wird, intensiver gearbeitet wird, könnten es sich die Dänen auch leisten, um vier Uhr nachmittags nach Hause zu gehen.

Der Eindruck, politisch gut geführt zu werden, stärkt das Selbstbewusstsein: „Die Stimmung ist anders. Die Leute spüren, dass sie einen Budgetüberschuss haben.“ In Summe entstehe durch all diese Einflüsse „eine ganz eigene Art von Nationalstolz, den wir in Österreich gar nicht so zeigen können mit unserer ­nationalsozialistischen Katastrophengeschichte“.

Insbesondere von der Reformfähigkeit der Dänen mit ihrer sozialdemokratischen Premierministerin ist er begeistert. „Die haben das Pensionsalter auf 70 hinaufgesetzt, ohne dass das viel diskutiert worden ist.“ In vielen anderen Ländern, Österreich inklusive, mache ihm hingegen der Rechtsruck Sorgen, „weil ich nicht erkennen kann, welche Lösungen sie für die großen Probleme haben“. Er selbst, bekennt er, sei „sicherlich mehr links als rechts“.

Was bleibt von seiner Branche in Zeiten von KI, automatisierter Suche und algorithmisch ausgeklügelten MatchingPlattformen übrig? Jorda plädiert dafür, den Menschen nicht zu vergessen. Das Bauchgefühl werde durch Technologie nicht obsolet. Wer zu einem dreistündigen Gespräch mit ihm oder seinen Leuten antritt, werde maximal eineinhalb Stunden mit Angelerntem oder Antrainiertem durchkommen, danach offenbare sich der wahre Kern. Ein mit ChatGPT aufgepimpter Lebenslauf bekommt spätestens dann Risse. Jordas positiver Ausblick: „Den Menschen wird es in unserem System immer brauchen.“

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