
Burn-out und Bore-out gelten als gegensätzliche Phänomene. Hier die Überlasteten, dort die Unterforderten. Doch neurobiologisch haben beide dieselbe Ursache: Ein Kreislauf im Gehirn ist ins Stocken geraten. Wer ihn versteht, kann ihn wieder in Gang bringen – mit messbarem ROI.
Der Vertriebsleiter, der nicht mehr aufstehen konnte
Er war der Beste im Team. Drei Jahre in Folge über Quota, regelmäßig auf der Bühne beim President’s Club, beliebt bei Kunden und Kollegen. Dann, an einem Montagmorgen im März, lag er im Bett und konnte nicht aufstehen. Sein Körper funktionierte. Aber sein Kopf hatte aufgehört. Kein Antrieb, keine Vorfreude, kein Wille. Nur eine bleierne Leere und der Gedanke: Wozu?
Sein Chef reagierte, wie die meisten reagieren: „Nimm dir ein paar Tage frei.“ Dann: „Wir brauchen dich zurück.“ Dann: „Was kann ich tun?“ Die Antwort war: nichts. Denn das Problem lag nicht im Umfeld. Es lag im Gehirn – in einem Kreislauf, der ins Stocken geraten war.
Zur selben Zeit, in einem anderen Unternehmen, saß eine Projektmanagerin vor ihrem Bildschirm und scrollte seit einer Stunde durch Social Media. Nicht weil sie keine Aufgaben hatte – die hatte sie. Aber keine davon reizte sie. Alles war Routine. Alles war vorhersehbar. Alles war sicher – und tödlich langweilig. Innerlich hatte sie längst gekündigt. Quiet Quitting in seiner reinsten Form. Zwei Menschen, zwei gegensätzliche Symptome – und derselbe neurobiologische Mechanismus.

MENTAL PERFORMANCE PODCAST
Das Glücksrad im KopfBurn-out und Bore-out haben oft dieselbe neurobiologische Ursache, weshalb gute Führung sowohl Überlastung als auch Unterforderung früh erkennen und aktiv gegensteuern sollte.
Drei Botenstoffe, ein Kreislauf
In „Gute Gefühle“ beschreibe ich ein Modell, das die Mechanik hinter Motivation, Leistung und Erholung auf drei neurochemische Phasen reduziert – und damit für die Praxis greifbar macht.
Phase 1 – Dopamin: Der Antrieb.
Dopamin wird im ventralen Tegmentum des Mittelhirns produziert und projiziert über das mesolimbische System in den Nucleus accumbens – das Belohnungszentrum. Es wird freigesetzt, wenn wir eine Belohnung erwarten, einem Ziel näherkommen oder etwas Neues entdecken. Entscheidend: Nicht das Erreichen des großen Ziels erzeugt den stärksten Motivationsschub, sondern das Gefühl, ihm näherzukommen. Jeder Milestone, jedes gelöste Problem, jedes positive Kundenfeedback aktiviert das dopaminerge System. In dieser Phase sind wir neugierig, zielorientiert und voller Tatendrang. In der Managementsprache: Wir performen.
Phase 2 – Endorphine: Die Bestätigung.
Nach Anstrengung und Zielerreichung werden Endorphine – körpereigene Opioide – an den Opioidrezeptoren im Gehirn freigesetzt. Sie erzeugen Zufriedenheit, Stolz und das Gefühl, etwas gut gemacht zu haben. Vergleichbar mit dem Gefühl nach einer anstrengenden Mahlzeit: satt, zufrieden, erledigt. Allerdings hält dieser Effekt nur Stunden. Danach tauchen Zweifel auf, der nächste Task ruft, die Erschlaffung setzt ein.
Phase 3 – Serotonin: Die Erholung.
Serotonin wird überwiegend in den Raphe-Kernen des Hirnstamms produziert. Es sorgt für guten Schlaf, emotionale Ausgeglichenheit und Regeneration. Körper und Geist unternehmen eine Auszeit, um mit frischem Schwung wieder neue Ziele zu setzen – zurück in die Dopamin-Phase. Ich nenne das den „neurochemischen Wellnessurlaub“.
Wenn sich dieses Glücksrad dreht – Antrieb, Bestätigung, Erholung, neuer Antrieb –, verbinden sich mentale Gesundheit und mentale Leistungsfähigkeit. Das Problem beginnt, wenn der Kreislauf stockt. Und er stockt in zwei Richtungen.
Falle eins: Burn-out durch fehlende Erholung
High Performer pendeln zwischen Dopamin-Peaks und Endorphin-Highs, ohne je in die Serotonin-Phase zu gelangen. Anstrengung – Erfolg – Anstrengung – Erfolg. Kein Leerlauf, keine Regeneration, kein Abschalten. Neurobiologisch bedeutet das: Der Sympathikus – der aktivierende Zweig des autonomen Nervensystems – bleibt chronisch dominiert. Die parasympathische Gegenregulation, die Erholung ermöglicht, wird systematisch unterdrückt. Cortisol akkumuliert, die Nebennieren werden überlastet, die Stressachse (HPA-Achse) gerät aus dem Gleichgewicht.
Die AOK-Arbeitsunfähigkeitsstatistik beziffert die Folge: 194.000 Burn-out-Betroffene mit 4,8 Millionen Krankheitstagen allein in Deutschland. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen, da Burn-out im ICD-11 der WHO nicht als eigenständige Erkrankung, sondern als Folge chronischer Arbeitsbelastung klassifiziert ist. In der Führungsetage ist diese Falle besonders tückisch, weil sie von außen wie Spitzenleistung aussieht. Der Vertriebsleiter war drei Jahre lang der Beste – bis sein System kollabierte.
Falle zwei: Bore-out durch fehlenden Antrieb
Am anderen Ende des Spektrums verharren Menschen im Serotonin-Modus. Es stellt sich Langeweile ein, aber statt daraus neue Ziele zu entwickeln, wird der Impuls durch zielloses Scrollen, Routine oder innere Kündigung erstickt. Neurobiologisch fehlt die dopaminerge Aktivierung: Ohne Wachstumsreize, ohne Herausforderung, ohne das Gefühl, einem Ziel näherzukommen, lässt die Dopamin-Freisetzung nach. Die kognitive Leistungsfähigkeit baut ab – nicht weil das Gehirn geschädigt ist, sondern weil es nicht gefordert wird.
Gallup beziffert die globalen Kosten von Quiet Quitting auf 8,8 Billionen Dollar jährlich. Ich betone: Bore-out ist keine Faulheit. Es gehört zur menschlichen Biologie, Langeweile zu empfinden – als Signal, dass dem Gehirn Wachstumsreize fehlen. Unternehmen, die dieses Signal ignorieren und durch Routine ersetzen, verlieren ihre besten Talente: erst emotional, dann physisch.
Unser Gehirn leistet gern. In der permanenten Unterforderung fehlen ihm wichtige Reize – wir rutschen ins Bore-out. Im permanenten Überdruck fehlt die Erholung – wir rutschen ins Burn-out.
10 Stunden, die alles verändern: Der Business Case
Die vielleicht wichtigste Zahl für CFOs und HR-Verantwortliche stammt aus einer Studie der Johannes-Kepler-Universität Linz in Kooperation mit der psychischen Versorgungseinrichtung pro mente. An drei Unternehmen in Oberösterreich wurde getestet, was passiert, wenn Beschäftigte zehn Stunden mentales Coaching mit einfach anzuwendenden Übungen erhalten – verteilt über mehrere Wochen.
Das Ergebnis: Das Risiko für Burn-out und Stresserkrankungen halbierte sich. Die Kosten pro Teilnehmer lagen im niedrigen dreistelligen Bereich. Hochgerechnet auf die deutsche Wirtschaft entspricht das einem Einsparungspotenzial von bis zu 230 Milliarden Euro. Zehn Stunden – nicht zehn Monate, nicht zehn Seminare. Die Kosten-Nutzen-Relation macht diese Intervention zu einem der effizientesten Hebel im Corporate Health Management. Und sie widerlegt das Vorurteil, psychische Gesundheit sei ein weiches Thema ohne Business Case.
Fünf Strategien, um das Glücksrad in Schwung zu halten
Das Glücksrad-Modell macht Burn-out- und Bore-out-Prävention greifbar und steuerbar – für sich selbst und für Teams.
1. Erholung als strategische Investition einplanen
Serotonin ist keine Schwäche. Es ist der Zustand, in dem das Gehirn Informationen konsolidiert, Kreativität vorbereitet und Energie regeneriert. Das Default Mode Network – ein Netzwerk von Hirnarealen, das 2001 von Marcus Raichle (Washington University) identifiziert wurde – ist in Ruhephasen besonders aktiv und verknüpft Informationen, die im Tagesbetrieb nicht zusammenfinden. Ohne Leerlauf keine Innovation.
So geht’s: Blocken Sie wöchentlich mindestens zwei „White Spaces“ – Zeitfenster ohne Meetings, ohne E-Mails, ohne Input. Nutzen Sie diese für einen Spaziergang, einen bewussten Perspektivwechsel oder schlicht für Stille. Ihr Gehirn braucht diese Leerlaufphasen, um im Hintergrund Lösungen zu verarbeiten, die im Dauerbetrieb nicht entstehen.
2. Mikro-Fortschritte sichtbar machen
Das Dopamin-System reagiert nicht auf Jahresziele, sondern auf wahrgenommenen Fortschritt im Hier und Jetzt. Amabile und Kramer (Harvard Business School) zeigten in ihrer Langzeitstudie mit 238 Wissensarbeitern: Von allen Faktoren, die Engagement fördern, ist sichtbarer Fortschritt bei sinnvoller Arbeit der mit Abstand wirksamste.
So geht’s: Starten Sie jedes Weekly Stand-up mit einer Runde: „Was ist diese Woche gelungen?“ Bevor Sie über Blockaden und Risiken sprechen. Diese Reihenfolge ist neurobiologisch nicht trivial: Sie aktiviert zuerst das Belohnungssystem und schafft einen Zustand, in dem Problemlösung kognitiv leichter fällt.
Reflexion: Fragen Sie sich am Freitagabend: Was habe ich diese Woche bewegt? Nicht: Was ist noch offen? Dieser Fokuswechsel vom Defizit zum Fortschritt aktiviert das dopaminerge System und erzeugt Motivation für die nächste Woche.
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3. Bore-out als Frühwarnsignal ernst nehmen
Bore-out ist keine Faulheit – es ist ein neurobiologisches Signal, dass dem Gehirn Wachstumsreize fehlen. Täuber beschreibt in „Gute Gefühle“: Wenn Bäume nicht mehr wachsen, sterben sie. Wenn Menschen nicht mehr persönlich wachsen, werden sie unglücklich, verbittert und krank – ein Grundbedürfnis verkümmert.
So geht’s: Fragen Sie in Ihren 1-on-1s regelmäßig: „Was fordert dich gerade? Und was unterfordert dich?“ Wenn die zweite Antwort länger ausfällt als die erste, ist es Zeit für neue Verantwortung, ein Stretch Assignment oder einen lateralen Karriereschritt. Unterforderung ist ein Retention-Risiko – behandeln Sie es auch so.
4. Zyklen statt Dauerdruck designen
Das Glücksrad-Modell zeigt: Nachhaltige Leistung entsteht nicht durch permanente Aktivierung, sondern durch Zyklen aus Anspannung und Erholung. Im Leistungssport ist dieses Prinzip der Periodisierung seit Jahrzehnten Standard: Auf intensive Trainingsphasen folgen geplante Regenerationsphasen – nicht als Belohnung, sondern als Voraussetzung für die nächste Leistungsspitze.
So geht’s: Planen Sie nach intensiven Projektphasen, Produkt-Launches oder M&A-Prozessen bewusste Dekompressionsphasen: Retrospektiven, Teambuilding, Skill-Investments. Behandeln Sie Erholung wie ein Sprint-Review im agilen Prozess – als festen, nicht verhandelbaren Bestandteil des Zyklus. „Sprint – Recovery – Sprint“ statt Dauersprint.
Übung: Analysieren Sie die letzten drei großen Projekte: Gab es nach dem Go-live eine geplante Erholungsphase – oder ging es nahtlos in das nächste Projekt? Wenn Letzteres: Ihr Team betreibt neurobiologischen Raubbau an seiner Leistungsfähigkeit.
5. Frühwarnsystem etablieren – für sich und für das Team
Sowohl Burn-out als auch Bore-out kündigen sich früh an – durch Veränderungen in Stimmung, Energie und Körpersignalen. Die meisten Führungskräfte bemerken die Warnsignale bei ihren Mitarbeitenden spät – und bei sich selbst noch später.
So geht’s: Fragen Sie sich am Ende jeder Woche ehrlich: „In welcher Phase des Glücksrads bin ich gerade – Antrieb, Bestätigung oder Erholung? Oder stecke ich fest?“ Machen Sie dasselbe für Ihr Team. Diese einfache Standortbestimmung dauert eine Minute und kann Monate des Leidens verhindern.
Reflexion: Wenn Sie feststellen, dass Sie seit Wochen in derselben Phase feststecken – ob Dauerdruck oder Dauerleerlauf –, ist das kein Persönlichkeitsmerkmal. Es ist ein Signal, dass der Kreislauf Unterstützung braucht. Die JKU-Studie zeigt: Schon zehn Stunden gezieltes Coaching können den Kreislauf wieder in Gang bringen.
Mentale Gesundheit und mentale Leistungsfähigkeit schließen sich nicht aus – sie bedingen einander. Das Glücksrad-Modell macht das neurobiologisch greifbar: Unser Gehirn ist für einen Zyklus aus Antrieb, Erfolg und Erholung gebaut. Wer diesen Zyklus respektiert und aktiv steuert, schützt seine wichtigste Ressource – das eigene Gehirn – und die seines Unternehmens.

MENTAL PERFORMANCE PODCAST
Das Glücksrad im KopfBurn-out und Bore-out haben oft dieselbe neurobiologische Ursache, weshalb gute Führung sowohl Überlastung als auch Unterforderung früh erkennen und aktiv gegensteuern sollte.

Steckbrief
Prof. Dr. Marcus Täuber
Der Neurobiologe Dr. Marcus Täuber zählt zu den gefragtesten Keynote Speakern zu mentaler Gesundheit und Hochleistungspsychologie. Als Europas erster Professor für Biohacking und Longevity sowie Bestsellerautor zeigt er, wie sich das menschliche Gehirn gezielt verändern lässt, um Leistungsfähigkeit, Resilienz und ein langes gesundes Leben zu fördern.
Informieren Sie sich unter: https://ifmes.com
Quellen
Amabile, T. M., & Kramer, S. J. (2011). The progress principle. Harvard Business Review, 89(5), 70–78.
AOK Fehlzeiten-Report (2022). Burn-out-bedingte Arbeitsunfähigkeit.
Gallup (2022). State of the Global Workplace Report.
JKU Linz / pro mente. Studie zur Wirksamkeit mentalen Coachings am Arbeitsplatz.
Raichle, M. E. et al. (2001). A default mode of brain function. PNAS, 98(2), 676–682.
Täuber, M. (2023). Gute Gefühle. Wien: Goldegg Verlag.
