Wenn Stärke zur Falle wird

In Kooperation mit Monika Edlinger, MBA
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Warum Wachstums-Helden in der Krise scheitern und was Organisationen jetzt anders denken müssen: Monika Edlinger über den Kompetenz-Irrtum, falsche Führungsbilder und die Frage, warum ausgerechnet erfolgreiche Manager plötzlich zum Risiko werden.

Ein Muster, das wir alle kennen

Stell dir vor: Ein Bereichsleiter im Markt. Fünf Jahre in der Rolle. Er hat seinen Bereich von Grund auf neu aufgestellt — Vertriebszahlen verdoppelt, ein schlagkräftiges Team aufgebaut, Prozesse gestrafft. Die Zahlen haben immer gestimmt. Immer. Er gilt als einer der Besten im Unternehmen.

Dann bricht der Markt ein. Innerhalb weniger Quartale sackt das Neugeschäft weg. Das Topmanagement erwartet eine Strategie. Das Team erwartet Orientierung. Und er reagiert so, wie er es immer getan hat: Er zieht die Kontrolle an. Noch engere KPI-Vorgaben. Wöchentliche Reporting-Schleifen. Mehr Druck auf die Regionen. Mehr Meetings. Mehr Eskalationen.

Die Zahlen verbessern sich nicht. Das Team zieht sich zurück. Die besten Leute beginnen innerlich zu kündigen.

Er versteht es nicht. Er macht dasselbe wie immer. Er versteht nicht, warum es nicht mehr funktioniert.

Diesen Menschen kennen wir alle. Manche von uns sind dieser Mensch.

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Das ist kein Einzelfall — es ist ein Muster. Und Korn Ferry hat es gemessen.

In einer Studie mit über 150.000 Führungskräften weltweit hat die Beratung eine Zahl ermittelt, die eigentlich einen Aufschrei auslösen müsste: Weniger als zwei von zehn Führungskräften besitzen die Fähigkeiten, die sie für die wirklichen Herausforderungen von morgen brauchen. Und im CEO & Board Survey 2025 geben gerade einmal elf Prozent der befragten CEOs und Board Directors an, sich wirklich sicher zu fühlen, die anstehenden Risiken bewältigen zu können.

Elf Prozent.

Das ist kein Kompetenzproblem einzelner Personen. Das ist ein systemisches Designproblem. Wir wählen Führungskräfte für die Phase aus, in der sie aufgefallen sind — nicht für die Phase, in der sie gebraucht werden. Das ist der eigentliche Designfehler.

Was hier wirklich passiert

Die Falle schnappt zu

In Wachstumsphasen verlangt das System vor allem transaktionale Kompetenzen: Soll-Ist-Vergleiche, Prozesstreue, Effizienzsteigerung, lineare Skalierung. Wer in diesem Umfeld glänzt, denkt in Kontrolle, in Hebeln, in messbaren Outcomes. Das sind keine schlechten Eigenschaften — in der richtigen Marktphase sind es exzellente.

Tritt eine Krise ein, ändern sich die Spielregeln nicht schrittweise. Sie ändern sich über Nacht. Das vertraute Koordinatensystem bricht weg. Verlässliche Vergangenheitsdaten existieren nicht mehr als Navigationshilfe. Und genau hier schnappt die Falle zu.

Die psychologische Forschung ist eindeutig: Menschen unter hohem Stress intensivieren jene Verhaltensmuster, die ihnen in der Vergangenheit Erfolg gebracht haben — auch dann, wenn diese Muster in der neuen Situation destruktiv wirken. Der Kontrollmanager dreht die Kontrolle auf. Der Prozessoptimierer erhöht den Druck. Der Wachstumsheld tritt aufs Gas. Obwohl die Straße aufgehört hat zu existieren.

Was im Wachstum Stabilität schuf, wirkt in der Krise wie Brandbeschleuniger. Die Stärke von gestern wird zur toxischen Schwachstelle von heute. Ich nenne das das Kompetenz-Paradoxon.

Die Warnsignale kommen früh — und werden ignoriert

Das Kompetenz-Paradoxon kündigt sich an, lange bevor es in den KPIs sichtbar wird. Mitarbeiterbefragungen zeigen es als erstes: sinkende Vertrauenswerte, steigende Unsicherheit im Team, Rückgang der psychologischen Sicherheit und der Feedbackbereitschaft. Die meisten Organisationen lesen diese Signale falsch — als Motivationsproblem, als Kommunikationsschwäche, als kulturelles Rauschen. In Wahrheit sind sie ein präziser Frühindikator dafür, dass das Führungsprofil nicht mehr zur Marktphase passt. Wer wartet, bis die Zahlen es zeigen, hat meist bereits sechs bis zwölf Monate verloren.

Die Analogie, die niemand auf Führung anwendet

Jedes große Unternehmen weiß: Im Wachstum holst du Wachstumsberater. In der Restrukturierung holst du Krisenberater. Niemand erwartet ernsthaft, dass dieselbe Beratungsfirma beides gleich gut kann. Die Logik ist einleuchtend, sie ist akzeptiert, sie wird konsequent angewendet.

Nur auf Führung wird sie nicht angewendet.

Dort herrscht noch immer die Vorstellung des universellen Leaders — der Mensch, der im Wachstum skaliert, in der Krise stabilisiert, in der Transformation inspiriert und nebenbei noch das Team entwickelt. Diese Vorstellung ist nicht nur unrealistisch. Sie ist gefährlich. Denn sie führt dazu, dass wir Führungskräfte systematisch in Phasen einsetzen, für die sie nie ausgewählt wurden — und sie dann für das Scheitern verantwortlich machen, das wir selbst designt haben.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Scharmer: Die innere Quelle entscheidet

Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, beschreibt in seiner Theory U den entscheidenden Mechanismus: Er unterscheidet zwischen Führung, die aus der Vergangenheit reaktiv herunterlädt — Downloading — und Führung, die aus dem Entstehen heraus gestaltet: Presencing. Der typische Wachstumsheld in der Krise betreibt reines Downloading. Er greift auf Bewährtes zurück, das nicht mehr greift. Was er bräuchte, ist der Mut zum Innehalten — der tiefste Punkt der U-Kurve, an dem Führungskräfte aufhören zu reagieren und beginnen, wirklich wahrzunehmen.

Der blinde Fleck der Führung ist die innere Quelle, aus der Führungskräfte handeln.

C. Otto ScharmerÖkonom, Senior Lecturer und Aktionsforscher

Bass & Burns: Zwei Führungsqualitäten — eine Person

Bernard Bass und James MacGregor Burns lieferten den theoretischen Rahmen: Transaktionale Führung funktioniert im stabilen System — Ziele setzen, Leistung messen, Konsequenzen ziehen. Transformationale Führung ist gefragt, wenn das System selbst in Frage steht — wenn es um Sinnstiftung geht, um Richtung, um das Halten von Orientierung in der Ungewissheit. Beides sind wertvolle Qualitäten. Sie sind nur selten in derselben Person gleich stark ausgeprägt.

Frenkel-Brunswik: Ambiguitätstoleranz als Schlüsselkompetenz

Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik hat dafür einen Begriff geprägt, der heute aktueller ist denn je: Ambiguitätstoleranz. Die Fähigkeit, Widersprüche und nacktes Nicht-Wissen aktiv auszuhalten — ohne in blinden Aktionismus zu verfallen. Wer diese Fähigkeit nie entwickelt hat, weil sie im Wachstum nie gebraucht wurde, greift in der Krise automatisch auf das zurück, was er kennt. Kontrolle. Druck. Geschwindigkeit.

Peter & Zenger/Folkman: Das Prinzip, das sich wiederholt

Laurence J. Peter brachte das Grundproblem bereits 1969 auf den Punkt: In hierarchischen Systemen werden Menschen so lange befördert, bis sie eine Position erreichen, auf der sie nicht mehr kompetent sind. Das Peter-Prinzip lebt heute in der Übertragung von Wachstumskompetenz auf Krisenverantwortung. Wir befördern den Besten im Wachstum — und wundern uns, dass er in der Krise versagt.

In a crisis, the soft stuff is the hard stuff.

Jack Zenger & Joseph FolkmanZenger Folkman Research

Zenger und Folkman belegen empirisch: Führungskräfte mit hoher Beziehungsorientierung und Ambiguitätstoleranz werden in Krisen als deutlich wirksamer wahrgenommen — unabhängig von Hierarchiestufe, Branche oder Vorerfahrung. Was jahrzehntelang als Soft Skill galt, ist in der Krise der härteste Überlebensfaktor.

Was jetzt zu tun ist

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Fazit

Wir wissen es eigentlich alle. Wir rufen unterschiedliche Berater für unterschiedliche Phasen. Wir kaufen unterschiedliche Maschinen für unterschiedliche Produktionsprozesse. Wir trainieren unterschiedliche Athleten für unterschiedliche Disziplinen.

Nur bei Führung glauben wir noch, dass eine Person alles können muss. Und zahlen dafür einen Preis, den wir in Fluktuationsraten, Krankständen und verlorenen Transformationen messen — aber selten beim richtigen Namen nennen.

Das Kompetenz-Paradoxon ist kein individuelles Versagen. Es ist ein kollektives Designproblem. Und es beginnt damit, dass wir aufhören, den universellen Führungshelden zu suchen — und anfangen, die richtigen Menschen für die richtige Phase zusammenzubringen. Ausgestattet mit dem Wissen über ihre eigenen Profile. Begleitet von Systemen, die Warnsignale früh erkennen. Eingebettet in Strukturen, die Führung als das begreifen, was sie wirklich ist: kein Titel, kein Thron — sondern ein Werkzeug, das in die richtigen Hände gehört.

Scharmer nennt das den Übergang vom Ego-System zum Öko-System. Von der Frage „Was liefere ich?“ zur Frage „Was braucht das Ganze jetzt?“

Wahre Führungsstärke zeigt sich nicht darin, ein System im Wachstum perfekt zu skalieren. Sie zeigt sich darin, wie wir als Menschen miteinander in Beziehung treten — wenn das System aufhört zu funktionieren.

Stop advising. Start experiencing.

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Inspiriert von

  • C. Otto Scharmer — Theory U: Leading from the Future as It Emerges (2009)

  • Bernard M. Bass & James MacGregor Burns — Theory of Transformational Leadership

  • lse Frenkel-Brunswik — Modell der Ambiguitätstoleranz

  • Jack Zenger & Joseph Folkman — Research: Women Are Better Leaders During a Crisis

  • Laurence J. Peter — The Peter Principle (1969)

  • Korn Ferry — Self-Disruptive Leader Study (2019) & CEO Board Survey (2025)

  • Hays — HR-Report: Führungskräfte in der Krise

  • LINC GmbH — LINC Personality Profiler (Big Five)

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