
Wenn Führungsspannen wachsen, schrumpft oft das, was Führung wirksam macht: Nähe, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Monika Edlinger zeigt, warum viele Organisationen ihre Führungskräfte nicht an mangelnder Resilienz verlieren, sondern an falsch designten Strukturen. Ein Plädoyer gegen die Heroisierung von Überlastung und für Organisationen, in denen Führung wieder Raum bekommt.
Es ist ein Muster, das sich durch viele Konzernstrukturen zieht, von Stuttgart über Frankfurt bis Wien: In den Organigrammen wachsen die Führungsspannen wie unkrautartig wuchernde Äste. Wo früher sieben Mitarbeitende an eine Führungskraft berichteten, sind es heute oft fünfzehn oder zwanzig. Man nennt das „schlanke Strukturen", „Effizienzsteigerung" oder „Transformation". In Wahrheit ist es häufig ein organisatorisches Burnout-Programm mit Ansage.
Wer heute Mitarbeiterbefragungen mittlerer und großer Unternehmen analysiert, stößt auf ein fast unheimliches Muster. Es gibt sie nämlich noch, die Führungs-Helden: Teams mit Spitzenwerten bei Motivation, Vertrauen und psychologischer Sicherheit. Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch fast immer dasselbe Bild: Diese Teams sind klein. Überschaubar. Führbar.
Dort, wo Führung noch Beziehung ist — und nicht bloß Administration.
Der reflektierte Gehetzte
Dem gegenüber steht das Massenphänomen im Mittelbau: Führungskräfte, deren Kalender keine Luft mehr zum Atmen lassen. Sie hetzen von Termin zu Termin, moderieren Eskalationen, beantworten Nachrichten nachts im Bett und sitzen trotzdem permanent mit dem Gefühl im Auto, etwas Wesentliches vergessen zu haben.
Trotz 70-Stunden-Wochen ernten sie am Ende oft Unzufriedenheit auf allen Ebenen. Die Mitarbeitenden fühlen sich allein gelassen. Das Topmanagement vermisst strategischen Weitblick. Und die Führungskraft selbst steht irgendwann an der Schwelle zur völligen Erschöpfung.
Das eigentlich Erschreckende daran ist nicht die Belastung selbst — sondern das kollektive Wegsehen.
Solange die Zahlen noch halbwegs stimmen, behandeln viele Organisationen die Erschöpfung ihrer Führungskräfte wie ein unvermeidbares Naturereignis. Man reagiert mit Resilienz-Seminaren, Achtsamkeits-Apps und Coaching-Ausbildungen — als ließe sich ein strukturelles Problem einfach wegmeditieren.
Dabei liegt der Denkfehler viel tiefer.
Aufmerksamkeit ist keine Softwarelizenz
Wir behandeln Führung in der Betriebswirtschaft oft wie ein immaterielles Gut, das beliebig skalierbar sei. Als könnte ein Mensch mit zwanzig Direktreports dieselbe Qualität an Aufmerksamkeit liefern wie mit sieben — nur eben effizienter organisiert.
Doch Aufmerksamkeit ist keine Softwarelizenz. Empathie ist nicht skalierbar. Präsenz ist kein unendlicher Rohstoff.
Unlängst saß mir in einem Coaching ein Manager gegenüber, dessen Bereich seit Monaten kämpfte: 20 Mitarbeitende, hohe Fluktuation, steigende Krankenstände, schlechte KPIs. Dauereskalation statt Führung. Und trotzdem war er selbst der leistungsstärkste Mitarbeiter im Team. Er kompensierte, rettete, sprang ein. Jeden Tag.
Dann stellte ich ihm eine einfache Frage: „Wo bleibst Du in diesem System?" Und plötzlich wurde es still.
Sein Alltag bestand fast nur noch aus Reaktion. Eskalationen. Abstimmungen. Krisenmanagement. Er war zum menschlichen Router geworden — ein hochbelasteter Verteiler von Informationen, Erwartungen und Konflikten. Von oben nach unten. Von links nach rechts. Siebzig Stunden pro Woche.
Nur sich selbst erreichte er nicht mehr.
Die schmerzhafte Erkenntnis lautete: Nicht er hatte versagt. Das System hatte nie vorgesehen, dass Führung unter diesen Bedingungen überhaupt noch menschlich funktionieren kann.
Genau hier beginnt das eigentliche Skalierungs-Paradoxon moderner Organisationen.
The map is not the territory.
Die biologische Grenze von Führung
Je komplexer Wissensarbeit wird, desto mehr Orientierung, Konfliktklärung und emotionale Stabilität wären eigentlich notwendig. Doch viele Unternehmen reagieren auf diese Komplexität mit genau dem Gegenteil: größeren Führungsspannen, mehr administrativer Verdichtung und noch weniger echter Zeit für Führung.
Die industrielle Logik des 20. Jahrhunderts lautete: Mehr Standardisierung braucht weniger Führung. Die Wissensökonomie funktioniert jedoch anders. Wer kreative, komplexe oder hochdynamische Arbeit steuern will, braucht keine größeren Kontrollräume — sondern kleinere Resonanzräume.
Der Anthropologe Robin Dunbar beschrieb bereits in den 1990er-Jahren die biologische Grenze stabiler sozialer Beziehungen. Übersetzt in die moderne Arbeitswelt bedeutet das: Führung hat ein kognitives Limit.
Wer fünf Menschen führt, kennt Spannungen, Motivationen und stille Konflikte oft intuitiv. Bei fünfzehn beginnt Führung zu fragmentieren. Bei zwanzig wird sie transaktional.
Der Kalender ersetzt die Beziehung. Und genau dort stirbt psychologische Sicherheit.
Psychological safety is not about being nice. It's about candor.
Coaching als Symptombehandlung
Die Harvard-Forscherin Amy Edmondson konnte zeigen, dass Hochleistungsteams nicht dort entstehen, wo Menschen fehlerfrei arbeiten — sondern dort, wo Probleme früh ausgesprochen werden dürfen. Wo Mitarbeitende keine Angst haben, Unsicherheit zu zeigen oder Risiken offen anzusprechen.
Ein überlasteter Manager kann diese Sicherheit kaum noch herstellen. Er verwaltet Eskalationen, statt Vertrauen aufzubauen. Er reagiert, statt wahrzunehmen.
Psychologische Sicherheit ist deshalb kein „Wellness-Thema" — sondern ein wirtschaftlicher Frühwarnmechanismus.
Trotzdem reagieren viele Organisationen auf diese Entwicklung noch immer mit den falschen Werkzeugen. Sie schicken erschöpfte Führungskräfte in Coaching-Ausbildungen oder Resilienz-Programme, obwohl das eigentliche Problem strukturell ist.
Das ist ungefähr so, als würde man Menschen Schwimmtechniken beibringen — während das Schiff weiter vollläuft.
How can I know what I think until I see what I say?
Die Gießkannenlogik der Ressourcenverteilung
Hinzu kommt ein weiterer Denkfehler: die Gießkannenlogik der Ressourcenverteilung. Nicht selten erhält ein kleines Team von sechs Personen dasselbe Budget für Teamentwicklung wie eine Abteilung mit zwanzig Mitarbeitenden.
Die Führungsspanne verbrennt also nicht nur Menschen. Sie verschlechtert auch die Kapitalrendite von Entwicklung.
Vor allem aber produziert sie ein strukturelles Enttäuschungssystem. Mitarbeitende erwarten Nähe und Orientierung. Das Topmanagement erwartet Performance und Transformation. Die Führungskraft versucht beides gleichzeitig zu liefern — und scheitert oft nicht an mangelnder Kompetenz.
Zu viele Menschen. Zu wenig Zeit. Zu wenig echte Führung.
Vier Konsequenzen — radikal und banal zugleich
Die zentrale Managementfrage der kommenden Jahre lautet deshalb nicht: Wie holen wir noch mehr Leistung aus Führungskräften heraus? Sondern: Wie bauen wir Organisationen, in denen Führung überhaupt noch wirksam möglich ist?
1. Mache Führungsspannen wieder verhandelbar. Behandle Teamgröße nicht als fixe Organisationsrealität, sondern als strategische Designentscheidung. Wenn Führung keine echte Beziehung mehr ermöglicht, ist die Struktur falsch — nicht die Person.
2. Trenne konsequent zwischen Fach- und Führungsweg. Befördere nicht automatisch die besten Experten in Führungsrollen. Baue Karrierepfade, in denen Exzellenz im Fachlichen nicht durch Führung ersetzt werden muss.
3. Stelle Organisationsentwicklung vor individuelle Entwicklung. Arbeite zuerst am System, bevor du Menschen optimierst. Solange Strukturen Überlastung erzeugen, bleiben Trainings und Coaching nur Reparatur an Symptomen.
4. Gib Führung ein Zeitbudget — nicht nur Ergebnisverantwortung. Definiere Führung explizit als Tätigkeit die Raum braucht. Wer 20 Menschen führt, braucht geschützte Zeit für Führung — kein operatives Tagesgeschäft.
Fazit
Am Ende ist die Logik einfach: Nicht die Menschen sind zu schwach. Oft sind die Systeme zu dicht, zu unklar und zu groß gebaut.
Wir verlangen von Führungskräften emotionale Tiefe und strategische Klarheit – und parken sie gleichzeitig auf einer organisatorischen Autobahn mit fünfundzwanzig Ausfahrten.
Es ist Zeit für eine neue Managementdebatte. Weg von der Heroisierung individueller Belastbarkeit. Hin zu der Frage, welche Strukturen menschliche Wirksamkeit überhaupt ermöglichen.
Wahre Führung braucht Raum.
Wer gute Führung will, muss sie architektonisch möglich machen. Denn echte Wirkung, echtes Wachstum und echte Veränderung entstehen nie durch organisatorische Verdichtung – sondern durch Verbindung.
Real connection. Real growth. Real impact.

Steckbrief
Monika Edlinger, MBA
Aufgewachsen in den Bergen, in einem lebendigen Familienclan, lernte Monika früh, wie sehr Gemeinschaft trägt – und zugleich herausfordert. Heute ist sie eine prägende Stimme für eine neue Architektur der Wirksamkeit in den Führungsetagen zwischen Stuttgart, München und Wien.
Als systemische Beraterin, Coach und Dozentin begleitet sie Menschen und Organisationen durch Transformation, Krise und Wachstum. Dabei verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit strategischer Klarheit und konsequenter menschlicher Tiefe. Ihr Ziel ist stets: Real Connection. Real Growth. Real Impact. Ihre Arbeit wurde international mit dem Distribution & Marketing Innovation Award ausgezeichnet. Ihr Ansatz: weg von reiner Wissensvermittlung – hin zu echter Erfahrung.
Stop advising. Start experiencing.
Inspiriert von:
Robin Dunbar („The Social Brain Hypothesis“)
Amy Edmondson („Psychological Safety“)
Laurence J. Peter („The Peter Principle“)
Herbert A. Simon („Bounded Rationality“)
Karl E. Weick („Sensemaking in Organizations“)
