Zusammen ist man weniger allein

Zusammen ist man weniger allein

Wohngemeinschaften sind nicht nur etwas für Studenten. Auch Architekten, Alleinerzieherinnen oder Senioren schließen sich zusammen, um gemeinsam unter einem Dach zu leben.

Worauf sie sich genau einließen, als sie vor ein paar Monaten mit Sack und Pack zusammenzogen, wusste im Vorfeld keiner der fünf Mitbewohner so genau. Lediglich Svenja und ihre Freundin Franzi kannten einander, die anderen Bewohner stießen nach und nach dazu. Die Mittzwanziger teilen sich eine 220 Quadratmeter große Wohnung im zweiten Bezirk. Sechs Zimmer, ein Wohnraum mit Kochinsel, zwei Bäder und eine Terrasse bieten genug Platz für Kochsessions und gemütliche Fernsehabende. "Große WG-Partys werden bei uns nicht gefeiert. Wir haben es alle miteinander gern ein wenig ruhiger und versumpern eher beim Filmeschauen als auf einem Festl“, erzählt WG-Sprecherin Svenja Wiemer.

Die fünf sind sich einig, dass sie es miteinander nicht besser hätten treffen können, obwohl sie einander nie dem klassischen WG-Casting unterzogen hatten. Sie wurden in einem einzigartigen Projekt zusammengewürfelt. Citycom 2 heißt das österreichweit einzige WG-Haus, das 42 bunt gemischte Wohngemeinschaften in der Nähe des Nordbahnhofs beherbergt. Errichtet wurde es im vergangenen Jahr vom Österreichischen Siedlungswerk (ÖSW), das als erster institutioneller Bauträger den Trend zum Zusammenleben erkannt hat.

Denn die Zahl derer, die sich entschließen zusammenzuwohnen, obwohl sie weder miteinander verwandt noch verbandelt sind, steigt. Während vor zehn Jahren nur ein bis zwei Prozent der Österreicher in einer Wohngemeinschaft zusammenlebten, waren es im vergangenen Jahr bereits sieben Prozent, sagt Andrea Baidinger, Gründerin der Kommunikationsagentur "bauen wohnen immobilien“. Und schon längst nicht mehr sind es nur Studenten, die Küche, Bad und Lebenseinstellung teilen. Immer öfter schließen sich Menschen mit ähnlichen Interessen zu einer Art Ersatzfamilie auf Zeit zusammen: Jobnomaden, die nur begrenzte Zeit in der Stadt sind und abseits des Berufsalltags Anschluss in einer Business-WG suchen, Alleinerzieherinnen, die sich gemeinsam mit anderen ein soziales Netz bauen, und immer öfter auch Senioren, die so der Einsamkeit in den eigenen vier Wänden entfliehen. Netter Nebeneffekt in Zeiten stetig steigender Mietpreise: Die Wohnkosten für die einzelnen Bewohner sinken drastisch.

Niedrige Kosten

Damit das auch funktioniert, gilt es erst einmal, die passende Immobilie zu finden. "Am wichtigsten ist die zentrale Begehbarkeit aller Wohnräume. Während Studenten noch gewillt sind, ein günstiges Durchgangszimmer zu akzeptieren, ist spätestens dann damit Schluss, wenn man ins Berufsleben einsteigt und die Ansprüche steigen“, weiß Stefan Linder, Geschäftsführer von Resag Immobilien in Wien. Für ein angenehmes Zusammenleben braucht es außerdem zumindest einen großen Gemeinschaftsraum, etwa die Wohnküche, als Herzstück der WG. Bei mehr als drei oder vier Leuten, die zusammenleben, schadet auch ein zweites Badezimmer nicht.

Besonders gefragt sind Wohngemeinschaften in zentralen Lagen. "Dass sich mehrere Leute finden, die gemeinsam ein Haus im Grünen mieten, kommt eher selten vor. Die meisten zieht es in den innerstädtischen Bereich“, sagt Christoph Petermann, Geschäftsführer der Raiffeisen Immobilien Vermittlung. Ein geräumiges 18 Quadratmeter großes Zimmer in einer WG schlägt dort im Schnitt mit 300 bis 350 Euro zu Buche - inklusive TV- und Internet-Gebühr. Dabei gilt: Je größer die Wohnung, desto wahrscheinlicher sind niedrige Wohnkosten pro Bewohner. Besonders gefragt sind in Wien die Bezirke innerhalb des Gürtels, aber auch Ottakring mit der lebendigen Gegend um den Brunnenmarkt und den Yppenplatz. In Graz zieht es WGs nach Leonhart und Geidorf, zunehmend aber auch nach Gries und Jakomini. In Innsbruck ist das Stadtzentrum am beliebtesten.

Für Business-Nomaden

Den Charme einer perfekten WG macht aber nicht nur die Wohnung selbst, sondern auch die passenden Mitbewohner aus. In ihrer alten WG hat Svenja Wiemer bereits Lehrgeld bezahlt: " Mit dem Hauptmieter war kein Auskommen zu finden, ich konnte aber nicht einfach aus dem Mietvertrag aussteigen. Wir sind schließlich bei der Schlichtungsstelle gelandet.“ In ihrer neuen WG kann ihr das nicht passieren, schließlich schließt jeder Mieter mit dem Bauträger ÖSW einen unbefristeten Vertrag ab. Rechtssicherheit ist so garantiert (siehe " Tipps für das gemeinschaftliche Wohnen ").

Ein Konzept, das auch die 50 Bewohner eines WG-Hauses in Düsseldorf schätzen. "WG4u“ ist eine der ersten organisierten Business-WGs. Eine Expansion nach Wien ist bereits geplant. Die Idee: Wer ein Leben als Business-Nomade führt und für sein Unternehmen ein, zwei Jahre lang in eine andere Stadt geht, dem fehlt es abseits der beruflichen Kontakte oftmals an sozialen Netzwerken. Wer am Abend nicht in eine leere Wohnung nach Hause kommen will, sondern lieber mit Gleichgesinnten gemeinsam kocht oder auf der großen Terrasse den Abend ausklingen lässt, ist hier richtig. "Einziehen kann man kurzfristig, denn die Zimmer sind komplett möbliert“, sagt Sabine Tabrizi, die gemeinsam mit Bernd Prasuhn die Idee zum WG-Konzept hatte. Ganz billig lässt sich hier allerdings nicht logieren. Ab 640 Euro im Monat ist man dabei, je nach Zimmergröße können es aber auch bis zu 1280 Euro werden. Dafür sind aber auch Fitnessstudio, Wellnessbereich und Grundreinigung im Preis inkludiert. Bäder, Toiletten, die 250 Quadratmeter große Küche und demnächst auch eine Cocktail-Lounge teilt man aber mit den Mitbewohnern. Und dabei wird auch noch fleißig genetzwerkt. Die ideale Unterkunft für moderne Jobnomaden.

Die Arbeit mit nach Hause nehmen mitunter auch Matthias Gumhalter, Christian Reschreiter und Jan Ries. Die drei Architekten von "WG3 Architekten“ gründeten noch als Studenten eine WG in Graz. Weil sie keine Wohnung fanden, die ihren Vorstellungen entsprach, bauten sie sich diese kurzerhand selbst. Eine als Büro geplante 90 Quadratmeter große Immobilie wurde von den drei Bewohnern in Eigenregie umgebaut. "So konnten wir drei Schlafzimmer gleicher Größe realisieren“, erzählt Matthias Gumhalter. Und obwohl die drei Kreativen täglich im Büro zusammenarbeiten, werden sie einander selten überdrüssig. So wird auch noch am Abend miteinander gekocht und über Entwürfe diskutiert - hin und wieder aber auch darüber, wer gerade einmal wieder mit Putzen dran ist. In Streitereien artete das in sieben gemeinsamen Jahren allerdings noch nicht aus. "Nur Besuchern wird das manchmal etwas zu viel“, schmunzelt Gumhalter.

Dass man sich auch im reiferen Alter noch für das WG-Leben begeistern kann, zeigt Hedwig Weiss, die gemeinsam mit zwei Herren und einer Dame eine betreute Wohngemeinschaft des Samariterbundes in Wien-Donaustadt bewohnt. "Zum Glück wird uns hier nicht alles abgenommen. Dürfte ich mein Geschirr nicht mehr selbst abwaschen, würde ich verblöden“, sagt Weiss. Tatsächlich hilfsbedürftig sind die rüstigen Senioren nicht - noch nicht. Und da lebt es sich gemeinsam doch besser als alleine. Auch wenn die Umstellung mitunter schwerfällt.

Beide Damen lebten zuvor in Döbling und hatten jegliche Infrastruktur vor der Haustür. Nun müssen sie zum nächsten Geschäft zehn Minuten zu Fuß gehen. "Das hält uns fit“, lacht Weiss. Und so ist endlich wieder jemand da, der mit ihr gemeinsam danach noch einen Abstecher ins nächste Wirtshaus macht oder am Abend eine Partie Karten spielt - auch wenn sie dafür das gewohnte Umfeld aufgeben musste. Aber dafür ist man zusammen weniger allein.

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