13 Coaching-Mythen: #1 Der Feuerlauf

13 Coaching-Mythen: #1 Der Feuerlauf

Teil 1 der Die trend-Serie in 13 Teilen: Der Lauf über glühende Kohlen ... angeblich das "King Size" der Motivations- und Selbsterfahrung. Physik macht's möglich, nicht Meditation.

MYTHOS Der Lauf über glühende Kohlen ist Königsdisziplin und krönender Abschluss vieler Motivations- und Selbsterfahrungsseminare. Wie könnte man sich und anderen auch eindrucksvoller beweisen, dass Unmögliches doch möglich ist. Wer das schafft, dem kann auch sonst beruflich und privat alles gelingen, so lautet die mit dem Ritual vermittelte Botschaft. Auch als attraktiver Programmpunkt bei Teamseminaren oder als Incentive für Firmenveranstaltungen wird die spektakuläre Mutprobe von Event-Veranstaltern gerne beworben.

Als "Vorbereitung" auf den an sich ja sehr kurzen Lauf werden aufwändige Rituale inszeniert. Dadurch sei es angeblich möglich, den Geist über die Materie zu heben und unverletzt die heiße Glut zu überqueren. "Laufen Sie barfuß über bis zu 1.200 Grad heiße, rotglühende Kohlen", lädt etwa "Erfolgstrainer" Jürgen Höller ein.

FAKTEN Dass nur meditative Vorbereitung Feuerläufe möglich macht, ist widerlegt. Als Holzkohletemperatur wurden dort maximal 438 Grad gemessen. Ihre Verbrenntemperatur läge bei 700 Grad, doch durch das Auflegen der Bahn kühlt die Kohle ab - 1.200 Grad sind illusorisch, da wäre sie verbrannt. Dass man die Glut ganz ohne psychophysischen Ausnahmezustand barfuß unbeschadet überqueren kann, liegt an mehreren Faktoren: Sowohl Holzkohle als auch das menschliche Gewebe (Hauptbestandteil Wasser!) sind schlechte Wärmeleiter.

Die unebene Oberfläche der Holzkohle bietet wenig Auflagefläche, beim schnellen Bewegen beträgt die Kontaktzeit insgesamt nicht mehr als 0,4 bis 0,6 Sekunden. Zwischen den Schritten kühlen die Füße wieder. Hornhaut kann zusätzlich isolieren.

Zu Verletzungen - ja, die gibt es auch bei solchen Events - kommt es daher nicht aus mentalen Gründen, sondern wegen falscher Geschwindigkeit (lange Kontaktzeit, weil zu langsam, Einsinken durch zu viel Gewicht auf Ballen oder Ferse, weil zu schnell), Verunreinigungen durch Materialien mit höherer Leitfähigkeit (Metall) oder wenn Kohlestücke zwischen Zehen stecken bleiben.

FAZIT Über heiße Kohle zu laufen, kann ein tolles Erlebnis sein, eine Selbstüberwindung, die Energien freisetzt, Psyche und Selbstvertrauen stärkt. Ein Schritt aus der Komfortzone schadet in der Regel nicht, auch als Teambuilding oder Incentive, sofern die Teilnahme nicht unter Gruppendruck erfolgt.

Doch wer Feuerläufe unter Vorspiegelung falscher Tatsachen durchführt und Psychozustände oder Trancen für das Gelingen ins Treffen führt, der versucht wohl, die Teilnehmer zu manipulieren.


Die Serie "13 Coaching Mythen" ist der trend-Ausgabe 43/2017 vom 27.10.2017 entnommen.

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