Coaching: Simple Trainer-Botschaften hinterlassen Scherben

Christoph Wirl (r.) und Axel Ebert (l.)

Christoph Wirl (r.) und Axel Ebert (l.) haben die Seminarbranche auf den Prüfstand gestellt. Und viele "Fake News" recherchiert.

Die Coaching-Profis Christoph Wirl und Axel Ebert decken als "Bullshit Busters" Mythen und Irrtümer aus der Seminarbranche auf. Im trend-Interview sprechen sie über die teils absurden Einstellungen der Branche.

trend: Herr Wirl, als Herausgeber des Magazins "TRAiNiNG" kennen Sie die Branche. Sie, Herr Ebert, sind Psychologe und selbst als Trainer tätig. Waren Sie überrascht, dass Sie für Ihr Buch so viele Beispiele für von Coaches und Trainern verzapften Bullshit fanden?
Christoph Wirl: In unserer Branche kursiert ein ganzes Paralleluniversum aus Küchenpsychologie und verwegenen Wissenschaftsanalogien.
Axel Ebert: Wir haben manches ja selbst geglaubt, bis wir für das Buch den Faktencheck recherchiert haben.

trend: Gibt es Erklärungen für so viel Fake-News in der Seminarszene?
Ebert: Ein Trainer will punkten, und mit einer guten Geschichte funktioniert der Vortrag. In Trainerkreisen ist auch ein systemisch-konstruktivistischer Denkansatz verbreitet. Princeton-Philosoph Harry G. Frankfurt hat es so formuliert, dass es einem "Bullshitter" gleichgültig ist, ob eine Behauptungen korrekt ist. Hauptsache, sie klingt plausibel und dient seiner Zielsetzung.
Wirl: Das ist besonders problematisch, wenn es nicht um pointierte Anekdoten geht, sondern um falsche Tatsachenbehauptungen und verzerrte Forschungsergebnisse. Da wird Wissenschaft missbraucht.

trend: Ist das nur ein Ärgernis oder eine echte Gefahr?
Wirl: Es gibt Beispiele, dass Trainingsteilnehmer nur auf ein Mindset hin gebrieft wurden und überzeugt waren, dass sie in einem Jahre Weltmarktführer werden. Sie haben sich verschuldet, und nach einem Jahr mussten sie dann zusperren.
Ebert: Wir nennen im Buch eine Reihe von Mythen, die suggerieren, man könne nur mit Willensstärke die Realität verändern. Nicht einer davon hatte einen realistischen Hintergrund. Solche simplen Trainer-Botschaften hinterlassen Scherben.

trend: Warum hinterfragen etwa Personalentwickler das nicht stärker?
Wirl: Das fragen wir uns auch. Teils liegt es daran, dass man meint, den Teilnehmern etwas bieten zu müssen, zum Beispiel beim Feuerlauf. Wirkung und Effekte von Seminaren müssten gründlicher - und nicht nur mit einem Sheet am Seminarende -, sondern auch noch einmal etwas später evaluiert werden.

trend: Wie seriös ist die Trainings- und Coaching-Branche nun wirklich?
Ebert: Sie ist erst auf dem Sprung von der Konfession zur Profession. Ein Ethos wie in der Naturwissenschaft fehlt dort.
Wirl: Die Tschakka-Motivationstypen werden schon weniger. Für so etwas zahlen primär Private, eher nicht mehr die Unternehmen.

trend: Haben Sie bei der Recherche eigentlich auch eine bekannte Coaching-Story verifizieren können?
Wirl: Der sogenannte Marshmallow-Test ist korrekt und hat als Prognose für späteren Erfolg im Leben wirklich Aussagekraft. Kinder, die als Vierjährige vor der Wahl, entweder eine Süßigkeit sofort zu essen oder später ein zweites Stück zu bekommen, auf den sofortigen Genuss verzichten, werden tatsächlich erfolgreicher.


Buchtipp

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BULLSHIT BUSTERS: Irrtümer und Mythen aus Vorträgen, Trainings, TV und Büchern

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Die Autoren

Christoph Wirl ist Betriebswirt und seit 16 Jahren in der Weiterbildungsbranche als Journalist und Herausgeber des Magazins TRAiNiNG tätig. Er fungiert außerdem als Juror.

Axel Ebert ist Psychologe, seit über 20 Jahren Trainer, Vortragender und Berater zu den Themen Kommunikation, Positionierung, OE und Gründungspartner von wortwelt®


Die Serie "13 Coaching Mythen" ist der trend-Ausgabe 43/2017 vom 27.10.2017 entnommen.

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