
Stefan Kratochwill, 49, leitet Österreichs größten Baukonzern seit Februar 2025.
©FOTO: LUKAS ILGNERStrabag-CEO Stefan Kratochwill über das Rekordjahr 2025, den desolaten Zustand der Infrastruktur in Deutschland, Versäumnisse der Politik im Wohnbau - und warum der Bau von WM-Stadien in den USA für ihn kein Thema war.
TREND: 2025 haben wir viele Klagen aus der Industrie über zu hohe Personal-, Energie- und Bürokratiekosten gehört. Nun liegen die Strabag-Ergebnisse vor: Rekorde auf fast allen Ebenen von der Bauleistung bis zur Ebit-Marge, Sie liegen nun auf Rang 4 der trend Top 500. Wird in Österreich zu viel gejammert?
STEFAN KRATOCHWILL: Wir sind ein österreichischer Konzern, aber unsere Hauptgeschäftstätigkeit ist vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Weltregionen. Wären wir nur von Österreich abhängig, dann würde das Ergebnis sicher anders ausschauen.
In Deutschland ist die Stimmung in der Wirtschaft noch schlechter, und dort haben Sie eine Ebit-Marge von elf Prozent erreicht. Also geht es dem großen Nachbarn doch nicht so schlecht? Deutschland hatte zwar einen späten Budgetbeschluss, und Straßenbauprojekte wurden verschoben, aber grundsätzlich läuft es dort sehr gut für uns. Wir bauen Stromtrassen wie Südlink und Südostlink, wir bauen Halbleiterfabriken, wir bauen einen KI-Campus in Heilbronn, wir errichten die größte Wärmepumpe in Mannheim. Damit sind wir nicht nur vom Asphaltgeschäft und vom Wohnbau abhängig. Unser Ziel im gesamten Konzern ist, uns möglichst breit aufzustellen.
Wann wird das so genannte Sondervermögen, ein Konjunkturprogramm, erstmals Effekte zeigen? Voraussichtlich Ende dieses Jahres. Dieses Sondervermögen wird fließen müssen, weil der Zustand der Infrastruktur in Deutschland einfach so schlecht ist. Noch vor einigen Jahren haben wir von 16.000 Brücken gesprochen, mittlerweile stehen schon 18.000 im Raum. Immer wieder müssen Brücken gesperrt und Ersatzverkehre organisiert werden – für ein Industrieland ein Wahnsinn. Wir beobachten Verschiebungen vom Sondervermögen in das Normalbudget. 2026 gibt es 34 Milliarden Euro für Straßen, Schienen und Wasserwege, das ist höher als in den letzten Jahren. Unser Auftragsbestand in Deutschland liegt bei über 15 Milliarden, die Leistung letztes Jahr lag bei neun Milliarden. Die Anzahl der Ausschreibungen zieht langsam an, und man hat erkannt, dass Genehmigungsprozesse beschleunigt werden müssen.
Klingt so, als wäre die Lage besser als die Stimmung. Die Lage ist besser als die Stimmung – für uns auf jeden Fall..
Energie, Wasser und Mobilität führen Sie als Wachstumstreiber an. Wo ist das außerhalb Deutschlands noch der Fall? Wir haben letztes Jahr beispielsweise mit HARP in Großbritannien unser größtes Projekt der Firmengeschichte gewonnen – mit über drei Milliarden Auftragswert. Da geht es im Endeffekt um die Modernisierung eines 110 Kilometer langen Wasserleitungssystems für die Trinkwasserversorgung von Manchester. Das ist ein PPP-Projekt mit neun Jahren Bauzeit und 25 Jahren Maintenancephase. Allein in UK gibt es extrem viele Projekte für Wasserinfrastruktur. Wir haben uns in diesem Bereich zuletzt auch mit dem Zukauf der Firma WTE verstärkt. Damit haben wir jetzt über 500 Ingenieurinnen und Ingenieure bei uns und sind somit auch bei der Wasserinfrastruktur zum Komplettanbieter aufgestiegen.
Also boomt Großbritannien zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum doch? Der bürokratische Aufwand ist größer geworden. Aber es gibt viele Projekte ganz einfach deswegen, weil der Bedarf extrem ist. Die Energie- und die Wasserinfrastruktur in UK sind in einem schlechten Zustand, weil sie relativ früh gebaut wurden und damit jetzt viel erneuert werden muss. Wir sind aber auch beim Hochgeschwindigkeits-Bahnprojekt HS2 dabei, und mit der Akquisition von Van Elle, einem Spezial-Tiefbau-Unternehmen, sind wir nun auch sehr gut in der Fläche vertreten.
Also Deutschland, Großbritannien und …? Polen läuft jetzt wieder sehr gut. Dort wurden von der proeuropäischen Regierung eben auch wieder EU-Mittel freigegeben.
Und in Ungarn wird sich das nach dem Regierungswechsel von Orbán zu Magyar wiederholen? Es dauert immer ein bisschen, bis eine Regierung wirklich ins Arbeiten kommt. Aber die Chancen stehen in Ungarn sicher gut. Wir sind seit über 30 Jahren dort. Wir verfügen über eine Flächenpräsenz, das heißt, wir haben Asphaltmischanlagen, Steinbrüche, Betonmischanlagen und über 3.000 lokale Kolleginnen und Kollegen. Bei seinem Wien-Besuch hat Premierminister Magyar mir gegenüber bekräftigt, dass Ungarn jetzt wieder Rahmenbedingungen schaffen will, unter denen auch europäische Unternehmen wieder willkommen sind.
Wird die Strabag perspektivisch gesehen in fünf Jahren einen höheren Europaanteil haben als vor fünf Jahren? Wie Ihre Russland-Expansion ausgegangen ist, ist bekannt, und die USA scheinen nach wie vor keine Option zu sein. Die Aussichten in Europa sind sehr gut. Trotzdem muss man klar sagen: Unsere Strategie ist, uns noch breiter aufzustellen und auch das außereuropäische Geschäft zu stärken. In Australien, wo wir die Georgiou Group mit top motivierten und kompetenten Mitarbeitenden übernommen haben, sehen wir wahnsinnig viele Möglichkeiten. Es gibt dort große Energieprojekte mit großflächigen PV-Anlagen oder Windkraftanlagen. Zusätzlich werden bereits erste Stromtrassen in Form von PPP-Projekten ausgeschrieben, um künftig diesen Strom in die Städte zu bringen. Wir sehen aber auch Chancen rund um die Olympischen Spiele in Brisbane 2032. Kanada bleibt für uns ein interessanter Markt. In Chile sind wir seit Jahren im Mining-Sektor aktiv, in Kolumbien haben wir auch ein PPPProjekt für eine große PV-Anlage.
Sie bereuen nicht, dass Sie keine WM-Stadien in den USA bauen konnten? Eine große Erfolgsgeschichte in den USA hatten wir bisher nicht. Der US-Markt ist zwar riesig, und es muss dort viel gebaut werden. Aber mit der aktuellen Regierung ist es sehr schwierig, als ausländisches Unternehmen „Deals“ zu bekommen.
Zur Lage in Österreich, wo nicht nur von Ihnen immer wieder kritisiert wird, dass zu wenig gebaut wird und darunter vor allem der Wohnbau leidet. Liegt das mehr an der öffentlichen Hand oder an den privaten Entwicklern? Das ist sicher eine Kombination aus beidem. Aktuell sind die höheren Zinsen und die strengen Kreditvergaberichtlinien in Österreich auf der privaten Seite ein Hemmschuh. Und was unter leistbarem Wohnraum angeboten werden muss – da reden wir von zwölf Euro pro Quadratmeter – das ist mit der Inflation der letzten Jahre schwer zu bauen. Der Bedarf ist aber riesig. Was wir fordern, ist eine klare Zweckwidmung für leistbaren Wohnbau, größere Pakete und einfachere Genehmigungsprozesse, um schnell mehr zu bauen. Warum das nicht passiert, müssen Sie die Politik fragen. Um die Dimensionen für die Strabag zurechtzurücken: Wohnbau macht bei uns im Gesamtkonzern sechs Prozent aus, in Österreich sind es aber 20 Prozent.
Serielles Bauen ist einer der Lösungsansätze, um Bauen billiger und damit Wohnraum leistbarer zu machen, oder? Ja, genau. Aber dafür braucht man Planbarkeit, man braucht eine Projektpipeline. Denn wenn ich eine Fabrik dafür aufbaue, dann brauche ich auch eine entsprechende Auslastung. In Österreich haben wir mit dem Mischek-Fertigteilwerk in Gerasdorf einen großen Erfahrungsschatz. Wir haben letztes Jahr Tetriqx, eine serielle Baulösung, gelauncht. Bei gleichzeitig hohen Qualitätsstandards schaffen wir durch serielle Fertigung Quadratmeterpreise von unter 2.000 Euro unter klaren Rahmenbedingungen.
Ist für Ihre Branche im eben vorgelegten Doppelbudget für 2027 und 2028 genug an Impulsen drin? In Österreich ist immer positiv, dass die Asfinag über ein eigenes Budget verfügt. Sowohl Asfinag als auch die ÖBB können langfristig planen, und das gibt uns schon einmal eine Grundauslastung. Wichtig wäre es, dass ein gewisser Anteil des Budgets für die Infrastruktur-Instandhaltung reserviert wird. Derzeit wird bei der Infrastruktur immer als Erstes gespart. Das hat aber auch die größten Folgen, das sehen wir jetzt in Deutschland, wo die Infrastruktur so kaputt ist, dass man neu bauen muss.
Das heißt auch Österreich steuert auf ein Brückenproblem zu? Die Brücken sind bei uns in deutlich besserem Zustand. Nicht alle natürlich, aber in Deutschland ist es schon sehr prekär.
Hat sich am Wirrwarr der Bauordnungen als Folge des Deregulierungspaketes der Regierung schon etwas verbessert? Es gibt definitiv einige Fortschritte. Gerade beim Thema Bauen im Bestand wird in einer Arbeitsgruppe daran gearbeitet, dass nicht mehr Neubaumaßstäbe an Bestandsgebäude angelegt werden. Aber insgesamt haben wir nach wie vor unterschiedlichste Bauordnungen. Der verpflichtende Recyclinganteil von Asphalt ist etwa in jedem Bundesland anders. Jede Gemeinde kann selbst entscheiden, wie sie das ausschreibt.
KI verändert auch die Bauwirtschaft. Die Innviertlerin und Ex-Strabag-Mitarbeiterin Sarah Buchner, CEO von Trunk Tools mit Sitz in New York, hat ihren Wegzug in die USA damit begründet, dass der KI-Mindset in der heimischen Bauwirtschaft noch unzureichend ist. Stimmt das? Für die aktuelle Situation wird das wohl so stimmen. Wir sehen aber riesige Chancen darin. Wir testen aktuell autonom fahrende Fertiger, Walzen, Radlader, es gibt sogar ein Projekt mit einem ferngesteuerten Kran, sodass niemand mehr oben sitzen muss. Wir setzen KI in der Risikoanalyse ein, im Kalkulationsprozess, aber auch im Design, um etwa einen vorhandenen Grundriss umplanen zu können. Die große Herausforderung ist, dass wir sehr dezentral aufgestellt sind. Bauen ist nun mal ein lokales Geschäft. KI und Robotik verlangen aber nach standardisierten Prozessen. Da brauche ich Standards, die überall gleich sind. Das schaffen wir manchmal, aber definitiv noch nicht überall. Für die Menschen ist das ein großer Veränderungsprozess, historisch betrachtet sind wir ja nicht die innovativste Branche.
Manager aus der Autoindustrie haben uns einmal gesagt, würden sie so arbeiten wie die Baubranche, würde ein VW Golf 250.000 Euro kosten. Jaja. Und wenn die europäische Autoindustrie nicht verschlafen hätte, dass sie Elektroautos bauen sollte, dann würde sie heute anders da stehen. (Lacht.) Im Ernst: Wir brauchen die KI und die Robotik, wir brauchen autonom fahrende Maschinen – ganz einfach, um das Arbeitspensum der Zukunft bei gleichzeitigem Fachkräftemangel abzudecken. Es geht jedenfalls nicht darum, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzusparen.
Noch einmal zu Frau Buchner: Der Strabag-Konzernvorstand ist ebenso wie jener der Strabag AG rein männlich. Ist das Thema „Frauen in Managementrollen im Bauwesen“ zäher als gedacht? Ich hätte nie gesagt, dass es nicht zäh ist. Wir sind historisch eine sehr männergeprägte Branche. Das ist eine Tatsache. Wir wollen aber eine Arbeitgeberin für alle Menschen sein, also auch für Frauen. Diverse Teams arbeiten einfach besser, das ist vielfach bewiesen. Und wir sehen, dass es in die richtige Richtung geht. Es gibt jetzt immerhin mehr Absolventinnen von technischen Hochschulen, etwa Bauingenieurinnen. Sicher ist: Wir haben uns klare, hohe Ziele gesteckt. So etwas dauert eine gewisse Zeit. Das soll jetzt natürlich keine Ausrede sein – wir arbeiten mit Nachdruck daran.
Was ist der Plan? Wir haben ein Female Leadership Programm und ein Mentoring-Programm für weibliche Führungskräfte. Es geht uns ja nicht nur darum, unseren Frauenanteil zu erhöhen, sondern wir wollen auch weibliche Führungskräfte. Da müssen wir in den ersten Führungsebenen anfangen, um später den Vorstand anzuvisieren. Sie kennen unsere Policy, wir besetzen Führungspositionen fast ausschließlich mit Nachwuchskräften aus unserem Haus, damit ist es schwierig, oben zu beginnen. Wo es geht, versuchen wir, den Frauenanteil zu erhöhen, in unserem Aufsichtsrat sind etwa schon viele Frauen vertreten.
Zum laufenden Geschäftsjahr: Werden Sie von den Großtrends Energie, Mobilität, aber auch Defence weiter profitieren können? Wir sind bei all diesen Themen gut aufgestellt und haben einen extrem hohen Auftragsbestand. Energie, Wasser, Mobilität werden Treiber bleiben. Bei Defence geht es nicht nur um den Bau von Kasernen, Heeresspitälern oder NATO-Flughäfen. Es braucht dazu auch eine leistungsstarke zivile Infrastruktur. Über Deutschland haben wir schon gesprochen. Wenn Sie Rüstungsgüter haben, diese aber wegen Einsturzgefahr nicht über Brücken transportieren können, wäre das zu kurz gedacht.
Das Interview ist Teil der Covergeschichte zu den trend Top 500 in der Ausgabe vom 26. Juni 2026.

