An welchen Fronten die Linzer Kontron kämpft

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Der studierte Hardware-Ingenieur Hannes Niederhauser ist CEO der börsennotierten Kontron AG.

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Der Linzer Technologiekonzern Kontron ist durch Übernahmen und die Ausrichtung auf das Internet der Dinge zu einer Industriegröße aufgestiegen. Doch Probleme bei Umwelttechnologien trüben das Bild. Und die jüngste Hedgefonds-Attacke sorgt für weiteren Wirbel.

Sichtlich aufgewühlt betritt Hannes Niederhauser an diesem Vormittag Mitte März den Besprechungsraum. Er sei gut gelaunt nach Wien aufgebrochen, sagt er beim Händeschütteln, doch davon sei nun nichts mehr übrig. Kontron sei gerade von Shortsellern angegriffen worden – mit fatalen Folgen: Der Kurs stürzte ab. „Und wir dürfen nicht mal reagieren. Wir sind quasi wehrlos“, macht der CEO seinem Ärger Luft.

Es sei die dritte Haifisch-Attacke innerhalb weniger Jahre. Dass es den Linzer Technologiekonzern so häufig trifft, erklärt Niederhauser damit, dass sich Shortseller für Aktien interessierten, die viel gehandelt würden. Aber die Firmen dürften auch nicht zu mächtig sein. „Wenn sie einen Elon Musk angreifen, kommt da nichts raus“, sagt der Vorstandschef. Als das mal passiert sei, habe sich der Tech-Unternehmer den Spaß gemacht und den „Shorties“ kurze Hosen geschickt. So witzig ist den Linzern aber heute nicht zu mute. Das Management will Schadensbegrenzung betreiben und lässt prüfen, ob die Aktiengesellschaft kurzfristig ein großes Rückkaufprogramm starten kann.

Grünes Licht für die Maßnahme gab es bereits einige Tage später. Für bis zu 50 Millionen Euro kann Kontron eigene Aktien einsammeln. Kurspflege, von der alle Aktionäre profitieren – einschließlich Niederhauser selbst. Er hält rund fünf Prozent der Kontron-Anteilsscheine.

Stiller Riese

Durch die jüngste Hedgefonds-Attacke gerät mit Kontron ein Unternehmen in die Schlagzeilen, das bisher eher wenig Beachtung in der Heimat findet. Dabei ist der Linzer Technologiekonzern, der im SDax notiert, durch den größten Zukauf in der Unternehmensgeschichte im Jahr 2024 und eine strategische Fokussierung auf IoT zu einer Industriegröße aufgestiegen. Mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro gehört er zu den 100 größten Unternehmen des Landes.

Wie dynamisch sich die Story fortschreiben lässt, ist allerdings nicht ganz sicher. Es gibt starke Wachstumstreiber, aber auch klare Problemfelder. Das Umwelttechnologiegeschäft schreibt Verluste und steht vor einer Restrukturierung – inklusive Jobabbau. Auch bei der Transparenz sehen Marktbeobachter weiterhin Nachholbedarf.

Bekannt ist der Name an der Spitze: Hannes Niederhauser, 64 Jahre, gebürtiger Linzer, studierter Hardware-Ingenieur, Unternehmenssammler und CEO. Im Jahr 2000 brachte er Kontron, die er schwer angeschlagen von BMW übernommen hatte, an die Börse. Das damalige Unternehmen galt als ein wichtiger Anbieter im Bereich Embedded Computing. 2011 begann er beim Linzer Technologiekonzern S&T, der 2016 die inzwischen strauchelnde Kontron AG übernahm, womit er zu Kontron zurückkehrte. „Beim ersten Mal war ich ein junger CEO, habe die Kontron mit 38 Jahren an die Börse gebracht. Damals habe ich sehr schnell entschieden. Heute schlafe ich über wichtige Entscheidungen. Das ist wohl eine Altersfrage“, sagt Niederhauser.

Merkel-Brief

Nach der vollständigen Verschmelzung mit S&T und der Umfirmierung auf Kontron AG hat sich der Konzern heute fast vollständig dem Internet der Dinge verschrieben – ein Wachstumsmarkt: Weltweit gibt es über 40 Milliarden vernetzte Maschinen, deren Zahl um 30 Prozent pro Jahr wächst. Davon profitiert das Unternehmen, das sich gezielt auf kritische Anwendungen wie Züge, Flugzeuge, Autos, militärische Geräte und Roboter konzentriert.

So stattet Kontron die Lufthansa-Gruppe mit Entertainmentservern aus, über die an Bord Filme angeschaut werden können, aber auch der Austausch flugzeugrelevanter Daten stattfindet, modernisiert für die französische Staatsbahn SNCF im Rahmen eines dreistelligen Millionenvertrags die Bahnkommunikationssysteme und hatte während Corona eine starke Position in der Medizintechnik: „Im Jahr 2021 haben wir einen Brief von Bundeskanzlerin Angela Merkel erhalten, dass wir zur kritischen Infrastruktur gehören. Es hat sich herausgestellt, dass über 50 Prozent der Beatmungs­geräte weltweit mit Kontron-Produkten gesteuert werden“, so der CEO.

5G-Profiteur

Aber die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Heute gelten ganz andere Themen als „heiß“: etwa die Verteidigungsindustrie, wo man praktisch alle großen Rüstungsfirmen in Europa und in den USA mit sicherer, zertifizierter, robuster Hardware beliefert. Vernetzen kann Kontron so gut wie alles vom Soldaten bis zum Panzer. Ebenfalls vielversprechend: die Transportbranche. „Besonders mit der stärkeren Vernetzung im Bereich Auto und Bahn eröffnen sich neue Chancen – und Kontron spürt den Trend schon jetzt im Auftragsvolumen“, sagt Erste Group-Analyst Daniel Lion.

Zugaufträge erhält das Unternehmen aus Deutschland, wo man vom 500-Milliarden-Infrastrukturpaket profitiert, aber auch aus typischen Zugländern wie England und Frankreich. „Wir haben an den Olympischen Spielen in Paris gut verdient, weil hierfür das Bahnnetz stark ausgebaut wurde“, sagt der CEO. Das Bahnthema ist aber auch aus österreichischer Perspektive interessant. „Wir haben Kapsch TrafficCom vor einigen Jahren die Zugsparte abgekauft und daraus den Bereich Kontron Transportation geformt. Das war ein wichtiger Schritt für unser heutiges Wachstum“, sagt Niederhauser, der Georg Kapsch, den Geschäftsführer der Kapsch Group als langjährigen Freund bezeichnet. „Herr Nieder­hauser agiert zwar sehr genau und konsequent, aber auch sehr pragmatisch, schnell und fair“, sagt Kapsch, „und was mir besonders wichtig ist: Es zählt bei ihm der Handschlag.“

Sorgenkind Greentech

Der Aufstieg von Kontron ist zuletzt eng mit dem Namen Katek verknüpft. 2024 haben die Linzer den Münchner Auftragsfertiger übernommen. Durch den Zukauf stieg die Zahl der Beschäftigten um 3.200 auf zeitweise 8.000 Leute, der Umsatz legte um eine Dreiviertelmilliarde Euro zu. Das Portfolio erweiterte sich um zwei interessante, aber unter Druck geratene grüne Technologien: E-Ladegeräte und Wechselrichter. Die Intelligenz dafür und für andere vernetzte Geräte liefert das selbst entwickelte Betriebssystem Kontron OS. Dieses bietet laut Niederhauser einen deutlichen Mehrwert, insbesondere, weil es nicht so viele Einfallstore gebe wie beim „aufgeblähten System von Microsoft“. Kontron OS gilt als künftig wichtige Einnahmequelle.

Was den Markt derzeit aber viel mehr interessiert: wie es mit den grünen Themen weitergeht. Bei Vorlage der Zahlen für 2025 wurde bekannt, dass es im defizitären Greentech-Geschäft zu einer umfassenden Restrukturierung kommt, die konzernweit bis zu 500 Jobs kosten wird. Eine Rückkehr in die Gewinnzone wird ab dem vierten Quartal 2026 angepeilt.

Ob es darüber hinaus Schützenhilfe vom größten Elektronikkonzern Foxconn – indirekt über Ennoconn an Kontron beteiligt – geben wird, ist bisher aber nur Spekulation: „Foxconn könnte eine mögliche Lösung für die Überkapazitäten sein, weil der Konzern künftig für seine E-Autos auch Wallboxen und für seine Batteriespeicher Wechselrichter braucht“, sagt Analyst Lion. Belegt hingegen ist: Hannes Niederhauser ist öfter vor Ort in Taipeh und hat „gute Kontakte zum Foxconn-CEO“, den er sehr bewundert.

Der Artikel ist im trend.Premium vom 3. April 2026 erschienen.

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