1Global und Lidl: Hannes Ametsreiters nächster Coup

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Aufsichtsratschef Hannes Ametsreiter (Mitte) mit den beiden Co-Gründern von 1Global, Hakan Koç (r.) und Pyrros Koussios.

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Mit dem Einstieg von Lidl rückt die niederländische Technologiefirma 1Global ins Rampenlicht. CEO Hakan Koç und Aufsichtsratschef Hannes Ametsreiter wollen eine globale Plattform schaffen, die die mobile Kommunikation auf die nächste Stufe hebt.

Dem Netzwerk von René Obermann, ehemals Chef der Deutschen Telekom, ist es zu verdanken, dass Hakan Koç und Hannes Ametsreiter heute geschäftlich verbunden sind. „René Obermann hat vor vielen Jahren das Intro gemacht“, erinnert sich Ametsreiter, langjähriger Vorstandschef der Telekom Austria Group und bis 2022 CEO von Vodafone Deutschland, an die erste Begegnung mit Koç vor einigen Jahren im Rheinland.

In Deutschland ist der Gründer und langjährige CEO von Auto1, einer technologiebasierten Online-GebrauchtwagenPlattform, eine bekannte Größe. Nach dem Börsengang 2021 war das Unternehmen mit Marken wie Wirkaufendeinauto für kurze Zeit knapp zwölf Milliarden Euro wert, erzählt man sich bewundernd in der Start-up-Szene. Heute ist Koç als Aufsichtsratschef weiterhin involviert, verfolgt aber beruflich längst Pläne in einer komplett anderen Branche: Der 41-Jährige ist CEO und Mehrheitseigentümer der niederländischen 1Global Holding, deren Aufsichtsrat Hannes Ametsreiter vorsteht.

„Hakan Koç schuf mit Auto1 eine starke Gründerstory. Doch irgendwann stellte sich auch bei ihm die Frage: Bleibt es bei diesem einen Erfolg oder kann er ihn wiederholen?“, sagt Ametsreiter. Mit 1Global schreibe Koç jetzt an seinem nächsten großen Kapitel im regulierten Mobilfunkmarkt.

Lidl steigt ein

Und dieses ist seit kurzem um eine spannende Episode reicher. Mitte April wurde bekannt, dass der deutsche Diskonter Lidl mit knapp zehn Prozent bei 1Global einsteigt. Damit wurde Koçs junges Unternehmen, das bisher eher im Hintergrund die Mission verfolgt hat, den weltweiten Mobilfunkmarkt aufzumischen, quasi über Nacht ins Rampenlicht katapultiert. Der aktuelle Schwerpunkt der breit aufgestellten 1Global besteht darin, die technische Basis für das White-Label-Angebot starker Marken wie Revolut, N26 und jetzt Lidl bereitzustellen, die so grenzüberschreitende digitale Mobilfunklösungen direkt in ihre Apps integrieren können. 1Global liefert hierfür die technische Plattform, Telekommunikations-lizenzen und Partnerschaften mit Mobilfunknetzanbietern in zwölf Ländern. Im Rahmen des Deals wurde die junge Gruppe bereits mit 800 Millionen Euro bewertet.

„1Global ist eine der spannendsten Wachstumsstorys, die ich in meinen 30 Jahren in der Branche erlebt habe“, sagt Aufsichtsratschef Ametsreiter. Aufgrund seiner guten Kontakte zur Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufl and) sei er in die Verhandlungen mit Lidl direkt eingebunden gewesen. „Ich bewundere Dieter Schwarz sehr, der eine weltweit erfolgreiche Supermarktkette aufgebaut hat und diese nun zu einem Tech-Unternehmen transformiert – zusammen mit 1Global, aber auch mit vielen anderen Aktivitäten.“ So investiert Schwarz derzeit rund elf Milliarden Euro in den Aufbau eines Rechenzentrums in Deutschland.

Und Christoph Uferer, Leiter des Telco-Bereichs des Strategieberaters Arthur D. Little in Zentral- und Osteuropa, betont: „Der Einstieg von Lidl ist ein brillanter Business Move von Hakan Koç. Die Bewertung ist sagenhaft“, erklärt der Experte, der Private-Equity-Fonds begleitet hat, die ebenfalls an einem Einstieg bei 1Global interessiert waren.

Vorreiter Neobanken

Die Blaupause für den Handelsriesen liefern die jungen Neobanken. Revolut und N26 bieten ihren Kunden bereits seit Längerem über ihre Banking-Apps – mit 1Global als technischem Partner – spezielle Mobilfunktarife an. Möglich ist das durch die eSIM-Technologie, die seit einigen Jahren bei iPhone und Android-Handys integriert ist. Statt in eine Filiale zu gehen und dort einen Mobilfunkvertrag mit einer physischen SIM-Karte abschließen zu müssen, reichen heute einige Klicks in der jeweiligen Kunden-App. Telefoniert und gesurft wird dann über die Netze der großen Anbieter. „Wir haben das Modell für Revolut umgesetzt. Das war ein Megaerfolg. Dann haben wir das Modell auf N26 ausgeweitet. Und jetzt folgt Lidl“, sagt 1Global-Aufsichtsratschef Ametsreiter.

Und damit ein ganz anderes Kaliber. Der deutsche Handelsriese ist nahezu weltweit mit seinen Filialen und seiner Loyalty-App „Lidl Plus“ vertreten, die 100 Millionen Nutzer zählt. Die digitale Reichweite will man jetzt auch als Mobilfunker aktivieren und gemeinsam mit 1Global ein neues Angebot rund um Lidl Connect entwickeln, das „in Zukunft auf bis zu 30 Lidl-Märkte ausgeweitet“ werden kann, erklärt ein Lidl-Sprecher.

Derzeit gibt es die Mobilfunkmarke Lidl Connect in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hier tritt man bisher jedoch lediglich als „Wiederverkäufer“ auf. Künftig wird dies durch ein eigenes Angebot als virtueller Mobilfunker ersetzt – mit entsprechend größerem Gestaltungsspielraum für Lidl.

In welchem Land der globale Rollout starten soll, will man nicht verraten. Der 1Global-Aufsichtsratschef bestätigt, dass das neue Angebot auch für Österreich angedacht sind: „Was Österreich betrifft, gibt es erste Überlegungen. Aber es ist noch kein Zeitplan definiert“, sagt Ametsreiter.

Vorbesitzer Abramowitsch

Für den Mobilfunk-Angriff hat sich Lidl einen Tech-Pionier geangelt, der eine bewegte Vergangenheit mitbringt. Offiziell gegründet wurde 1Global 2022 von Koç und seinem Partner Pyrros Koussios. Das Duo hat die Geschäftsidee aber nicht selbst entwickelt, sondern ein Gespür für Timing und Marktkenntnis bewiesen: Für ein symbolisches Pfund übernahmen sie den insolventen britischen Anbieter Truphone, der bis zu den Russland-Sanktionen zum Firmenreich des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch gehörte.

Koç baute das Unternehmen unter der Marke 1Global zu einer Technologieplattform für Telekomfirmen aus und setzte damit zuletzt rund 210 Millionen Dollar um. Als Cashcow gilt das ehemalige Kerngeschäft von Truphone: Für Investmentbanken wie JPMorgan oder Goldman Sachs übernimmt man die Sprachaufzeichnung zur Compliance-Erfüllung. Darüber hinaus ist man im Bereich Travel-eSIM tätig und offeriert günstige lokale Tarife für Reisende. Im Segment Internet der Dinge verbindet man iPads, Smartwatches und andere Geräte.

Derzeit wichtigster Bereich ist aber das virtuelle Mobilfunkgeschäft. „Das Charmante daran ist, dass Lidl ganz neue Angebote auf den Markt bringen kann. Denkbar ist etwa, dass Einkäufe beim Retailer zu Preisreduktionen bei Mobilfunkleistungen führen können oder vice versa“, sagt Ametsreiter, der mit den neuen Wachstumsaussichten einem Börsengang in den nächsten Jahren offen gegenübersteht: „Wir wollen für die Zukunft in jedem Fall nichts ausschließen.“ Dass Koç diesbezüglich über einschlägige Erfahrung verfügt, ist sicherlich kein Nachteil.

Der Artikel ist erschienen im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026.

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