
Das Geschwistergespann Franziska und Magdalena Hall (r.) teilt sich eine Werkstatt in der Wiener Innenstadt. Dort werden Luxustaschen repariert und Gold geschmiedet.
Reparatur erlebt gerade einen Boom. Ob Luxushandtasche, Röhrenradios oder Kaffeemaschinen - in kleinen Werkstätten wird mit viel Liebe zum Handwerk Gebrauchtes zum nachhaltigen Geschäftsmodell.
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Die Geschwister Franziska und Magdalena Hall definieren Family Business auf ihre Art. In der Steindlgasse 2, gleich direkt hinter der alteingesessenen „Apotheke zum Weißen Storch“ in den Wiener Tuchlauben, haben sie ihre Werkstatt. Beziehungsweise Werkstätten, denn in einem Raum werden Taschen repariert und im anderen Gold geschmiedet. Zwei Schwestern, zwei Firmen, eine Adresse.
„Wir nutzen Synergieeffekte und haben im großen und ganzen dieselbe Klientel“, erzählt Franziska Hall. Sie ist Taschnerin und hat sich auf die Reparatur und Restaurierung von in die Jahre gekommenen Luxushandtaschen spezialisiert. Wenn die Hermès-Handtasche kaputt ist, der Louis-Vuitton-Shopper zerbröselt oder es die Chanel-Clutch zerklatscht, ist man bei ihr richtig. „Bis zu 50 Taschen repariere ich im Monat“, erzählt Hall, die sich nach einem Wirtschaftsstudium dazu entschlossen hatte, in Florenz das Handwerk der Taschnerei zu erlernen. „Meistens sind nur Kleinigkeiten auszubessern, plaudert Hall aus dem Nähkästchen, erzählt dann aber auch von schwer desolaten Taschen oder von Vintage-Käufen, die sie wieder salonfähig macht. Und ja, 50 Taschen im Monat sind eine ganze Menge, aber das geht, denn: „Wenn es Vergoldungen braucht oder Beschläge kaputt sind, kommt meine Schwester Maggie ins Spiel, die das schnell repariert.“ Zudem ist mit dem Nach- und Umfärben der wertvollen Ledertaschen ein neuer Geschäftszweig dazugekommen.
Vor fünf Jahren, kurz vor Corona, starteten die Schwestern. „Klingt komisch, aber es war ein Glücksfall“, sagt die Goldschmiedin. „Die Leute waren zu Hause, sie misteten aus. Franzi bekam die Taschen, ich alten Schmuck.“ Auch für sie war der Weg ins Handwerk nicht vorgezeichnet. Über ein Psychologiestudium kam sie zum Goldschmieden, ein Sommerworkshop brachte die entscheidende Wende: Die Kursleitung bescheinigte ihr herausragendes Talent.
Rettung naht
Spätestens seit Pandemie, Inflation, Klimadruck und Reparaturbonus ist Reparieren in Österreich wieder salonfähig geworden. Der Markt für Reparatur- und Installationsarbeiten soll laut Statista heuer rund 1,8 Milliarden Euro Wertschöpfung erzielen.
Besonders sichtbar wurde der Trend durch den Reparaturbonus, der 2022 startete und im Mai 2025 endete. Er deckte 50 Prozent der Reparaturkosten, maximal 200 Euro. Insgesamt wurden 1,7 Millionen Bons eingelöst, rund 6.000 Betriebe waren beteiligt. Am häufigsten repariert wurden Smartphones, Geschirrspüler, Waschmaschinen und Kaffeemaschinen. Ab 12. Jänner startet nun das Nachfolgeprogramm, die neue Geräte-Retter-Prämie, die weniger Gerätekategorien fördert (siehe Infobox unten. Doch die Grundidee bleibt: Dinge länger nutzen statt wegwerfen.
Die Reparaturwelle umfasst dabei auch technische Liebhaberstücke. Etwa solche, die Richard Sbüll, Gründer von Supersonic, in seinem Geschäft stehen hat. Mit viel Know-how und Leidenschaft widmet sich der gebürtige Steirer hier Röhrenradios, alten Plattenspielern und Röhrenfernsehern. Er bringt quasi Oldtimer der Unterhaltungselektronik wieder zum Klingen und hält gleich zu Beginn fest: „Ich repariere nicht, ich restauriere. Die Reparatur ist lediglich Bestandteil der Restauration.“ Diesen Unterschied will der studierte Elektrotechniker festhalten. Denn: „Mit Reparatur alleine kommt man nicht weit.“ Sbüll, den es 2015 nach Wien verschlug, schaut mittlerweile gemeinsam mit einem Mitarbeiter alten Geräten in die Röhre. Zu ihm kommt selten Laufkundschaft, erzählt er, dafür schneien aber regelmäßig Menschen mit alten Erbstücken bei seiner Tür herein, die sich alte Tech-Memorabilia aufmotzen lassen. Dann läuft das alte Fernsehmöbel von der Urli-Oma wieder und wandelt HDMI-Signale in analoge um, oder das Röhrenradio vom Onkel Fritz kann auf einmal Bluetooth.
Sbüll ist alles andere als Technikverweigerer. Neben Supersonic arbeitet er als Chipdesigner, lehrt an der FH Technikum Wien und an der FH Joanneum. Seine Begeisterung gilt dennoch dem warmen Klang alter HiFi-Geräte. Mit seinem extremen Fachwissen besetzt er eine Nische und hat damit weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. „Um als KMU erfolgreich zu sein, muss man etwas finden, das einen wirklich abhebt.“
Kaffee-Bohnus
Ein Motto, das genauso auch auf Patrick Schönberger zutrifft. Der Marketing-Profi, der sich einst in der Telekommunikationsbranche verdingte, ist schon seit Jahrzehnten passionierter Kaffeeliebhaber. 2014 baute er auf dem Fundament seiner Kaffee-Leidenschaft sein kleines Unternehmen auf. Heute ist er so etwas wie ein 360-Grad-Kaffeeanbieter. „Ich mache alles außer Rösten“, so Schönberger, der von sich selbst sagt, dass er nie ein Großkonzernmensch war. Dafür beliefert er lieber Unternehmen mit Kaffee und Kaffeemaschinen.
Bereut er den Umstieg? „Keine Sekunde. Ein KMU macht man, weil man an die eigene Sache glaubt und sie liebt, auch wenn man immer mit einem Bein in der Insolvenz steht und mit dem anderen im Kriminal, weil einem irgendeine Vorschrift nicht bekannt ist.“
Herzstück des Businessmodells ist übrigens Schönbergers Steh-Café-Bar auf der Wiedner Hauptstraße in Wien. Im denkmalgeschützten Ambiente wird hier Kaffee getrunken oder mitgenommen, und die werte Kundschaft kann sich mit Bohnen, ESE-Pads und Kaffeemaschinen eindecken. Aber nicht nur: „Die Reparatur hochwertiger Maschinen ist eines unserer Standbeine und macht mittlerweile über sechs Prozent des Umsatzes aus“, so Schönberger. Zuständig dafür ist einer seiner insgesamt zehn Mitarbeiter, der zwei Häuser weiter dafür sorgt, dass in lädierten Kaffeemaschinen, wieder der Bohnensaft durch die Schläuche gepumpt wird. Zu reparieren gibt es jedenfalls genug, wie Schönberger versichert.
Sitzt perfekt
Über geringe Auftragslage kann sich auch Franziska Krisper nicht beschweren. Seit 2019 repariert und restauriert sie Sessel und Stühle und hat am Wiener Alsergrund ein einzigartiges Restaurierungsatelier geschaffen: „Meine Idee war es, alles aus einer Hand zu restaurieren, von der Holzkonstruktion, über Oberflächenbearbeitung, bis hin zu Wiener Geflecht“, erklärt sie. Dabei setzt sie voll auf sorgfältige Handarbeit und verzichtet bewusst auf Neuanfertigungen. „Den Fokus auf Sessel zu legen, war eine logische Konsequenz, um die Projekte abwechslungsreich und überschaubar zu halten.“ Nachhaltigkeit ist ihr ein zentrales Anliegen, und ihr Motto lebt sie vor: „Werte bewahren und Schönes revitalisieren.“
Kundinnen und Kunden jeden Alters vertrauen mittlerweile Krisper, wenn es darum geht, alte Erbstücke oder Vintagestühle neu erstrahlen zu lassen. Durch ihre akribische Arbeit und die Liebe zum Detail, etwa im filigranen Wiener Geflecht, verleiht sie den Möbeln ein neues Leben und trägt damit aktiv zum Erhalt eines traditionellen Handwerks bei.
Seit ihrem Internetauftritt und TV-Beiträgen ist ihr Kundenkreis aus ganz Österreich gewachsen. Und auch ihre Mitgliedschaft im Wiener Reparaturnetzwerk bringt immer wieder Kundschaft, denn: „Generell geht der Trend definitiv hin zu Recyceln und Aufmöbeln. Es gibt mittlerweile wieder mehr Wertschätzung für zeitloses ansprechendes Design und gute Qualität.“
Geräte-Retter-Bonus
Jetzt wird wieder repariert!
Alles neu. Ab 12. Jänner 2026 übernimmt die etwas sperrig benannte „Geräte-Retter-Prämie“ wieder Reparaturkosten. Gefördert werden laut WKO künftig 50 Prozent der Bruttokosten – Reparaturen, Wartungen und Serviceleistungen sind mit maximal 130 Euro gedeckelt, Kostenvoranschläge sind mit 30 Euro begrenzt. Das neue Förderinstrument wurde damit abgespeckt. Smartphones, Smartwatches, Fitnessgeräte, Fahrräder sowie Musikinstrumente und Geräte zur Körperpflege nicht mehr umfasst.
Der Artikel ist erstmals in der trend.KMU-Ausgabe vom Dezember 2025 erschienen und wurde am 23. Dezember aktualisiert.
