
Die in Wollsdorf bei Weiz gefertigten Offshore-Transformatoren werden in 70 Länder weltweit exportiert.
©APA-IMAGESSiemens Energy profitiert vom Ausbau der Erneuerbaren und vom Rechenzentren-Boom. Die kaum bekannte Tochtergesellschaft in Österreich steigt zu einer Industriegröße auf.
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Solche Geschichten hört man sonst nur aus den USA oder Asien. Und wenn sie sich dann doch mal hier ereignen, wirkt die Verblüffung noch länger nach: Es sei wirklich ein Wunder gewesen, wie schnell alles gegangen sei, sagt Aleš Prešern, Geschäftsführer von Siemens Energy Österreich, einige Monate nach der Eröffnung des neuen Werks in der Steiermark.
In Weiz und in Linz fertigt die Tochter des deutschen Energietechnikkonzerns seit Jahrzehnten große und mittelgroße Leistungstransformatoren für Energieinfrastrukturprojekte. Als dann vor ein paar Jahren mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien das Stromnetzgeschäft zu boomen begann, suchte der deutsche Konzern nach Möglichkeiten, die Transformatorenfertigung weiter auszubauen. Von den rund 20 spezialisierten Standorten weltweit fiel die Wahl schließlich auf Wollsdorf bei Weiz, eine kleine Ortschaft in der Steiermark im Hochlohnland Österreich.
Und hier schaffte man es tatsächlich, ein 25.000 Quadratmeter großes Werk in nur 13 Monaten fertigzustellen. Das gilt als blitzschnell, auch im internationalen Vergleich. „Natürlich ist Österreich ein Hochlohnland. Zugleich ist hier aber der Pool von Fachkräften sehr stark, was für uns ein sehr wichtiger Faktor war“, sagt Prešern, der Anfang März den deutschen Botschafter Vito Cecere durch die neuen Hallen führte.
Off-Shore-Schwerpunkt
Interessant ist das neue Werk auch auf Grund seiner Spezialisierung: Hergestellt werden insbesondere Transformatoren für Offshore-Windparks. Diese werden nicht nur in den Windturbinen des Konzerns verbaut, sondern auch an Mitbewerber wie Nordex und Vestas verkauft. Der jährliche Output des neuen Standorts beläuft sich auf bis zu 2.000 Transformatoren.
Die Exportquote liegt bei 100 Prozent. Bei Offshore-Windturbinen sitzen die Transformatoren hoch oben in der Gondel. Ihre Aufgabe ist es, den vom Generator erzeugten Strom auf eine andere Spannungsebene umzuwandeln. „Wir sagen immer: Die Energiewende kann nicht ohne Transformatoren stattfinden. Deshalb investieren wir in die Erweiterung unserer Stromübertragungslösungen“, sagt Prešern.
Die 100-Millionen-Euro-Investition in der Steiermark ist Teil einer erst kürzlich aufgestockten Offensive des Energietechnikspezialisten. Rund zwei Milliarden Euro will der börsennotierte Konzern bis zum Jahr 2028 in den Ausbau des Stromnetzgeschäfts (Grid Technologies) stecken. „Bei den Netztechnologien skalieren wir in einem beeindruckenden Tempo. Ich bin stolz auf die Fortschritte, die wir mit unserer Produktion in Österreich erzielt haben“, nimmt Siemens Energy-CEO Christian Bruch im jüngsten Analystengespräch explizit auf das neue Werk in Wollsdorf Bezug.
Nicht nur die Netztechnik läuft ausgezeichnet, auch das Geschäft mit den Gaskraftwerken boomt. In den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres 2026 sicherte sich der Konzern Aufträge für 102 Gasturbinen – ein Rekord. „Die Nachfrage nach unseren Lösungen wird durch breitere strukturelle Trends, Elektrifizierung, industrielle Expansion und den steigenden Bedarf an widerstandsfähigen Energiesystemen angetrieben. Und diese Logistik ist weiterhin intakt“, erklärte Bruch.
Der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA) untermauert diese Aussage. Demnach soll die Stromnachfrage bis 2035 um rund 40 Prozent steigen – zusätzlich angeschoben durch den Boom bei Rechenzentren.
Vom Krisenkonzern zum DAX-Liebling
Heute ist der einstige Krisenkonzern der Liebling im DAX. Innerhalb von drei Jahren – damals benötigte man noch Staatsgarantien zur Absicherung Milliarden schwerer Aufträge insbesondere in der Windkraft – hat der Kurs um mehr als 600 Prozent zugelegt. Am 23. März erfolgt die Aufnahme in den Stoxx Europe 50. Von dem phoenixmäßigen Aufstieg profitiert auch die österreichische Tochter. Innerhalb von fünf Jahren hat sich der Umsatz von Siemens Energy auf 970 Milliarden Euro 2024 verdoppelt. Rund 2.500 Mitarbeitende sind an den Standorten Linz, Weiz/Wollsdorf, Graz und Salzburg beschäftigt. „Was die weiteren Ausbaupläne in Österreich angeht, wird der Vorstand nach Marktlage entscheiden. Aktuell ist der Markt für Transformatoren gut, aber wir haben ja auch gerade erst investiert“, sagt Prešern, der neu in den Vorstand der Deutschen Handelskammer in Österreich gewählt wurde. Dort will er sich stärker als Vertreter eines Wachstumsunternehmens einbringen, das in der Steiermark, aber auch darüber hinaus für Impulse sorgt.
So beliefert der oberösterreichische Hightech-Konzern Miba den deutschen Konzern Siemens Energy aus seinen beiden steirischen Leistungselektronikstandorten in Kirchbach und Ligst, die beide zuletzt weiter ausgebaut wurden. „Technologien für effiziente, verlustarme Stromnetze oder der Ausbau von Offshore-Windkraft sind starke Wachstumsmärkte, in denen wir eng mit Siemens Energy zusammenarbeiten“, sagt ein Miba-Sprecher. Der badenwürttembergische Logistiker Craiss, der für den Energietechnikkonzern tätig ist, weihte im Februar sein neues Logistikzentrum in Weiz ein. Und beim strategisch wichtigen Material Kupfer besteht seit Kurzem einen weitere Verbindung zu Österreich. Der Konzern Siemens Energy stieg als Ankeraktionär beim Kupferspezialisten Asta Energy des österreichischen Unternehmers Michael Tojner ein, der Anfang der Jahres an die Börse ging.
Geringes KI-Risiko
„Derzeit ist die größte Herausforderung die Lieferkette selbst. Wenn man die Herstellungskapazität um 20 Prozent erhöhen möchte, braucht man Sublieferanten, die in der Lage sind, schnell zu skalieren“, sagt Prešern. Auch Fachkräfte sind weiterhin ein wichtiges Thema. Einige Leute konnten aus der unter Druck stehenden Automobilzulieferindustrie gewonnen werden. Die Tochtergesellschaft bildet aber auch selbst aus. Speziell der Bau von Leistungstransformatoren für Stromnetze, der ebenfalls in Österreich stattfindet, erfordert Spezialisten und ist nur in einem sehr eingeschränkten Ausmaß automatisierbar. Für die Beschäftigten sei das ein Vorteil, weil das Risiko, durch KI ersetzt zu werden, damit geringer ausfalle als in anderen Branchen, so Prešern.
In Wien sitzt Siemens Energy im selben Gebäude wie Siemens Österreich. In dieser Konstellation ist der Energietechnikkonzern der Mieter. Zudem trägt man den gleichen Namen. Ein Name, der seinen Preis hat. Für die Nutzung zahlt der Konzern Siemens Energy pro Jahr einen bestimmten Prozentsatz, bezogen auf den Umsatz, als Lizenzgebühr an den Siemens-Konzern. Dieser hält noch rund zehn Prozent der Anteile an dem Energietechnik spezialisten.
Und in Wien treffen sich die Belegschaften der beiden österreichischen Einheiten bisweilen in der Kantine.
Die ganze Story lesen Sie im trend.Premium vom 3. April 2026.
