Trotz Trump: Warum österreichische Unternehmen auf die USA setzen

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
12 min
Artikelbild
 © Beigestellt

Von einem Büro nahe des Wiener Westbahnhofs aus schupft das Team von Wearedevelopers die weltweit größte Entwicklerkonferenz. Im September expandieren sie ins Herz des Silicon Valley nach San José.

©Beigestellt
  1. home
  2. Aktuell
  3. Unternehmen

Das Silicon Valley boomt dank KI wieder, und Trumps Zölle veranlassen auch österreichische Unternehmen dazu, ihr lokales Geschäft in den USA auszuweiten. Im globalen Tauziehen um Investitionen behalten die Amerikaner die besseren Karten.

Harald Schnidar ist eben exzellent gelaunt aus Maryland nach Wien zurückgekehrt. Der Steirer war bei der Investmentmesse „Select USA“ und hat dort auf der Bühne elf Gouverneure von Bundesstaaten mit Incentives um Ansiedlungen buhlen gesehen: eine Flächenwidmung hier, eine Verfahrensbeschleunigung da, eine Steuererleichterung dort. US-Handelsminister Howard Lutnick brüstete sich in einer Rede vor Ort, Donald Trump habe „die USA zum heißesten Ort der Welt“ gemacht.

Eine typisch amerikanische Show? Schnidar, CEO des österreichischen Scale-ups Scarletred, glaubt nicht jedes Wort von dem, was ihm da aufgetischt wurde. Doch wer wie er sein Geschäft in den Vereinigten Staaten erweitern will – sowohl an der Ostals auch an der Westküste –, braucht positive Stimmung und Business-Mindset. Und davon gibt es im Trump-Land nach wie vor genug. „Es gibt eine richtige Goldgräberstimmung“, rekapituliert der Unternehmer, der eine App entwickelt hat, die Hautveränderungen misst und erkennt.

Ins gleiche Horn stößt Sead Ahmetović, CEO von Wearedevelopers, Veranstalter der weltweit größten Entwicklerkonferenz in Berlin. Er und sein von Wien aus agierendes Team exportieren das Festival im September ins Herz des Silicon Valley: ins McEnery Convention Center in San José, wenige Hundert Meter von der Garage entfernt, in der AppleCo-Gründer Steve Wozniak einst seine ersten Computer zusammenschraubte. Drei Tage, 20 Bühnen, 15.000 Entwickler:innen. ChatGPT & Co., ist Ahmetović überzeugt, haben den verblassenden Hotspot wieder sexy gemacht: „Seit dem Durchbruch generativer KI boomt das Valley wieder“, sagt er: „Eine Wirtschaftskrise gibt es zwar in den USA auch, aber der Tech-Sektor zieht die Gesamtwirtschaft nach oben.“

Wie Trumps Politik Unternehmer:innen beeinflusst

Fast eineinhalb Jahre seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit haben nicht einmal seine „Zollwut“, seine brutale Anti-Immigrations-Politik und der sichtlich ohne Konzept vom Zaun gebrochene Irankrieg es geschafft, die Unternehmen zu vertreiben. Zwar sind Österreichs Exporte in den zweitwichtigsten Auslandsmarkt nach Deutschland 2025 um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Der kumulierte Bestand österreichischer Direktinvestitionen (FDI, Foreign Direct Investment) in den USA, rechnet man Währungseffekte heraus, bleibt aber stabil: Wer schon hier ist, legt manchmal sogar ein Investitionsschäuferl nach, so wie die beiden Getränkeriesen Red Bull und Rauch in North Carolina. Soeben hat auch das steirische Kosmetikunternehmen Ringana angekündigt, 85 Millionen Dollar in den USA investieren zu wollen.

Insgesamt hat die Politik der Trump-Strategen dazu geführt, dass das weltweite FDI in den USA leicht auf insgesamt 311 Milliarden Euro gestiegen ist. Damit liegt der Bestand noch immer unter dem Niveau der Obama-Jahre, aber besser als erwartet.

Trotz europäischer Appelle an die Außenwirtschaft, auf Alternativen wie Lateinamerika, China oder Indien auszuweichen, „weiß jeder kalkulierende Unternehmer, dass es ohne die USA als Markt nicht geht“, sagt Peter Hasslacher, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in New York. Er registriert zwar Verunsicherung und vereinzelt Verschiebungen von Investitionen, jedoch auch enorme Resilienz. Die oft befürchtete harte Landung der US-Wirtschaft ist bisher ausgeblieben, im April wurden in den Staaten sogar 115.000 neue Jobs geschaffen, der zweite Monat mit starken Zuwächsen.

US-Haudegen kennen diese Robustheit bereits. Egal, ob Maschinen- oder Anlagenbauer, Autozulieferer oder Kranhersteller – wer schon seit Jahrzehnten im Land ist, lässt sich nicht so schnell erschüttern.

Dieser Funke scheint auch auf die neuere Generation übergesprungen zu sein. Für Wearedevelopers-Chef Ahmetović ist sonnenklar: „Die USA sind der wichtigste Markt weltweit, unabhängig davon, wer gerade Präsident ist.“ Es sei ihm „egal, wie das Land politisch aufgestellt ist“, sagt auch der Tiroler Alexander Lena, der mit seiner Drone Champions League, einer Art Formel-eins-Rennserie für Drohnen, eben in die Staaten expandiert ist. Frustrierter Nachsatz: „Wir haben es in Europa lange genug probiert, zu wachsen.“

Natürlich sei Trump in Gesprächen vor Ort ein Thema, aber nicht so obsessiv wie in Europa, eher als Nebenschauplatz, heißt es. Und Unruhe könne ja auch produktiv sein, postuliert Ahmetović: „Tech-Märkte brauchen keine Ruhe, sondern Kapital, Talent und Risikobereitschaft.“

Markt ist schwieriger denn je

Wer mit vollständigen Produktionen ins ehemals gelobte Land des Kapitalismus will, ist vorsichtiger. Ebenfalls in der vom österreichischen US-Botschafter Art Fisher geführten Delegation zu „Select USA“ war Thomas Seidl, Chef des Waldviertler Glasfaser-Unternehmens NBG. „Wir werden dort produzieren müssen, wenn wir eine Chance haben wollen“, hat er realisiert. Für einen wachstumshungrigen Mittelständler mit rund 20 Millionen Euro Umsatz bedeutet das riesige Land eine riesige Chance: Kunden gibt es in der Öl-, Gas-, Strom- und auch in der Defence-Industrie.

Der Schritt will aber gründlich überlegt sein, denn es wäre das erste Auslandswerk für NBG. Zu weit im Westen, räsoniert Seidl, wäre aufgrund der Zeitverschiebung kaum mit der Zentrale in Gmünd zu synchronisieren. „Und bei der Trump-Administration muss man aufpassen“, ist er skeptisch über die vor Ort präsentierten Jubelzahlen. Eine definitive Investitionsentscheidung ist deshalb noch nicht gefallen.

Die aktuelle Stimmung ist somit weit von blindem Hurra entfernt. Für Neulinge ist der Markt schwieriger denn je. Wer allerdings schon einen US-Fußabdruck vorweisen kann, fasst nach Monaten der Verunsicherung nun wieder Vertrauen, so Wirtschaftsdelegierter Hasslacher: „Wer völlig neu auf den Markt kommt, wartet ab. Wer schon hier ist, erweitert.“

Ebenfalls einen Unterschied macht, ob man aus den alten Industrien kommt oder vorwiegend digital aufgestellt ist. Wie schon zur Jahrtausendwende, als die erste Welle an Unternehmen mit internetbasierten Geschäftsmodellen für einen Investitionsboom sorgte, ist auch heute wieder von Old vs. New Economy die Rede. Wobei das „New“ inzwischen zu zwei Buchstaben zusammengeschmolzen ist: KI.

Gnadenloser Sogeffekt

Wer dieser Tage von Konferenzen oder Partys im Silicon Valley zurückkommt, berichtet, dass es dort nur noch ein einziges Thema gibt. „Zu 80 Prozent KI“ werden auch die Inhalte seiner XXL-Entwicklerkonferenz in San José sein, verspricht Ahmetović.

Die in den letzten Wochen angekündigten Investitionen von Big Tech geben voraussichtlich den Takt für Jahre vor: Über 650 Milliarden Dollar wollen allein Amazon, Meta, Microsoft und Google 2026 für KI-Infrastruktur, also Rechenzentren, Chips & Co. ausgeben, fast 50 Prozent mehr als im Jahr davor. Vieles läuft inzwischen auf Pump – es ist die vielleicht größte Wette der Wirtschaftsgeschichte. Sie löst einen gnadenlosen Sogeffekt aus.

Denn natürlich zieht der Investitionsboom in Scharen Talente und Investoren aus der ganzen Welt an. Europa hat hingegen wieder einmal den Anschluss verpasst, ist Markus Wagner von i5invest überzeugt. Seit dem Verkauf seines Unternehmens an den US-Telekomanbieter Verisign vor zwanzig Jahren pendelt er regelmäßig zwischen den Welten und hält fest: „Seit ChatGPT ist San Francisco wieder frischer geworden.“ Die vielen politischen Beteuerungen, dass Europa in der aktuellen geopolitischen Situation sich auf eigene Beine stellen müsse – Stichwort digitale Souveränität –, seien nicht mit der Realität in Einklang zu bringen, konstatiert Wagner: „Wir haben keine Suchmaschine, keinen Cloudanbieter, kein mobiles Ökosystem. Der Zug ist abgefahren.“

Leben in Europa, arbeiten in den USA

Wunschdenken sind folglich auch europäische Meldungen über potenziell Tausende Trump-Flüchtlinge in Wissenschaft und Wirtschaft, die dem alten Kontinent eine Hightech- und Business-Frischzellenkur verpassen könnten. Als Peter Steinberger, österreichischer Entwickler des KI-Agenten Open Claw, sich im Februar in Richtung des ChatGPT-Entwicklers OpenAI in die USA verabschiedete, ließ er via X wissen: „In den USA sind die meisten Menschen enthusiastisch. In Europa werde ich beschimpft, Leute schreien REGULIERUNG und VERANTWORTUNG.“

Ähnlich Sarah Buchner, eine Innviertlerin, die einer Topkarriere bei einem heimischen Baukonzern ein KI-Start-up-Leben in New York vorzog und 2025 mit Trunk Tools eine 40-Millionen-Finanzierungsrunde hinlegte. „Wir konzentrieren uns auf die USA“, sagt sie, „egal, ob Hawaii, Kalifornien oder Texas, es macht keinen Unterschied, wohin ich verkaufe.“ Europa dagegen sei „nur mühsam“. Der EU–AI Act, das Regularium für die KI-Industrie, und die DSGVO, die berüchtigte Datenschutzgrundverordnung, würden Innovation im Keim ersticken.

Wenn sie in Österreich mit Bauunternehmen rede, merke sie, wie weit diese in der Bereitschaft hinterherhinkten, KI in ihre Abläufe zu integrieren: „Dabei könnten sie doch unsere Kunden sein.“ Bitteres Fazit Buchners: „Niemand in meinem Umfeld sagt, ‚Hey, Europa ist ein toller Markt!‘.“

Dabei sei sie regelrecht zerrissen, weil sie im Herzen eine Europäerin sei. Ihr Anspruch, in möglichst kurzer Zeit wirtschaftlich möglichst große Dinge auf die Beine zu stellen, lasse sie jedoch zur Amerikanerin werden: „Ich liebe es, in Europa zu sein – aber nicht dort zu arbeiten.“ Torn in the USA, anno 2026.

Trumps Reality-Check

Vor den US-Wahlen Ende 2024 war ein möglicher Sieg von Donald Trump stets mit der Hoffnung verknüpft worden, dass die US-Wirtschaft zum Wohle aller Handelspartner einen enormen Schub bekommen würde. Nach einer mehrmonatigen Schrecksekunde über Zölle, Gift für Handel und Investitionen könnte nun wieder Zuversicht zurückkehren.

Der Reality-Check hat vor Augen geführt, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten eben auch ein Land möglicher Begrenztheiten ist. Doch vor diesem Hintergrund lassen sich die ungeheuren Potenziale mit mehr Realitätssinn heben. „Die Rechnung geht für Trump total auf“, ist Redscarlet-CEO Schnidar nach seinem jüngsten Besuch in den Staaten jedenfalls überzeugt.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 22. Mai 2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
trend. Abo

Nur jetzt ein ganzes Jahr trend. für nur €10,99 pro Monat!