US-Experte: „Trump ist ein brillianter Taktiker, aber ein schwacher Stratege“

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Julius van de Laar

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Der US-Politikberater und ehemalige Wahlkämpfer von Barack Obama, Julius van de Laar, über Trumps Zollpolitik, bröckelndes Vertrauen in die Wirtschaftskompetenz des US-Präsidenten und warum die EU plötzlich mehr Verhandlungsmacht hat.

trend: Es scheint Trump bei seiner Zollpolitik weniger um die US-Wirtschaft als um Machtausübung zu gehen. Das wird ihm nun zum Verhängnis. Hat er sich verkalkuliert?

Julius van de Laar: Um Trumps Zollpolitik zu verstehen, muss man Trump verstehen. Dieses Thema begleitet ihn seit den 1990er-Jahren. Schon damals argumentierte er, die amtierenden Präsidenten seien nicht in der Lage kluge Politik zu machen und die USA würden daher von anderen Ländern „über den Tisch gezogen“. Dieses Grievance-Narrativ zieht sich durch seine gesamte politische Karriere. Im Wahlkampf 2024 fiel das auf fruchtbaren Boden: hohe Inflation, steigende Lebenshaltungskosten, die fehlende industrielle Produktion im Land. Zölle wirken da wie eine einfache Lösung: Arbeitsplätze zurückholen, andere Länder zahlen lassen. Politisch funktioniert das. Ökonomisch ist es deutlich komplizierter, teilweise sogar kontraproduktiv. Sobald die Realität einsetzt, beginnt Trumps Erzählung zu bröckeln.

Trump lebt vom Image des erfolgreichen Geschäftsmanns. Wie gefährlich ist es für ihn, wenn das nun zu kippen droht?

Das ist quasi der Teppich, der ihm unter den Füßen weggezogen wird. Wirtschaft ist das wichtigste Thema für Wählerinnen und Wähler, und genau bei diesem Thema verliert Trump massiv an Zustimmung. Beim Thema Inflation liegt er im Net Approval bei minus 33 Prozent, bei Steuern und Ausgaben bei minus 23, bei Jobs und Wirtschaft bei minus 20. Das sind katastrophale Werte.

Was bedeutet das für die Midterm Elections im Herbst?

Stand jetzt sehen die Prognosen nicht gut für Trump aus. Wenn sich diese wirtschaftliche Unzufriedenheit hält, wird es für die Republikaner schwierig. Hinzu kommen auch die Epstein-Files. Die Umfragewerte zeigen, dass bei egal welchem Thema die harte Maga-Basis hinter ihm steht, mit Ausnahme von den Epstein-Files. Das Thema wird bis zu den Wahlen eine Rolle spielen. Und das wird ihm extrem schaden.

Trump setzt dauernd auf neue Themen, wenn alte nicht funktionieren, nicht sofort ihren Erfolg einstellen. Kann er das auch hier?

Kurzfristig ja, langfristig nein. Trump ist ein hervorragender Taktiker: Er dominiert den Nachrichtenzyklus, zieht Aufmerksamkeit auf sich, setzt ständig neue Reize. Er ist wie der Produzent einer Netflix-Serie und hält uns täglich am Ball. Strategisch sieht es anders aus. Viele Entscheidungen haben mittel- und langfristig negative Folgen. Die Zollpolitik ist ein Beispiel: kurzfristiger politischer Effekt, aber Unsicherheit an den Märkten und reale Verluste. Am Ende zählt für Wähler etwas sehr Einfaches: Was kostet mich mein Einkauf bei Walmart? Wenn der teurer ist als vor einem Jahr, helfen auch keine Schlagzeilen der Abendnachrichten oder Post in den Sozialen Medien.

Steht Trump an einem Kipppunkt?
Das ist sehr schwer zu sagen. Wenn sich geopolitische Spannungen beruhigen und die Märkte anziehen, kann sich das Narrativ schnell wieder drehen. Aber die strukturellen Kosten, etwa durch Konflikte oder steigende Staatsausgaben, bleiben. Und die sind erheblich.

Die EU agiert langsam, regelbasiert und abgestimmt – Trump hingegen schnell, unilateral und eskalativ. Ist Europa strukturell im Nachteil?

Nicht unbedingt. Europa muss geschlossen auftreten, alles andere würde den Binnenmarkt schwächen. Interessant ist, dass sich Europas Position zuletzt verbessert hat. Neue Handelsabkommen und geopolitische Entwicklungen haben den Handlungsspielraum vergrößert. Man hätte das noch offensiver nutzen können – etwa, indem man Unterstützung für die USA, etwa im Irankrieg, an Bedingungen knüpft: Ukraine, Zölle, Mitsprache. Da wurde Potenzial liegen gelassen.

Muss Europa also kommunizieren wie Trump, um mit ihm mithalten zu können?

Nein. Trump ist ein Ausnahme-Politiker, seine Art ist kaum reproduzierbar. Egal ob ich nach Wien, nach Berlin oder Paris schaue – niemand ist in der Lage, so zu kommunizieren wie Trump. Auch, wenn Macron sich mit Sonnenbrille vor einem Atomroboter ablichten lässt, ist das nicht dasselbe. Trump mit seinen eigenen Mitteln schlagen zu wollen, ist weder realistisch noch wünschenswert. Aber man könnte in Europa gewisse diplomatische Prozesse modernisieren und entschlossener auftreten.

Was ist in den nächsten zweieinhalb Jahren bis zu den nächsten US-Präsidentschaftswahlen von Trump zu erwarten?

Die Bandbreite ist groß, die Negativ- wie Positivszenarien sind gigantisch. Geopolitische Spannungen könnten zunehmen, gleichzeitig könnten innenpolitische Entwicklungen Trump stärker einschränken – etwa bei einem Machtwechsel im Kongress. Mit fortschreitender Amtszeit wird zudem der Druck aus den eigenen Reihen wachsen. Die Unsicherheit bleibt hoch und genau das ist ökonomisch wie politisch das größte Problem für Trump.

Wenn Trump schwächelt, gibt es bei den Demokraten jemanden, der daraus Kapital schlagen kann, sprich eine Lichtgestalt wie Barack Obama?

Ich würde Trump noch nicht abschreiben. Wahlen können sich drehen. Die entscheidende Frage ist: Gibt es bei den Demokraten jemanden, der mehr ist als nur die Alternative zu Trump? Gibt es jetzt eine neue Lichtgestalt, die die Massen elektrisiert? Ich würde sagen, noch nicht. Stand heute sehe ich keinen Demokraten, der diese Rolle erfüllt. Aber zweieinhalb Jahre vor einer Wahl wäre es auch ungewöhnlich, wenn diese Person schon klar erkennbar wäre.

Zur Person

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Barack Obama und Julius van de Laar

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