
Ein Kommentar von Matthias Strolz: Die jüngsten Auftritte in Davos zeigen derzeit sehr deutlich, wie sich Macht in einer zunehmend fragmentierten internationalen Ordnung neu formiert.
Die Neuordnung der Welt wird nicht nur durch Taten sichtbar, sondern auch durch die Art, wie Macht heute kommuniziert, inszeniert und begründet wird. Die Reden und Statements aus der Spitze der US-Regierung – neben Donald Trump selbst vor allem durch Handelsminister Howard Lutnick – folgen dabei einer klaren Linie: Konfrontation statt Einbettung, Dominanz statt Ordnung, Deal-Macht statt Regeln. Multilaterale Zusammenarbeit wird nicht weiterentwickelt, sondern als Schwäche dargestellt.
Auffällig ist dabei: Diese Auftritte erzeugen kurzfristig Aufmerksamkeit, schwächen aber langfristig ihre eigene Wirkung. Die aggressive und egozentrische Rhetorik schafft keine neue Stabilität. Im Gegenteil: Sie beschleunigt eine Selbst-Delegitimierung. Macht wird behauptet, aber immer weniger überzeugend erklärt. Das zugrunde liegende Narrativ trägt nicht mehr – weder wirtschaftlich noch politisch noch normativ.
In diesem Sinn kann man von einer fortlaufenden Selbst-Demontage sprechen. Nicht, weil diese Akteure machtlos wären, sondern weil sie aktiv jene Grundlagen untergraben, auf denen tragfähige Macht beruht: Vertrauen, Verlässlichkeit und Kooperationsfähigkeit. Das Bild vom „nackten Kaiser“ passt hier gut: Die Inszenierung bleibt, aber die Substanz wirkt zunehmend dünn. So wurde US-Handelsminister Howard Lutnick nach einer untergriffig formulierten Rede bei einem hochkarätigen Dinner diese Woche ausgebuht und mehrere Gäste verließen die Veranstaltung. BlackRock-Chef Larry Fink musste als Gastgeber die Veranstaltung vorzeitig beenden, um die Situation zu beruhigen.
Gleichzeitig lässt sich eine zweite, wichtigere Entwicklung beobachten. Immer mehr internationale Akteure erkennen, dass es strategisch wenig bringt, sich dauerhaft an dieser Form von destruktiver Machtentfaltung abzuarbeiten. Beschwichtigung führt nicht zu Stabilität. Eskalation schafft keine Ordnung. Beides bindet Energie – am falschen Ort.
Stattdessen verschiebt sich der Fokus langsam, aber spürbar: hin zu Kooperation mit jenen, mit denen Zusammenarbeit möglich ist. Nicht nur aus moralischer Abgrenzung, sondern vor allem aus nüchterner Notwendigkeit. Ordnung entsteht dort, wo Akteure verlässlich sind, Vereinbarungen einhalten und Konflikte begrenzen, statt sie für kurzfristige Vorteile zu nutzen.
In diesem Zusammenhang wirkt die Rede des kanadischen Premiers Mark Carney beinahe unspektakulär – und genau darin liegt ihre Stärke. Sie setzt auf wertebasierte Nüchternheit, auf Pragmatismus ohne Zynismus, auf Zusammenarbeit ohne Illusionen. Keine großen Gesten, sondern die bewusste Entscheidung, handlungsfähig zu bleiben – Schritt für Schritt, Thema für Thema.
Die entscheidende Frage unserer Zeit ist daher vielleicht nicht zuerst, wie wir auf disruptiv-destruktive Macht reagieren. Sondern wo wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Energie und unsere Kooperationsfähigkeit investieren.
In Phasen tiefer Verunsicherung entsteht Stabilität selten durch laute Gegenwehr oder harte Abgrenzung. Sie wächst dort, wo Menschen, Organisationen und Staaten fähig bleiben, Verlässlichkeit zu praktizieren, auch wenn sie unter Druck stehen. Wo Institutionen nicht aus Gewohnheit verteidigt, sondern bewusst erneuert werden. Wo Zusammenarbeit nicht aus Naivität gesucht wird, sondern aus dem Wissen, dass Isolation langfristig schwächt.
Globale Ordnung ist kein Zustand, der verordnet werden kann. Sie ist ein fortlaufender Prozess des Aufbaus – getragen von Akteuren, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Ambivalenzen auszuhalten und Vertrauen nicht als sentimentalen Wert, sondern als strategische Ressource zu verstehen.
Macht, die sich nur noch über Lautstärke, Drohung oder andauernde Eskalation definiert, verliert mit der Zeit ihre innere Bindekraft. Zukunftsfähige Wirksamkeit entsteht dort, wo es gelingt, Handlungsfähigkeit mit Haltung zu verbinden.
In dieser Phase geht es weniger darum, wer seine Interessen am lautesten oder härtesten durchsetzt. Sondern darum, wer die Fähigkeit bewahrt, Handlungsräume zu öffnen, Verbindungen zu knüpfen und tragfähige Ordnung zu ermöglichen – auch dann, wenn andere bewusst auf Konfrontation, Überwältigung und permanente Zuspitzung setzen.
Zur Person
Dr. Matthias Strolz, Gründer und ehem. Parteichef der NEOS, Unternehmer, Autor, Leadership-Guide und internationaler Speaker.