Mitten im reißenden Technologiefluss

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Kommentar: Anhand eines Besuchs in der Zukunftsfabrik Stanford zeigt Andreas Bierwirth mit welch disruptiver Kraft KI die Wirtschaft durcheinanderwirbelt - und was das für europäische Unternehmen bedeutet.

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Andreas Bierwirth

Bereits vor etwas mehr als zehn Jahren hatte ich das Privileg, an einem Executive-Management-Programm an der Stanford University teilzunehmen. Stanford ist jene Eliteuniversität, die sich im Herzen des Silicon Valleys befindet und sich auf gewisse Art und Weise auch als dessen Herz auszeichnet. Sie gilt als wesentlicher Schmelzpunkt von Instituten der Grundlagenforschung, einer Business School, von Geburtsstätten unzählbarer Start-ups sowie von zahlreichen ansässigen Venture-Capital-Unternehmen. Sie ist dadurch zum Dreh- und Angelpunkt der globalen digitalen Entwicklung geworden. Und zudem noch in geografischer Nachbarschaft der größten Tech-Konzerne wie Meta oder Apple.

Jetzt war ich wieder vor Ort. Nahezu mit dem identischen Programm. Aber auch mit den selben Learnings?

Sprach man vor zehn Jahren noch allein über die Digitalisierung, so ist es jetzt künstliche Intelligenz. Man mag denken, dass dies nur eine logische Fortsetzung der Thematik ist. Allerdings spürte ich damals bei den Vortragenden noch die Fähigkeit, die Managementaufgaben aus der Digitalisierung gut ableiten zu können.

Das ist jetzt anders. Selbst die Forschung wirkt nahezu ein wenig verschreckt, mit welcher Geschwindigkeit sich die KI gerade entwickelt. Und welche ungeahnten Möglichkeiten durch KI nun entfaltet werden. Eine lineare Prognose ist nicht mehr möglich. Dafür erscheint alles denkbar, solange es für ein Thema Datensätze gibt.

Zudem überlagert sich die Entwicklung von KI mit einer quantensprungähnlichen Verbesserung der Robotics-Disziplin. Humanoide Roboter sind hier keine Vorstellung mehr aus einem ScienceFiction-Film. Sie stehen bereits vor konkreten Anwendungsfeldern.

Und während dies den Arbeitsmarkt noch mal massiv verändern wird, werden wohl neue Arbeitsplätze entstehen. Die Gelenke des Roboters müssen ja auch gewartet werden. Aber der mutige Feuerwehrmann, der sein Leben riskiert, kann wohl künftig durch einen viel stärkeren, feuerfesten Roboter hervorragend ersetzt werden. Genauso wie in der Pflege, der Logistik oder der Industrie vermehrt Roboter arbeiten werden. Und auch der Einsatz im Defence-Bereich ist uns wohl schon längst bewusst. Die Angst vor dieser Veränderung ruft gerade bei uns Europäern – von vielen humanistischen Werten geprägt – sofort den Wunsch nach Regulatorik auf den Plan. Unser Weltbild ist verstört.

Das ist in Stanford anders. Hier herrscht Technologiegläubigkeit. Wie sagte ein Referent im Hinblick auf die Möglichkeiten einer politischen Regulatorik von Technologien: „Technologie ist wie Wasser. Bleibt man stehen, fließt sie um einen herum.“

Stanford steht ganz offenbar nicht für Regulierung. Denn dieser Ort ist eine der ersten Quellen dieses Technologieflusses. Dafür wird die Bedeutung des Eigentums von Technologien und vor allem von Daten als viel relevanter wahrgenommen als vor zehn Jahren. Nur wer den Zugang zu Daten besitzt, hat die Macht. Besitzt sie ein Falscher, wird es sogar gefährlich. Deshalb wird der Übertrag von Tiktok an einen US-amerikanischen Besitzer in großer Breite als essenziell wahrgenommen. Unabhängig von Trump. Ohne diese Maßnahme wäre die innere Stabilität des Landes als zu stark von China beeinflussbar angesehen.

Gleich geblieben ist der Glaube an die Hyperscaler. The winner takes it all. Und durch die Entwicklung von KI, die ja auf großen, relevanten Datensätzen aufb aut, glaubt man sogar an eine weitere Konzentration innerhalb der Hyperscaler. Unternehmen wie Alphabet zählen wohl wieder zu den Gewinnern. Wie Hyänen schielen diese übrigens auf relevante Start-ups bzw. Scaleups der Region, um ihre eigene Innovationskraft sicherzustellen.

Was ich persönlich für Europa und Österreich zumindest noch sehe: die Chance, in Industrien mit sehr spezifischen Daten zu reüssieren. Jene Unternehmen zum Beispiel, die medizinische Daten sammeln. Wie Röntgenbilder. Oder auch industrielle Daten. Vom Aufzug bis zum Kraftwerk. Funktions- und Prozessdaten. Diese können auch jenseits der Hyperscaler durch KI zu neuen Anwendungsfeldern führen. In halt spezifischeren Märkten.

Und damit ist für mich auch gleich geblieben, dass ich berührt, bewegt, besorgt und begeistert von den Dingen, die nun durch KI auf uns zukommen, zurückgeflogen bin – wie damals mit den Chancen der Digitalisierung. Das, was kommt, ist größer, als ich dachte. Auch wenn kurzfristig noch Chaos besteht. Aber die Bedeutung neuer Technologien wird eben häufig kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt. Das war schon beim Wechsel von der Pferdekutsche zum Auto der Fall.

An dieser Stelle schließt sich auch der Kreis zu den Gedanken zur strategischen Unternehmensführung, die wir lange diskutiert haben. Die Vortragenden erwarten unisono, dass ein Großteil der Fortune-500-Unternehmen auch künftig durch neue Unternehmen ersetzt wird. Bereits jetzt sind nur noch 17 Prozent jener Unternehmen, die 2023 in Fortune 500 gelistet wurden, als eigenständiges Unternehmen Teil des Rankings. Die Komposition der größten und relevantesten Unternehmen verändert sich dramatisch. So wie auch bei uns vielleicht Bitpanda einmal die Stelle einer großen Bank ersetzen könnte.

Nur wie wird man nicht Teil dieses Shakeouts? Die Antwort darauf ist simpel. Und offenbar doch so schwer umzusetzen. Gerade in Europa sprechen wir häufig von strategischer Planung. Dabei lässt sich derzeit alles planen. Aber nicht die Strategie. Umso stärker ist der Push in Stanford, Strategie und Planung zu trennen. Strategien müssen flexibler werden. Innerhalb der Unternehmen muss die Fähigkeit gestärkt werden, sich selbst ständig zu hinterfragen und die Umwelt objektiv zu beobachten. Das ist eine eigene Kunst.

Zudem sind wir Menschen, die strukturell Opfer unserer eigenen Psychologie werden. Diverse Bias führen dazu, dass wir die Realität immer erst deuten wollen, wie sie uns passend erscheint. Confirmation Bias ist wohl der bedeutendste Bias. Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben des Topmanagements geworden, offene Augen für einen kritischen Blick zu haben, die Bestätigung der Gegenthese zu suchen, statt die eigene zu bestätigen. Nur wer die Veränderung der Außenwelt versteht und im Anschluss darauf reagiert, wird auch künftig als Unternehmen noch eine relevante Rolle behalten können.

Ein letzter Punkt ist wieder mal das Kapital. In den USA werden 85 Prozent der Unternehmenswerte der top zehn Unternehmen von Venture Capital gehalten. Es gibt kein neues Unicorn des letzten Jahres mehr, welches ohne Venture Capital existiert. Die Verfügbarkeit von Kapital ist essenziell.

Diese Forderung gab es schon vor zehn Jahren. Es hat sich auch etwas verbessert. Allerdings nur im Gleichschritt zu den USA. Und somit ist der Abstand und in der Folge die Abwanderung von potenziellen Unicorns in die USA auch gleich geblieben.

Übrigens zur Akzeptanz von KI: Ich habe mir zumindest gleich zweimal ein Waymo-Taxi bestellt. Völlig autonom fahrend. Und mich dabei sicherer gefühlt als in dem ein oder anderen Wiener Taxi. Vielleicht noch etwas langsam, aber besser. Dafür wurde ich von der KI zum Gespräch eingeladen, und auch Spotify stand mit meinen Lieblingsliedern zur Verfügung. Auf einer Fahrt, bei der Waymo weiterhin die Daten sammelt und unsere heimische Automobilindustrie weiter abhängt.

Ich bin persönlich nach der Woche überzeugt, dass wir uns wohl entscheiden müssen. Zwischen der Absicherung von Werten, die auch mir selbst am Herzen liegen. Oder der Absicherung des Wohlstands, der mir gesellschaftlich auch am Herzen liegt. Denn der Wohlstandsverlust gefährdet unsere Demokratie wohl noch stärker als der Wertverlust.

Große Themen und große Gedanken, die also im Reisegepäck gelandet sind. Und sicherlich kein Zurückkehren in eine „Operation Normal“.

Zur Person

Der Kommentar ist in der trend.EDITION von 26. Juni 2026 erschienen.

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