OpenAI vs Anthropic: Machtkampf um KI-Domianz

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
9 min
Artikelbild
 © Imago // ANI

Gipfelfoto mit Indiens Premier Modi: Topshots wie Sundar Pichai (Google), Alexandr Wang (Meta) u.a. reichen sich die Hände. Nur Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) verweigern in die freundliche Geste.

©Imago // ANI
  1. home
  2. Business
  3. Technologie

Den Kampf um die Nummer eins im KI-Geschäft tragen zwei US-Amerikaner aus, die Protagonisten eines epischen Duells sind, in dem es um Macht, Milliarden und ganz persönliche Missionen geht.

Zwei Personen verweigerten die Handreichung, die Indiens Premier Narendra Modi der globalen Elite fürs Abschlussfoto beim KI-Gipfel am 19. Februar spontan verordnete: Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) offenbarten vor aller Welt die tief sitzende Abneigung zweier Männer, die vor ein paar Jahren zusammengearbeitet hatten – und sich nun erbittert bekämpfen.

Diese Dynamik entzündete sich jüngst auch an anderer Stelle: Hatte das Pentagon Anthropic vor Wochen als Lieferanten „aus Sicherheitsgründen“ abgelehnt, sprang OpenAI eilfertig in die Bresche. Anfang April stellte Anthropic nun ausgewählten Unternehmen sein jüngstes Produkt Mythos vor, das wie kein anderes Werkzeug zuvor Sicherheitslücken in Software aufspüren kann und bereits Tausende entdeckt hat. Mythos wäre in den falschen Händen von Hackern ein GAU für die IT-Industrie. Prompte Kehrtwende im Weißen Haus: Anthropic ist wieder im Spiel, die NSA darf das Supertool in Augenschein nehmen – und Anthropic macht weltweit Schlagzeilen.

Ein wichtiger Punkt in einem Match, in dem Glaubwürdigkeit entscheidend ist: Beide Unternehmen bereiten sich auf Börsengänge vor, die zu den größten aller Zeiten gehören könnten. Im Wochenrhythmus zitieren US-Medien aus Investorenpapieren, der Gerüchteküche und sezieren die Persönlichkeiten.

OpenAI hatte 2022 den BlockbusterMoment und ist zum Synonym für KI geworden. ChatGPT hat viel mehr Nutzer:innen, doch die wenigsten bezahlen. Anthropic ist spät ins Spiel gekommen, wächst imposant und hat sich mit dem Fokus auf Firmenkunden strategisch klug früh Umsätze – und nicht nur Marktanteile – gesichert. Noch schreiben beide große Verluste. Nicht wenige Investoren gehen angesichts der steilen Performance von Anthropic davon aus, dass es mittelfristig das bessere Pferd im Stall sein könnte. Spielentscheidend für die Wachstumspläne sind die technischen Kosten, und da rechnet OpenAI bis 2030 mit viel höheren Ausgaben als Anthropic, das die KI effizienter produzieren kann. OpenAI ist der Goliath, aber Anthropic offenbar längst kein David mehr.

Die Produkte

Das zentrale Sprachmodell von Anthropic ist Claude, dessen Erweiterung Code seit einem Jahr unter Programmierern populär ist. Seit Anfang April dürfen ausgewählte Kunden Mythos verwenden, off enbar eine Superwaff e im Aufspüren von Sicherheitslücken. Anthropic hat für regulierte Branchen einen Ansatz entwickelt, der KI sicherer und ethischer agieren lässt („konstitutionelle KI“). Anthropic-Modelle erzielen bei „Text“ wie auch bei „Code“ die top drei Plätze beim Benchmark Arena AI.

Flaggschiff von OpenAI ist nach wie vor ChatGPT (aktuell in der 5er-Reihe). Für Programmieraufgaben gibt es Codex, für wissenschaftliches Arbeiten Prism sowie den KI-Browser Atlas oder die Spracherkennung Whisper. OpenAI überrascht mit Kurskorrekturen in der Produktentwicklung: Die Video-KI Sora wurde eingestellt, Hardwareprojekte (u. a. mit Ex-Apple-Designchef Jony Ive) verzögern sich. Beim Leistungsvergleich belegt GPT bei „Text2Image“ Platz zwei, bei „Image Edit“ Platz eins.

Die Kunden

Anthropic hat sich strategisch auf Firmenkunden konzentriert und verbreitet sich rasch in den Branchen, nennt Referenzen wie Pfi zer, United Airlines, Novo Nordisk. 300.000 Geschäftskunden sind es laut Firmenangaben, die 80 Prozent des Umsatzes ausmachen. Der Anteil von Großkunden soll sich binnen Jahresfrist versiebenfacht haben. Dieses Momentum hat Anfang 2026 zu einem „Anthropic-Schock“ an den Börsen geführt, Aktien von Enterprise-Software-Unternehmen brachen ein.

OpenAI zählt 900 Millionen aktive Nutzer:innen pro Woche und ist damit weltweit das größte KI-Verbraucherprodukt, die meisten Menschen nutzen allerdings die kostenlose Version. 50 Millionen nutzen einen kostenpflichtigen Zugang. Bei Firmenkunden hat OpenAI Aufholbedarf: Eine Million Kunden aus allen Branchen rechnet OpenAI dem Business zu, und durch die strategische Partnerschaft mit Microsoft hat OpenAI Zugang zu einem etablierten Enterprise-Markt.

Die Geldgeber

Einer der ersten Anthropic-Investoren war Ex-Google-CEO Eric Schmidt, ihm imponierte die Persönlichkeit Amodeis. Kurios: Früh investiert hat der Kryptopleitier Sam Bankman-Fried (mittlerweile verurteilt), dessen Anteile 2024 1,3 Milliarden Dollar in die Konkursmasse der FTX-Gläubiger spülten. Amazon ist mit acht Milliarden dabei, hat am 20. April weitere fünf Milliarden angekündigt, mittelfristig sogar bis zu 20 Milliarden. Weitere Investoren sind neben Google einige Fonds sowie Microsoft und Nvidia.

In das bei der Gründung noch gemeinnützige OpenAI investieren Elon Musk, Peter Thiel, Reid Hoff man (Linkedin), die KI-Forscher und Mitgründer Greg Brockman, Ilya Sutskever sowie AWS. Mit der ersten Milliarde 2019 legte Microsoft den Grundstein als Hauptinvestor, daraus wurden in der Folge 13 Milliarden Dollar und eine strategische Partnerschaft, u. a. für die Infrastruktur. Softbank und Nvidia sind ebenfalls an Bord. Förderer Musk hat Altman mittlerweile auf 100 Milliarden Dollar verklagt.

Die Teams

Anthropic hat schätzungsweise 3.000 Mitarbeitende und 2025 mit der globalen Expansion begonnen: Es gibt Niederlassungen in Europa (in Großbritannien und der Schweiz) sowie in Japan, Korea und Indien (Bangalore). Anthropic holte sich in den letzten sechs Monaten durch Zukäufe spezielles Domänenwissen ins Haus: das Open-Source-JavaScript-Toolkit Bun und kürzlich das KI-Biotech-Start-up Coefficient Bio um 400 Millionen Dollar, um den Life-Sciences-Bereich zu stärken.

OpenAI hat 5.300 Mitarbeitende und baut den Personalstand stark aus, bis zu 8.000 bis Ende 2026. Neben den USA (SF und NY) hat das Unternehmen Niederlassungen in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Asien (Singapur). Über ein Dutzend Spezialunternehmen wurden mittlerweile zugekauft, das teuerste war das Coding-Tool Windsurf um drei Milliarden Dollar (2025). Prominentester Neuzugang aus österreichischer Sicht war Openclaw-Macher Peter Steinberger.

Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 24. April 2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
trend. Abo

Holen Sie sich trend. jetzt im bequemen Jahresabo!