KI-Expertin: „Wachstum erfolgt nicht durch Abbau“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Artikelbild
 © beigestellt

Kenza Ait Si Abbou

©beigestellt
  1. home
  2. Aktuell
  3. Unternehmen

Die deutsche KI-Expertin Kenza Ait Si Abbou erwartet, dass sich der Arbeitsmarkt für junge Talente wieder öffnen werde, und erklärt, welche Chancen – aber auch Gefahren – KI-Agenten mit sich bringen.

trend: Das „Forbes“-Magazin schrieb kürzlich: „KI könnte Jobs für Berufseinsteiger auslöschen.“ Eine übertriebene Schlagzeile oder bereits Realität?

Kenza Ait Si Abbou: Das ist eine gute Schlagzeile, aber die Realität ist komplexer. Natürlich hat KI Einfluss, vor allem bei Wissensarbeit und repetitiven Aufgaben. Aber zu behaupten, alle Einstiegsjobs würden verschwinden, halte ich für übertrieben. Man muss ­außerdem fragen: Liegt das wirklich nur an KI? Wir befinden uns in einer wirtschaftlich schwierigen Phase mit mehreren Krisen gleichzeitig. Unternehmen sparen überall.

Viele junge Menschen sind frustriert. Sie sind gut ausgebildet, finden aber keinen Job. Die KI ist ein naheliegender Sündenbock?

Die Frustration ist verständlich, und ich kenne sie aus eigener Erfahrung. Als ich in den Arbeitsmarkt eingestiegen bin, war es die Wirtschaftskrise, die als Schuldige galt. Hunderte Bewerbungen, kaum Rückmeldungen. Das Muster ist nicht neu. Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit der Verschiebung. Aber die strukturelle Logik bleibt die­selbe: Unternehmen, die in Krisen ausschließlich auf Sparen setzen und keine Juniors mehr einstellen, erzeugen ein Kompetenzvakuum, das sich rächt. Wachstum entsteht nicht durch Per­sonalabbau, das wissen erfahrene Führungskräfte, auch wenn die kurzfristige Quartalsperspektive gerade etwas anderes suggeriert. Unternehmen werden das korrigieren müssen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus strategischer Notwendigkeit.

Haben junge Arbeitnehmer:innen vielleicht auch unrealistische Erwartungen entwickelt?

Die vergangenen zehn Jahre waren geprägt von einem außergewöhnlich arbeitnehmerfreundlichen Markt: Fachkräftemangel, Wettbewerb um Talente, steigende Einstiegsgehälter. Wer in dieser Phase sozialisiert wurde, hat berechtigterweise andere Referenzpunkte entwickelt. Die aktuelle Korrektur ist deshalb für viele nicht nur wirtschaftlich schwierig, sondern auch psychologisch ein Bruch. Das wird sich neu kalibrieren, auf beiden Seiten. Unternehmen werden merken, dass sie ohne Nachwuchs nicht wachsen können. Und junge Talente werden lernen, in einem volatileren Umfeld zu navigieren.

Wir diskutieren derzeit noch viel über Chatbots. Gleichzeitig kommt bereits die nächste Stufe: KI-Agenten, die eigenständig Aufgaben erledigen. Wie stark wird das die Arbeitswelt verändern?

Sehr stark. Aber viele unterschätzen, was dafür notwendig ist. Agentic AI funktioniert nur, wenn Datenqualität, Tech-Infrastruktur und Governance stimmen. Ein KI-Agent muss auf Systeme zugreifen, Daten interpretieren und Entscheidungen treffen können. Wenn die Daten schlecht sind oder Prozesse nicht sauber integriert sind, trifft der Agent falsche Entscheidungen. Ein Mensch erkennt oft intuitiv, wenn etwas nicht passt. Diese menschliche Korrektur fällt bei autonomen Systemen teilweise weg. Deshalb braucht es enorme Vorarbeit: saubere Daten, integrierte Systeme, klare Prozesse und Governance-Strukturen. Das kostet Zeit, Geld und Aufwand, häufig über mehrere Geschäftsjahre hinweg.

Viele Unternehmen wollen trotzdem bereits auf Agentic AI setzen. Ist das in manchen Fällen übereilt?

Ja, Agentic AI ist im Grunde „the cherry on the cake“. Rein theoretisch müsste man zuerst die Infrastruktur bauen und danach die Anwendungen daraufsetzen. In der Realität passiert beides parallel. Unternehmen brauchen kleine, abgegrenzte Use Cases, um zu zeigen, dass die Technologie funktioniert, etwa einen KI-Agenten für Vertragsanalysen im Legal-Bereich. Solche Beispiele helfen, Management und Mitarbeitende zu überzeugen, weiter zu investieren. Aber ohne grundlegende Infrastruktur wird man nie wirklich skalieren können.

Ist dieses Verständnis in der Wirtschaft angekommen?

Technologieverantwortliche erfassen die Komplexität meist sehr gut. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht bei den Menschen, sondern im System: Klassische Finanzsteuerungslogik ist für ein Feld wie KI schlicht nicht kalibriert. KI-Transformation folgt einer anderen Zeitlogik. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wie lange solche Projekte dauern, was sie kosten und ab wann sie sich rechnen. Das ist keine Managementschwäche, das ist die ehrliche Antwort auf Neuland. Wer dennoch wasserdichte Business-Cases erwartet, bevor er Budgets freigibt, wird strukturell zu langsam sein. Die eigentliche Aufgabe ist deshalb nicht, bessere Zahlen zu liefern, sondern Steuerungsmodelle zu entwickeln, die mit Unsicherheit umgehen können. Das ist eine organisatorische Herausforderung, keine individuelle. Ohne klare Governance drehen sich daher viele im Kreis. Deshalb befinden wir uns jetzt in einer neuen Phase: weg vom reinen Experimentieren hin zu Strukturen und zu Skalierung. Unternehmen, die diese Phase jetzt gut gestalten, werden in drei Jahren einen echten Wettbewerbsvorteil haben. Die anderen werden noch experimentieren.

Der Artikel ist im aktuellen trend.FEMALE erschienen.

Über die Autoren

Logo
trend. Abo

Nur jetzt ein ganzes Jahr trend. für nur €10,99 pro Monat!