Diagnosen mit KI: Wer hat die Nase vorn?

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 © Claudia Egger/KH St. Johann in Tirol

"Ich kann nur davor warnen, persönliche Daten zu spenden", so Jama Nateqi, CEO und Co-Gründer von Symptoma.

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Der österreichische Medtech-Unternehmer Jama Nateqi über neue, dystopische Schadenspotenziale, sein Gegenmodell zu Big Tech und ob KI-Entwickler den hippokratischen Eid ablegen sollten.

TREND: Was früher Dr. Google war, ist jetzt Dr. KI. Was ist Ihrer Information nach das verlässlichste KI-Modell bei medizinischen Diagnosen bisher?

JAMA NATEQI: Ich würde jetzt kein einzelnes nennen. Bei Dr. Google hat man in Studien Genauigkeiten vor circa 50 Prozent festgestellt. Grundsätzlich ermöglichen große Datenmengen Präzisionsmedizin. Man kann Krankheiten differenzieren, es gibt dann nicht nur Brustkrebs, sondern vielleicht Tausende verschiedene Brustkrebsarten. Auf dieser Basis werden auch die Therapien individualisierbar. Die Large Language Models (LLMs) haben mit Trefferraten von 70 Prozent die bisherigen Systeme überholt, mit Ausnahme – ohne Eigenwerbung machen zu wollen – von Symptoma mit über 90 Prozent. Zum Vergleich: Im selben Setting haben Ärzte eine Treffergenauigkeit von 60 Prozent. Generell kann man sagen: Je leistungsfähiger ein LLM insgesamt ist, desto höher ist die Treffergenauigkeit.

Jeder kennt inzwischen Beispiele in seinem Umfeld, wo ChatGPT hilfreich war, manchmal sogar präziser als der Facharzt, der sich im Nachhinein entschuldigen musste.

Ich kenne auch Beispiele, wo die Assistenzärztin und die Patientin unabhängig voneinander die Krankheitscharakteristika beim selben LLM eingegeben haben und dann zur selben falschen Diagnose gekommen sind. Das Problem ist, dass man sich aus Euphorie über einzelne richtige Treffer oft zu sehr auf die Maschine verlässt, obwohl Halluzinieren dieser Systeme von den Herstellern als „gewünschte Magie“ verkauft wird.

Sollten wir Daten spenden, wie es viele KI-Plattformen promoten?

Ich kann nur davor warnen, persönliche Daten zu spenden. Man könnte das einfach nicht mehr rückgängig machen. Oft geht das tief in die Genetik hinein, sodass man den Gesundheitsverlauf eines Menschen voraussagen kann – mit allen Missbrauchsmöglichkeiten, die damit verbunden sind. Im Versprechen, eine bessere Medizin zu liefern, vergessen viele KI-Firmen auf die Menschenwürde. Die sollten erst einmal anfangen, mit den anonymen Daten, die sie schon haben, überhaupt eine bessere Medizin zu erwirken, anstatt sich persönliche Daten zu holen.

Was ist die Alternative?

Wir haben ein internationales Krankenhausnetzwerk aufgebaut, wo wir eine lokale KI-Infrastruktur etabliert haben. Hardware und Software sowie Datenverarbeitung bleiben vor Ort. Damit gehen die Daten nicht raus. Und selbst dort verarbeitet die KI anonymisierte Daten.

Aber damit verzichten Sie ja erst recht auf die Möglichkeit, mit größeren Datenmengen zu höherer Treffsicherheit zu kommen.

Nicht unbedingt. Auch mit einem föderierten Ansatz kann man lernen. Wenn wir in einem Krankenhaus ein schwach positives Signal für eine Krankheit sehen, können wir es innerhalb des Netzwerks abgleichen und dadurch verstärken. Das kann bereits viel leisten. Wir müssen also nicht immer warten, bis die Literatur Jahre später etwas bestätigt. Manchmal lassen sich so sogar früher alternative Therapieansätze erkennen – gerade solche, die günstig sein könnten, weil sie nicht patentierbar sind.

Eine der größten Ängste ist, wo Gesundheitsdaten landen. In Ihrem Fall tatsächlich lokal?

Ja. Die großen Technologiefirmen wollen dagegen auf Patientendaten weltweit zugreifen – und das am besten live. Selbst Arzt-Patienten-Gespräche sind nicht mehr heilig. Was per App am Handy aufgezeichnet wird, kann trotz europäischer Server rechtlich dem Zugriff außerhalb Europas ausgesetzt sein. Microsoft Frankreich musste vor dem französischen Senat unter Eid einräumen, dass man nicht garantieren kann, dass in Europa gespeicherte Daten niemals an US-Behörden herausgegeben werden. Das gewährleistet aus meiner Sicht dann weder eine DSGVO-Compliance noch die ärztliche Schweigepflicht. Absurd.

Von der Zentralisierung würde vor allem Big Tech profitieren?

Es ist ja öffentlich dokumentiert, dass etwa Oracle-Gründer Larry Ellison am liebsten alle Daten eines Menschen in einer einzigen Datenbank hätte, am besten natürlich bei Oracle. Ellison geht noch weiter, wenn er sagt, jeder wird dann sein bestes Verhalten ausüben, wenn er weiß, dass er überwacht wird. Ich sehe ein sehr großes dystopisches Potenzial der Kontrolle von Menschen und auch der Manipulation.

Da sind die Ärzte aber nicht besser als die KI, oder?

Irren ist menschlich. Ärzte sind nicht unfehlbar. Aber das eigentliche Problem ist unsere Erwartung an sie. Im Krankheitsfall legen wir unsere Gesundheit, manchmal unser Leben, in ärztliche Hände. Damit überfordern wir Ärzte mit einer Verantwortung, der kein Mensch vollständig gerecht werden kann. Wir haben über 22.000 Krankheiten in unserer Datenbank. Ich arbeite seit 20 Jahren in diesem Bereich – und könnte das nicht auswendig lernen. Von Ärzten wird es aber oft implizit erwartet. Genau deshalb entstehen zu frühe Schlussfolgerungen.

Wenn von Ärzten zu viel erwartet wird und die KI riesige Tücken hat – was sollen Patienten dann tun?

Es ist natürlich, dass Patienten und Ärzte Informationen suchen und dabei auch die neuesten Technologien, wie zum Beispiel die großen Sprachmodelle, verwenden. Aber sie müssen dann eben berücksichtigen, dass es keine zertifizierten Medizinprodukte sind. Wissenschaftler in Göteborg haben letztes Jahr eine Augenkrankheit erfunden, Bixonimania. Dazu wurden mehrere Artikel geschrieben. Eine erfundene Krankheit, ein erfundener Autor, eine erfundene Universität. Von den LLMs wurde das am Anfang als ernst zu nehmende Krankheit eingestuft, weil sie einfach nur die Literatur hernehmen. LLMs sind nicht darauf ausgelegt, von Symptomen auf die Krankheiten zu schließen. Sie biegen oft schon durch die Art der Eingabe in eine Sackgasse ein. Man muss die Informationen, die man bekommt, einordnen und kritisch hinterfragen. Und man darf nicht die oft halluzinierten Zitate hernehmen, sondern muss selbst in der Literatur recherchieren.

Warum sollte ausgerechnet Symptoma, ein kleines österreichisches Unternehmen mit einer Handvoll Mitarbeitern, jedoch 2,8 Millionen Euro Bilanzgewinn, gegen die großen Maschinen eine Chance haben?

Wir haben antizipiert, dass nach dem Suchmaschinenmonopol das nächste Monopol entstehen könnte: der persönliche KI-Assistent. Genau deshalb haben wir Symptoma bereits 2017 von einer Suchmaschine für Krankheiten zu einem digitalen Gesundheitsassistenten weiterentwickelt. Unsere Chance liegt darin, dieses neue Monopol aufzubrechen: durch bessere medizinische KI. Wenn es um gesundheitliche Unsicherheit oder gar um das Leben geht, werden die Menschen sehr wohl den KI-Assistenten wechseln – nämlich zu dem System, dem sie medizinisch am meisten vertrauen. Der Unterschied ist: Die großen Anbieter bauen Assistenten für alles. Wir arbeiten im Herzen der Medizin. Unsere KI lernt nicht nur aus Literatur, sondern auch aus realen klinischen und diagnostischen Daten. Und wir wissen, dass medizinische Daten selten vollständig, eindeutig oder fehlerfrei sind. Genau dafür entwickeln wir seit fast 20 Jahren unsere Technologie.

Am Ende geht es auch in der medizinischen Diagnostik immer um eine Mensch-Maschine-Kollaboration. Aber welche ist besser?

Die bessere Kollaboration ist jene, in der KI als Werkzeug hilft – ähnlich wie ein CT, nur eben für Daten. Sie macht Muster sichtbar, die im klinischen Alltag leicht untergehen: in Befunden, Arztbriefen, Laborwerten, Symptomen oder Verläufen. Dadurch kann sie Ärzte entlasten und Patienten schneller zur richtigen Diagnose und Behandlung bringen. Gleichzeitig darf der Preis dafür nicht sein, dass wir die Menschenwürde und unsere Datensouveränität aufgeben müssen. Im Kern ist das eine gesellschaftliche Frage: Wollen wir KI als Werkzeug in den Dienst von Ärzten und Patienten stellen – oder akzeptieren wir, dass unsere sensibelsten Gesundheitsdaten von einer kleinen technologischen Elite kontrolliert werden, die sich ethisch nicht gerade hervortut?

Das große Gegenrezept wäre, die Hersteller der Technologien dazu zu bringen, den Eid des Hippokrates abzulegen …

Viel Glück. Wenn ein Technologiekonzern mit Milliardengewinnen selbst bei schwersten Missbrauchsinhalten nicht glaubwürdig und konsequent handelt, dann ist das für mich kein Randproblem mehr, sondern ein Hinweis auf fundamentale ethische Verrottung. Von solchen Organisationen einen hippokratischen Umgang mit Gesundheitsdaten zu erwarten, halte ich für naiv.

ZUR PERSON. Jama Nateqi, 42, hat die von ihm 2009 mitgegründete Gesundheitssuchmaschine Symptoma zum digitalen Gesundheitsassistenten entwickelt. Symptoma kooperiert derzeit eng z. B. mit dem Krankenhaus Sankt Johann in Tirol. Nach der KI-gestützen Ambulanz gibt es dort nun auch den KI- gestützten Entlassungsbrief. Symptoma erzielte 2025 2,8 Millionen Euro Bilanzgewinn.

Der Artikel erschien erstmals in der trend-Community Ausgabe trend.MED vom 22. Mai 2026.

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