
Der Siegeszug der künstlichen Intelligenz hält an, auch bei Wirtschaftsprüfer:innen, Steuerberater:innen und Anwält:innen. Doch wer beurteilt, ob die Maschine richtig liegt? Über den Konflikt zwischen Tempo und Verlässlichkeit, den Faktor Vertrauen und die Frage der Verantwortlichkeit.
18 Gerichtsentscheidungen, die es nicht gab: Sie sorgten vergangenes Jahr vor einem Londoner Gericht für Schlagzeilen. In einem Verfahren gegen die Qatar National Bank, in dem es immerhin um eine Schadensersatzforderung von knapp 90 Millionen Pfund ging, hatte sich die Klägerseite auf Rechtsquellen gestützt, die teilweise frei erfunden waren. Der Kläger hatte für die Recherche KI-Werkzeuge verwendet, sein Anwalt die Angaben nicht ausreichend überprüft. Doppelt peinlich: Eine der erfundenen Entscheidungen wurde ausgerechnet der Richterin zugeschrieben, die den konkreten Fall behandelte.
Was dieses Beispiel zeigt: Der Einsatz von KI breitet sich rasend schnell aus. Und es kann ziemlich danebengehen, sich hundertprozentig auf den digitalen Mitarbeiter zu verlassen. Abseits der Betrachtung der Londoner Justiz-Story als nette Anekdote rückt sie einen entscheidenden Aspekt in den Fokus: Seit die KI nicht nur Informationen sammelt und Daten analysiert, sondern auch selbstständig Entscheidungen trifft, gewinnt die Frage zentrale Bedeutung, wer der KI kontrolliert und entscheidet, ob die Maschine richtig entschieden hat.
KI macht Tempo. „Wir müssen herausfinden, wie viel Entscheidungsmacht wir solchen Systemen übertragen und wie wir zugleich sicherstellen, dass ihre Ergebnisse verlässlich sind“, beschreibt auch Martin Fjeldbonde, Innovation- und AI-Leader für die Bereiche Audit & Assurance bei Deloitte EMEA (Europe, Middle East und Africa), die Herausforderung.
Was viele zusätzlich verunsichert: das gewaltige Tempo der Veränderung. Die KI-Modelle scheinen sich täglich mit ihren Fortschritten selbst zu überholen – und wirken so auch als Beschleuniger für alle damit verbundenen Arbeitsschritte.
Unbestritten sind die Effizienz- und die Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von KI. KI kann Unternehmen dabei helfen, größere Mengen zunehmend komplexer Daten zu analysieren, interne Prozesse zu unterstützen und die Qualität und Geschwindigkeit von Entscheidungen zu erhöhen – alles Vorteile, an denen kaum ein Betrieb vorbeigehen kann. Einfache Unterstützungsfunktionen im Kundenkontakt, Anwendungen im Rechnungswesen oder die Analyse komplexer Marktentwicklungen – immer öfter hilft die KI mit. Entsprechend beeindruckend ist ihr Erfolgslauf. Laut Statistik Austria nutzten 2025 bereits 30 Prozent der österreichischen Unternehmen KI-Technologien. Vier Jahre zuvor waren es erst neun Prozent gewesen. Damit liegt Österreich deutlich über dem EU-Durchschnitt von 20 Prozent.
Wirtschaftsprüfung hat mit Vertrauen zu tun. Die letzte Verantwortung für ein Urteil bleibt daher beim Wirtschaftsprüfer.
Dass es noch nicht mehr sind oder die Nutzung nicht intensiver ist, liegt auch an fehlender firmeninterner Infrastruktur. In einer Befragung für den aktuellen CFO Survey von Deloitte nennt jeder dritte Finanzverantwortliche eine unzureichend vorbereitete Daten- und Technologieinfrastruktur als größte Hürde für die Skalierung von künstlicher Intelligenz. Wo Unternehmen bereits in KI investieren, stehen laut Umfrage vor allem Kostenreduktion, Effizienzsteigerung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund.
Gerade auch in den Wissensberufen hat sich KI zu einem wichtigen Tool entwickelt. Laut des „Future of Professionals Reports 2026“ von Thomson Reuters nutzen 74 Prozent der 1.816 international befragten Fachleute aus Recht, Steuern und weiteren wissensbasierten Berufen KI mehrmals pro Woche.
Verlagerung von Entscheidungen. Auch die Wirtschaftsprüfung verändert sich aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten. „KI unterstützt schon jetzt bei notwendigen umfangreichen Dokumentationen. Und sie führt bereits selbstständig Prüfungshandlungen durch“, erläutert Friedrich Wiesmüllner, Wirtschaftsprüfer und Managing Partner Audit & Assurance bei Deloitte Österreich, „in Zukunft wird KI noch mehr diesbezügliche Tätigkeiten übernehmen. Das ersetzt aber keinesfalls den Wirtschaftsprüfer. Denn der wird auch in Zukunft die letzte Entscheidung treffen.“
Wer bisher Unterlagen gesammelt und aufbereitet hat, muss künftig stärker beurteilen, ob die maschinelle Vorarbeit brauchbar ist. Weniger selbst erstellen, mehr überprüfen. Das klingt nach einem Aufstieg. Es kann aber auch bedeuten, für schwer nachvollziehbare Ergebnisse verantwortlich zu sein. In seinen „Tech Trends 2026“ warnt Deloitte ausdrücklich davor, KI-Agenten nur auf bestehende Abläufe aufzusetzen. Damit könnten auch die Schwächen des Systems mit-automatisiert werden.
Ein weiterer Aspekt: Wirtschaftsprüfung beruht vor allem auf Vertrauen – und das lässt sich nicht ohne weiteres auf eine Maschine übertragen. Wiesmüllner: „Wirtschaftsprüfung hat mit Vertrauen zu tun. Dieses Prinzip können wir nicht aufgeben, nur weil die Technologie leistungsfähiger wird. Die letzte Verantwortung für das Urteil bleibt beim Wirtschaftsprüfer“ (siehe auch Interview nächste Seite).
Damit spricht der Deloitte-Experte ein Thema an, das derzeit in den Büros von Steuerberater:innen, Wirtschaftsprüfer:innen und Rechtsanwält:innen die Köpfe rauchen lässt und mindestens ebenso viel Energie verbraucht wie die Rechner: Wenn die KI Berufseinsteiger:innen viele Routinearbeiten abnimmt, ist das zwar erfreulich, nimmt ihnen aber auch die Möglichkeit, Erfahrungen und Kompetenzen aufzubauen.
Wir müssen herausfinden, wie viel Entscheidungsmacht wir solchen Systemen übertragen, und deren Verlässlichkeit sicherstellen.
Problemfall Einsteiger. Die Konsequenz: Junge Menschen tun sich schwerer, einen Einsteigerjob zu finden. Was das konkret bedeutet, hat das Economica-Institut im Auftrag des Fachverbands UBIT der Wirtschaftskammer für die IT-Branche untersucht. Das Ergebnis: Je nach IT-Segment gibt es Rekrutierungs-Rückgänge von über 20 Prozent – in einer an sich nachgefragten Branche.
„Wir laufen in ein massives Nachwuchsproblem hinein“, warnt auch Sabine Köszegi, Professorin an der TU Wien. Und sie sieht eine zusätzliche Herausforderung: „Wir werden durch KI schneller im Produzieren, aber unsicherer im Beurteilen.“
Die Frage, woher die erfahrenen Prüfer:innen morgen kommen sollen, wenn es heute immer weniger Berufseinsteiger:innen gibt, beschäftigt auch Deloitte. „Mich würde es sehr beunruhigen, wenn der Eindruck entsteht, dass wir künftig keine jungen Leute mehr brauchen“, betont Fjeldbonde. „Weil das Bedürfnis nach Vertrauen größer wird, je stärker KI in wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse einzieht, brauchen wir auch künftig gut ausgebildete Menschen.“
Job wird attraktiver. Friedrich Wiesmüllner sieht in der Entwicklung auch positive Aspekte: „Junge Mitarbeitende waren früher in den ersten Jahren viel mit dem Heraussuchen von Unterlagen, Standardprüfungshandlungen und -Dokumentation beschäftigt. Wenn KI solche Routinen übernimmt, können junge Leute früher zu dem kommen, was eigentlich interessant ist: kritisch hinterfragen, Zusammenhänge verstehen und beurteilen. So betrachtet mach der Einsatz von KI den Beruf des Wirtschaftsprüfers attraktiver.“
„KI bedeutet Evolution, keine Revolution“
KI analysiert Datenberge und liefert überzeugende Antworten. Doch wer garantiert, dass sie stimmen? Die Deloitte-Experten Friedrich Wiesmüllner und Martin Fjeldbonde über die Grenzen der Automatisierung und warum in der Wirtschaftsprüfung Vertrauen die entscheidende Größe bleibt.
Die Diskussion über KI schwankt zwischen Aufbruch und Angst. Stehen wir vor einem Produktivitätsschub oder vor einem Kontrollverlust?
Ich vergleiche das mit den Anfängen des Internets. Zunächst gab es nur wenige sinnvolle Anwendungen, heute geht kaum etwas ohne Internet. Bei KI stehen wir am Anfang einer ähnlichen Entwicklung. Wir sehen einzelne Anwendungen, die Nutzen bringen, und es werden rasch mehr. Ich bin überzeugt, dass KI in praktisch alle Prozesse einziehen wird, weil sie etwas besser, schneller oder günstiger macht. Und das dürfte schneller gehen als beim Internet.
Was ist das Gefährliche an dieser Entwicklung?
Das Internet hat vor allem Informationen zugänglich gemacht, KI kann auch Entscheidungen treffen. Wir müssen herausfinden, wie viel Entscheidungsmacht wir solchen Systemen übertragen und wie wir zugleich sicherstellen, dass ihre Ergebnisse verlässlich sind. Dabei werden wir auch Fehler machen und feststellen, dass wir an manchen Stellen zu weit gegangen sind. Mich beunruhigt eher das Tempo. Die großen KI-Labore stehen unter enormem Wettbewerbsdruck. Dazu kommt der Wettlauf zwischen den USA und China. Diese Dynamik macht es schwierig, die Folgen ausreichend zu durchdenken.
Lässt sich diese Entwicklung überhaupt noch einfangen?
Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet, zurückdrehen lässt sich das nicht. Jetzt geht es darum, diese Technologie vernünftig in die Gesellschaft einzuführen. Zum Glück wird intensiv daran geforscht, wie sich die Modelle kontrollieren lassen. Das macht Hoffnung.
Auch Deloitte nutzt KI. Wie grundlegend verändert sie die Wirtschaftsprüfung?
Erfolgreiche Wirtschaftsprüfung hat schon immer bedeutet, technologische Entwicklungen zu adaptieren. Als ich vor 30 Jahren begonnen habe, haben wir ordnerweise Papier durch die Gegend geschleppt. Dann kamen die papierlose Prüfung und erste Datenanalyse-Tools. KI ist insofern keine Revolution, sondern der nächste große Evolutionsschritt. Sie unterstützt Datenauswertungen, Dokumentationen und übernimmt schon heute Prüfungshandlungen, die früher Menschen erledigten. Das hilft, Risiken gezielter zu erkennen. Entscheidend ist aber: Die kritische Grundhaltung bleibt der Kern unseres Berufs.
Was wird die KI übernehmen, was bleibt beim Menschen?
KI unterstützt bereits jetzt bei notwendigen umfangreichen Dokumentationen. Und sie führt auch selbstständig Prüfungshandlungen durch. In Zukunft wird KI noch mehr detaillierte und entscheidungstreffende Tätigkeiten übernehmen. Das ersetzt aber keinesfalls den Wirtschaftsprüfer. Denn der wird auch in Zukunft die letzte Entscheidung fällen, was ja auch berufsrechtlich so geregelt ist. Wir sprechen von „Human in the Loop“.
Was bedeutet das konkret?
Für jede Prüfungshandlung müssen vier Fragen nachvollziehbar beantwortet sein: Warum schaue ich mir etwas an? Wie prüfe ich es? Was habe ich festgestellt? Und welche Schlussfolgerung ziehe ich daraus? Wenn ich Daten in eine Blackbox schicke und als Antwort nur „Passt eh“ bekomme, reicht das nicht. Wir müssen den Weg zum Urteil nachvollziehen und dokumentieren können. Wirtschaftsprüfung hat mit Vertrauen zu tun. Dieses Prinzip können wir nicht aufgeben, nur weil die Technologie leistungsfähiger wird. Die Verantwortung für das Urteil bleibt beim Wirtschaftsprüfer.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in einigen Jahren wirklich nur etwas in eine Blackbox füttert, ohne zu wissen, wie der Algorithmus funktioniert, und dann ein Ergebnis bekommt, das man eigentlich nicht nachvollziehen kann. Wirtschaftsprüfung basiert auf Vertrauen und Nachvollziehbarkeit. Diese Basis darf nicht gefährdet werden.
Aber ist die Versuchung nicht sehr groß, ein überzeugend formuliertes Ergebnis der KI einfach abzunicken?
Ja, diese Systeme sind ausgesprochen überzeugend. Deshalb müssen wir unsere Leute darin schulen, zu unterscheiden: Ist etwas tatsächlich richtig oder klingt es nur richtig? Das wird noch wichtiger, wenn jede Antwort gut formuliert ist. Ein großer Teil unserer Investitionen fließt deshalb in die Ausbildung.
Kann KI helfen, Fehler oder Manipulationen im Rechnungswesen von Unternehmen schneller sichtbar zu machen?
KI kann uns helfen, schneller an die wunden Punkte zu kommen. Allerdings ist die Jahresabschlussprüfung keine umfassende Betrugsfahndung, das möchte ich ausdrücklich betonen. Ihr Zweck ist, zu beurteilen, ob der Abschluss materiell richtig ist. Finden wir Hinweise auf bewusste Manipulation oder die Umgehung von Kontrollen, müssen wir unsere Prüfung entsprechend ausweiten.
Aufgrund der gewaltigen Kapazitäten der KI würde sie auch eine laufende Prüfung ermöglichen. Geht der Trend dorthin?
Wir betrachten schon heute Datenströme und Buchungen bei Unternehmen über das ganze Jahr und analysieren teilweise gesamte Datenbestände statt nur Stichproben. In dieser Form begleiten wir manche Unternehmen kontinuierlich.
Welche Risiken bremsen den Einsatz der Technologie?
An erster Stelle steht die Sicherheit der Daten, die uns Klienten anvertrauen. Die eigentliche Entwicklung einer Anwendung macht nur einen Teil des Aufwands aus. Sehr viel Arbeit fließt in die Frage, ob sie sicher ist, ob wir ihr vertrauen können und ob sie tatsächlich das tut, was sie soll.
Klientendaten sind für uns absolut heilig. Deshalb arbeiten wir in abgeschotteten Umgebungen. Daneben sehe ich zwei weitere zentrale Herausforderungen: Wir müssen die Erwartungen steuern, weil der Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht bedeutet, dass wir jederzeit alles überprüfen können. Und wir müssen die kritische Grundhaltung unserer Mitarbeitenden erhalten. Gerade dann, wenn die Maschine ihnen Tätigkeiten abnimmt, an denen frühere Generationen ihr Handwerk gelernt haben.
Wenn KI die Arbeit der Berufseinsteiger erledigt, woher kommen dann die erfahrenen Prüfer von morgen?
Diese Frage beschäftigt uns intensiv. Ich sehe aber auch eine große Chance. Junge Mitarbeitende waren früher in den ersten Jahren viel mit dem Heraussuchen von Unterlagen, Standardprüfungshandlungen und Dokumentation beschäftigt. Wenn KI solche Routinen übernimmt, können junge Leute früher zu dem kommen, was eigentlich interessant ist: kritisch hinterfragen, Zusammenhänge verstehen und beurteilen. Wer wissbegierig ist, kann schneller mehr unterschiedliche Sachverhalte kennenlernen. So betrachtet macht der Einsatz von KI den Beruf des Wirtschaftsprüfers attraktiver.
Mich würde es sehr beunruhigen, wenn der Eindruck entsteht, dass wir künftig keine jungen Leute mehr brauchen. Wenn sie deshalb andere Ausbildungswege wählen, bekommt unsere Branche ein Problem. Ich glaube, dass das Bedürfnis nach Vertrauen größer wird, je stärker KI in wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse einzieht. Dafür brauchen wir auch künftig gut ausgebildete Menschen. Wir investieren viel in Technologie, aber ebenso in die Ausbildung der Mitarbeitenden, zu erkennen, wo die Risiken dieser Technologien liegen und damit kritisch umzugehen.
Wenn weniger Menschen weniger Stunden brauchen, erwarten die Klienten niedrigere Honorare. Zu Recht?
Über Effizienzgewinne muss man offen sprechen. Die Rechnung hat aber mehrere Seiten. Die Entwicklung dieser Technologien hat enorme Investitionen erfordert. Dazu kommen laufende Kosten, die mit der Nutzung steigen können. Wir sehen -zunehmend verbrauchsabhängige Abrechnung statt einer pauschalen monatlichen Lizenz. Und für die Kontrolle der Ergebnisse brauchen wir erfahrene Mitarbeitende, deren Arbeit anders zu bewerten ist als jene von Berufseinsteigern. Zudem können die Anforderungen steigen: Wenn mehr Analysen möglich sind, wachsen möglicherweise auch die Erwartungen an unsere Arbeit. Dann erledigen wir einzelne Schritte zwar effizienter, der Gesamtaufwand sinkt aber nicht entsprechend.
Zu den Personen
Martin Fjeldbonde (l.)
ist Innovation & AI-Leader for Audit & Assurance für Deloitte EMEA (Europe, Middle East und Afrika).
Friedrich Wiesmüllner
ist Wirtschaftsprüfer und Managing Partner Audit & Assurance bei Deloitte Österreich.