
Erinnerungen an Big Tobacco: Ex-Facebook-Managerin Elizabeth Linder.
©BeigestelltFür Ex-Facebook-Managerin Elizabeth Linder sind die Milliarden-Strafen für Meta und das Zwei-Stunden-Limit für Jugendliche auf Instagram & Co erst der Anfang.
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trend: Frau Linder, Sie haben ab Mitte der 2000er Jahre gut ein Jahrzehnt für Internet-Riesen wie Google, Youtube und Facebook in führender Position gearbeitet. Als Mitte der 1990er Jahre das Internet populär wurde, war die Erwartung weit verbreitet: Weil nun jeder weltweit die Chance hatte, zu sagen was er will, werde sich das Zusammenleben und die Demokratie massiv verbessern. Haben Sie an diese Vision auch noch geglaubt, als Sie bei Google, YouTube und Facebook tätig waren?
Elizabeth Linder: Ja, absolut. Als ich meine Karriere bei Google, YouTube und später bei Facebook begann, fiel der Aufstieg der sozialen Medien mit Obamas politischem Aufstieg in den USA zusammen. Seine dann 2008 erfolgreiche Kür zum Präsidenten wurde so zu einer Wahl der Hoffnung und des Wandels. Es war ein sehr positiver Wahlkampf. Auch im Facebook-Hauptquartier herrschte die Idee vor, dass zum ersten Mal einfach jeder, egal wer er war und woher er kam, eine Stimme hatte und direkt mit den Mächtigen sprechen konnte. Ich war während der ersten CNN-YouTube-Debatte noch bei YouTube. Das war eine Präsidentschaftsvorwahl, bei der jeder Bürger eine Frage an CNN stellen konnte, die dem jeweiligen politischen Kandidaten vorgelegt wurde. Das war damals total neu und wirklich aufregend.
trend: Wann und warum kippte diese Hoffnung Richtung Albtraum? Für immer mehr Menschen wurden die sozialen Medien zu antisozialen Medien. Weil sie statt für mehr Zusammenhalt für mehr Polarisierung sorgen.
Ich glaube einer der Gründe dafür ist, dass der Kreislauf zwischen den Online-Diskussionen und deren Auswirkungen auf politische Entscheidungen und das Leben der Menschen nicht funktionierte. Es fühlte sich also so an, als ob die Leute zwar viel zu sagen hätten, diese Ideen aber nicht dort ankamen, wo die politischen Entscheidungen fallen. Da tut sich in den USA aber gerade etwas. Der New York Bürgermeister Zohran Mamdani hat 2025 in seinem Wahlkampf die sozialen Medien erfolgreich genutzt hat, um diesen Kreislauf herzustellen. Die Menschen artikulieren ihre Wünsche und Ideen, sein Team beobachtet das sehr genau und entwickelt Ideen, wie man das in politische Aktionen und Veränderungen umsetzen kann. Der Kreislauf der Kommunikation wird nun tatsächlich geschlossen. Genau das wollten wir alle vor 20 Jahren. Wir haben 20 Jahre gebraucht, um dorthin zu gelangen. Ich denke daher, wir stehen noch ganz am Anfang, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen sozialen Medien und Politikgestaltung zu verstehen. Wir erlebten zunächst echten Optimismus, dann aber einen herben Realitätsschock: Nichts davon lief so, wie wir es uns erhofft hatten. Ich glaube, wir erreichen jetzt das Ende dieser Phase und erleben, wie Führungskräfte in Amerika beginnen zu verstehen, wie sie das Internet tatsächlich zum Besseren nutzen können.
trend: Davon ist für die meisten, die soziale Medien nutzen, noch nichts zu merken. Für sie dominieren nach wie vor das, von den Algorithmen befeuerte, Schüren von Emotionen bis hin zu Hass. Warum geben die Tech-Unternehmen hier noch zusätzlich Gas und steigen nicht auf die Bremse?
Die Tech-Unternehmen haben sich schon immer davor gescheut, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie sehr soziale Medien unser Leben verändern. Das sehen wir gerade bei den Suchtproblemen junger Menschen. Das sehen wir auch bei der politischen Polarisierung. Ich habe das schon, als ich Facebook vor 10 Jahren verlassen habe, so gesehen: Die Unternehmen hätten hier selbst eine echte Führungsrolle und mehr Verantwortung für die Geschehnisse auf ihren Plattformen übernehmen sollen. Viele der internen Richtlinien und ähnliches kamen zu spät, um die notwendigen Maßnahmen für ein gesünderes Umfeld zu ergreifen.
trend: Was könnten und sollten Unternehmen wie Meta jetzt zur Verbesserung der Internet-Kultur tun?
Wenn ich die Verantwortung hätte, würde ich die Position eines Chefdiplomaten schaffen. Ich würde ein Institut gründen, das jeden Sommer, wenn die Parlamente nicht tagen, politische Entscheidungsträger mit jenen Ingenieuren zusammenbringt, die die Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die wir alle nutzen. Wir sollten dort darüber sprechen, ob es gesündere Mechanismen gibt, die wir entwickeln können, um einige dieser Probleme anzugehen. Diese Herausforderungen sind enorm und beispiellos. Wir haben Gesellschaften, die noch nie so vernetzt waren wie heute. Ich denke aber, dass Unternehmen hier eine deutlichere Führungsrolle übernehmen sollten, nicht nur im Bereich der Regulierung, sondern auch bei der Gestaltung unserer Produkte und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.
trend: Warum übernehmen Tech-Unternehmen aber weiterhin von sich aus nicht mehr Verantwortung?
Ich denke, dass vieles damit zusammenhängt, wie das Internet und seine Inhalte von Anfang an strukturiert wurden. Nämlich, dass sie sich nur als Hersteller von Plattformen zur Kommunikation verstehen, aber nicht verantwortlich fühlen, wie und wofür diese Plattformen genutzt werden.
trend: Meta schaffte dieser Tage eine Milliarden-Klage nur mit einem Vergleich und einer Strafzahlung von 17 Milliarden Dollar aus der Welt. Die Social-Media-Nutzung für Jugendliche wird zudem in den klagenden Bundesstaaten seitens Meta auf zwei Stunden täglich begrenzt. Reicht das, um Jugendliche vor Internet-Sucht und Isolation zu schützen?
Der Vergleich ist ein Anfang, ich würde aber darüber hinaus gehen. Ich bin für eine generelle Altersgrenze für Social Media und würde diese so hoch wie möglich ansetzen, etwa bei 15 Jahren. Es ist bereits in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, dass soziale Medien für junge Menschen ungesund sind. Ich halte es für eine verpasste Gelegenheit, die Aktionäre über diese Problematik zu informieren und entsprechende Regelungen von den Unternehmen selbst einführen zu lassen. Sie hätten damit beginnen können, Vertrauen aufzubauen. Denn ich finde, sie sind mit diesem Vertrauen einfach viel zu leichtfertig umgegangen.
trend: Rob Bonta, der Generalstaatsanwalt von Kalifornien, hat die 193-Milliarden-Klage als Metas "Tabakmoment" bezeichnet. Er zieht damit eine Parallele zum Vorwurf der Täuschung an die Tabakkonzerne, die in den 1990er-Jahren zu milliardenschweren Zahlungen und Rauchverboten geführt haben. Ist der Vergleich zwischen der Tabak- und der Tech-Industrie richtig oder übertrieben?
Lassen Sie mich das biografisch beantworten: Für junge Menschen sind soziale Medien genauso ungesund wie das Rauchen, wenn nicht sogar noch schlimmer. Denn sie haben auch negative Auswirkungen auf das Gehirn und die psychische Gesundheit. Ich bin in den 80er und 90er Jahren in Kalifornien aufgewachsen, als das Rauchverbot eingeführt wurde. Ich habe keinen einzigen Freund oder Freundin, der mit dem Rauchen angefangen hat. Ich hatte also das Glück, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem das verboten war, was unserer Gesundheit schadet.