
Er habe „noch nie erlebt, dass ein neuer Sektor einen so großen Sprung in der Gegenwart gemacht hat" wie Quantentechnik, sagt Investor Hermann Hauser (l.). Zerothird-Manager Lukas Helm: „Wir sind ein bisschen wie Trüffelschweine."
©beigestelltDer österreichische Investor Hermann Hauser und Lukas Helm von Zerothird über das aktuelle Momentum der Quantentechnologie.
Die Welt beschäftigte sich gerade mit dem Irankrieg, als der Suchmaschinenriese Google und das Quanten-Start-up Oratomic im März ein brisantes Forschungspapier veröffentlichten, das seitdem in der Technologiewelt hohe Wellen schlägt. Darin ging es um den Q-Day – so wird in der Branche jener Tag bezeichnet, an dem Quantencomputer gängige Verschlüsselungstechnologien knacken werden können. „Bisher hat man immer angenommen, das wird so um 2035 herum sein“, sagt der Technologie-Investor Hermann Hauser, „nun könnte es schon 2029 so weit sein.“ Vor allem KI mache es möglich, dass Quantenalgorithmen beschleunigt werden. „Ich habe es noch nie erlebt, dass ein neuer Sektor einen so großen Sprung in der Gegenwart gemacht hat, wie das die Ankündigung von Google und Oratomic erwarten lässt“, ist der Investor, der mit Amadeus Capital in rund zehn Quantenfirmen investiert ist, begeistert.
Immer wenn er in Österreich ist, wartet Hauser mit einer neuen, prägnanten Story auf, die in der Folge landauf, landab diskutiert wird. Vor drei Jahren war es die Story vom riesigen Produktivitätssprung, den er bei seinen Firmenbeteiligungen durch künstliche Intelligenz (KI) registrierte und der Anlass zu kühnen Schlussfolgerungen fürs große Ganze gab – eine Prognose, mit der er grosso modo recht behielt.
Dieses Jahr war es der Fokus auf Technologie an sich: Der britische Chipriese ARM, dessen Vorgängerfirma Acorn Hauser mitgegründet hat, hat seit dem Börsengang vor drei Jahren 200 Milliarden Euro an Wert zugelegt – mehr, als BMW, VW, Mercedes und ihre Zulieferer zusammen auf die Waage bringen. „Eine einzige Technologiefirma hatte den Wertzuwachs in der Höhe der gesamten deutschen Autoindustrie, noch immer eine der Schlüsselindustrien in Europa. Das zeigt die zentrale Bedeutung von Technologie für die weitere Entwicklung unserer Wirtschaft in Europa“, folgert der aus Tirol stammende Investor, der im Oktober 78 Jahre alt wird.
Vorgetragen hat er die These nicht nur auf zahlreichen Podien entlang des Forums Alpbach, sondern schon einige Tage davor auf einer Veranstaltung der Tiroler Quanten-Community in Going am Wilden Kaiser – beim „Stanglwirt“ Balthasar Hauser, seinem Cousin. Ständig auf der Suche nach den ARMs von morgen, setzt er aktuell stärker denn je auf Quantencomputer, die bestimmte Rechenoperationen deutlich schneller und effizienter durchführen können sollen als klassische Computer.
Zu seinen Beteiligungen zählt auch Zerothird mit Sitz in Wien, ein Start-up mit rund drei Millionen Euro Umsatz. Gemeinsam mit Zerothird-Verkaufschef Lukas Helm stellte er sich in der „Stanglwirt“-Bibliothek den trend-Fragen.
Quasi im Windschatten der KI hat die Quantentechnik gewaltige Sprünge gemacht. Euphorisch wird angesichts der neuen Q-Day-Prognosen bereits vom „next ChatGPT-Moment“ gesprochen. Dazu kommt, dass die Fortschritte beim US-Hauptrivalen China vermutlich ebenso spektakulär sind. „In China werden auch Quantencomputer gebaut, nur reden sie nicht so viel darüber“, meint lakonisch Zerothird-Manager Helm. Eine weitere Beschleunigung von Quantenalgorithmen durch KI könne der Entwicklung einen zusätzlichen Schub verleihen.
Schadensbegrenzung
Die revidierten Aussichten beflügeln das Geschäftsmodell von Zerothird, im Fachsprech Post-Quantum-Kryptografie: Lösungen zu entwickeln und zu verkaufen, um Unternehmen vor dieser drohenden Entschlüsselung zu schützen. Helm: „Wir haben die Quantenkryptografie so weit zur Marktreife entwickelt, dass sie in Rechenzentren betrieben und von Unternehmen der kritischen Infrastruktur unter Einhaltung regulatorischer Anforderungen eingesetzt werden kann.“ Im Kern bietet Zerothird eine Versicherung für einen Schaden, der mit Sicherheit kommt – ob 2035, 2029 oder früher.
Interesse haben vor allem Banken, die ihre Daten unbedingt schützen wollen. „Wir bauen eine quantenkryptografische Leitung, quasi ein Backbone, zwischen Wien und Frankfurt“, referenziert Helm ein Projekt mit der Erste Group. Entscheidend ist, dass Experimentierfreudige auf den Zug der Tech-Pioniere aufspringen: „Wir sind ein bisschen wie Trüffelschweine: Wir suchen diejenigen, die schon heute bereit sind, mitzumachen. Nur im praktischen Einsatz lernen wir, was es braucht, um die Technologie für unterschiedliche Kunden und Anwendungsfälle breit einsetzbar zu machen.“
Versicherungen, der öffentliche Sektor, das Militär – insbesondere Geheimdienste – oder der medizinische Bereich gelten als hoffnungsvolle Anwendungsgebiete. Quantencomputer werden herkömmliche Computer dabei nicht verdrängen, sondern für spezielle Anwendungen ergänzen.
Ein guter Seismograf für die Aufmerksamkeit, die dem Sektor zukommt, sind große Deals. Vor einem Jahr hat die texanische IonQ die britische Oxford Ionics, an der Hauser beteiligt war, um 1,1 Milliarden Dollar gekauft, wenige Monate später Skywater, eine US-Chipfirma. Wiederholt sich hier das Spiel früherer Digital-Entwicklungsstufen, dass Europa in Sachen Forschung, Entwicklung und Frühphase spitze ist, die USA mit Big Money aber am Ende die Champions schmieden?
Hauser ist ein unerschütterlicher Optimist, was Europa betrifft. Das spiegelt sich allerdings noch weder in Strukturen noch in Volumina wider. Vier seiner mehr als zehn Quantenbeteiligungen hätten es zu Unicorn-Größe gebracht, also zu einer Bewertung von mehr als einer Milliarde. Zwei davon seien inzwischen in den USA. „Aber Parity QC und Planqc bleiben in Deutschland bzw. Österreicher“, versichert er. Erstere Firma, ein Spin-off der Uni Innsbruck, ist auf Quantenarchitektur spezialisiert und wird von Hausers Nichte Magdalena Hauser kogeführt.
Um nicht schon wieder Wertschöpfung in andere Weltregionen abfließen zu lassen, sei die Politik gefordert, sagt Hauser. Das Problem in Europa sei nicht fehlendes Geld, weist er auf fünf Billionen Euro „Versicherungsgeld“ hin: „Wir sind reich.“ Aber: „Wir geben nicht genug Geld in Zukunftstechnologien und investieren nicht genug in unsere eigene Zukunft.“
Ein Hoffnungsschimmer ist der geplante europäische Scale-up-Fund, der zu Beginn mit fünf Milliarden Euro dotiert sein soll und vom renommierten EQT-Fonds der schwedischen Unternehmerfamilie Wallenberg gemanagt wird. „Fünf Milliarden sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, hofft Hauser auf eine Erhöhung seitens der EU-Kommission auf 20 Milliarden Euro im September oder Oktober. Die Schlüsselfrage sei, wie man die europäischen Pensionsfonds dazu bringt, in diese Technologien zu investieren. Und, wie Helm ergänzt, wie man die Regierungen dazu bringt, über das Beschaffungswesen und öffentliche Use-Cases auch aktive Technologieförderung zu betreiben.
Während es dazu zähes politisches Lobbying braucht, üblicherweise das Bohren dicker Bretter, sind Hauser und Helm jedoch überzeugt, dass es bei der Technologie selbst noch zu weiteren überraschenden Durchbrüchen kommen könnte. „Es könnte sein, dass Quantencomputer die KI beschleunigen und dass auf der anderen Seite KI die Quantenalgorithmen beschleunigt.“
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.