
Der Hausverstand, früher bei Billa zu Hause, geht auf eine Reise mit dem Industriellen -Stephan Zöchling. Für allfällige politische Pläne will Zöchling bis zum Jahresende Finanzierungszusagen haben.
©ScreenshotWarum Remus-Chef Stephan Zöchling als streitbarer Unternehmer im TV und online bald allgegenwärtig ist. Wie ernst seine Planspiele mit einer neuen Wahlliste sind. Welche Rolle Sebastian Kurz dabei spielt.
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Freitag vergangener Woche landete in Tausenden E-Mail-Ordnern eine Nachricht mit der kecken Betreffzeile: „Hast Du mich vermisst?“ Der Text des Mails ist knapp und knackig: „Wir wollen nicht nur kritisieren, sondern zeigen, wie es besser gehen kann. Deshalb holen wir jetzt jemanden zurück, der in der politischen Debatte viel zu lange gefehlt hatte (…). Wer kann das wohl sein?“
Das Rätsel löste sich beim Anklicken des Links zu einem Video, in dem ein vertrautes Gesicht im grauen Rollkragenpulli mit sonorer Stimme sagt: „Guten Tag, darf ich mich vorstellen, ich bin Ihr Hausverstand.“ Der Schauspieler René Dumont war gut ein Jahrzehnt lang die Werbe-Galionsfigur für den Handelskonzern Rewe und dessen Schlüsselclaim: „Billa, sagt der Hausverstand.“
Ab sofort ist er das Gesicht einer Kampagne, die einen heimischen Unternehmer mit ehrgeizigen politischen Ambitionen breiter bekannt machen soll. In den kommenden Wochen wird der in Österreich jedem TV-Zuseher über 20 vertraute Mister Hausverstand regelmäßig an der Seite von Stephan Zöchling auftreten.
Der streitbare Unternehmer war in den letzten Monaten nicht nur häufiger Studiogast bei Privatsendern wie Servus TV, Puls 24 und Oe24. Auch der ORF lädt ihn zunehmend als polarisierenden Widerpart und Quotenbringer zu Diskussionsrunden. Dort geißelt Zöchling Regierungsmaßnahmen wie die Senkung der Mehrwertsteuer für Lebensmittel, den Mietpreisdeckel oder die Spritpreisbremse als „unerträglichen Murks“ und „kommunistische Politik“. Noch härter geht er mit der Wirtschaftskammer („erinnert mich an die Cosa Nostra“) und der EU ins Gericht: In der Union hätten „die dümmsten Menschen“ das Sagen.
In der Sonntagabend-Talkshow des ORF „Das Gespräch“ wurde Zöchling jüngst vom SPÖ-nahen Publizisten Robert Misik darob als „phrasendreschender Wut-Industrieller“ attackiert.
Politik Backstage - der Podcast
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Arm in Arm mit Billas „Mr. Hausverstand“
Ziel des dieser Tage startenden Online-Werbefeldzuges: Der aus Billa-Tagen vertraute und vertrauensvolle „Mr. Hausverstand“ soll als „Gesprächspartner, Berater und Freund“ an der Seite von Zöchling dessen kantiges und bisweilen rüpelhaftes Auftreten abfedern. Der politisierende Unternehmer lädt seit Anfang des Jahres Prominente oder Gleichgesinnte aber auch weiterhin wöchentlich zu seinem eigenen Podcast mit dem programmatischen Titel „Streitwert“. Zöchling polarisiert bislang, wo immer er auftritt, massiv.
Die einen klopfen ihm auf die Schulter. Die anderen monieren, dass er mit seinem polternden Auftreten und seiner aggressiven Wortwahl Wasser auf die Mühlen jener sei, die er zu bekämpfen vorgibt. „Die FPÖ ist am Ende immer noch radikaler und streift die Stimmen für den Unmut ein, den Zöchling ohne Rücksicht auf Verluste zusätzlich befeuert“, sagt ein Unternehmerkollege, „damit könnte er am Ende nur ÖVP und Neos, aber nicht die FPÖ stimmen kosten – so wie er es eigentlich gerne hätte.“
Zöchling-Vertraute sagen: Genau diesen Overdrive soll die künftige Doppelconférence mit dem im Kammerton auftretenden Mister Hausverstand einbremsen. Der sendungsbewusste Polit-Newcomer soll sich so auf Sicht nicht selbst im Wege stehen.
Kickl-Booster oder Stronach-Epigone?
Mit zunehmend gespannter Aufmerksamkeit werden in jedem Fall aber die medialen Auftritte und Aktivitäten Zöchlings vor allem in der ÖVP und bei den Neos beobachtet. „Die ÖVP sieht sich in der Dreierkoalition nur noch in der Lage, sehr dosiert agieren zu können“, sagt ein ehemaliger ÖVP-Spitzenpolitiker. „Es gibt daher einen Bedarf nach Leuten, die aussprechen, was viele auch bei uns denken, aber nicht sagen wollen oder können. Sie geben ihm daher umso lauter gerne Applaus.“
Nicht nur in der Umgebung des Wiener Regierungsviertels sind immer mehr Akteure zuvorderst bei Schwarz-Türkis und Pink zudem überzeugt: Bei den nächsten Wahlen werden sie mit einer neuen Liste Konkurrenz erhalten, initiiert und wohl auch angeführt von Stephan Zöchling.
„Auch wenn das nur eine Neuauflage einer Liste wie der von Frank Stronach wird, könnte das die Karten bei der nächsten Wahl neu aufmischen“, so ein pinker Stratege. Ein langjähriger ÖVP-Insider zweifelt am Durchhaltevermögen des Polit-Newcomers und rechnet mit einer Implosion der Listenpläne schon vor der nächsten Wahl.
Wie auch immer, Fakt ist: Bis vor zwei Jahren hatte der CEO und Mitbesitzer des Auspuff- und Abgasfilter-Erzeugers Remus mit Politik noch nichts am Hut. Der Theresianum-Absolvent und gelernte Betriebswirt machte als ehemalige rechte Hand des heimischen Paradeunternehmers Hans Peter Haselsteiner mit dessen Unterstützung erste unternehmerische Schritte.
Geld und Erfahrung sammelte Zöchling zudem an der Seite des früheren Magna-Managers Siegfried Wolf, für den er einst auch in Russland tätig war. Die Initialzündung für sein politisches Engagement „gab eine Runde von Unternehmerfreunden an meinem Küchentisch“, erzählt Zöchling bis heute gerne im kleinen Kreis. In den Märztagen 2024 waren das ultimative Ende der türkis-grünen Koalition und der Aufstieg der FPÖ unter Herbert Kickl nur neuen Nummer eins bereits absehbar, für die überwiegend konservativ-liberale Runde eine Horrorvorstellung. Es müsse daher dringend ein politisch breites zivilgesellschaftliches Bündnis auf die Beine gestellt werden, um gegen Populismus und Extremismus zu mobilisieren und eine „Politik der Vernunft“ einzufordern.
Zöchling klopfte umgehend erfolgreich bei Vertretern diverser Lager an. Von Ex-Siemens-Managerin und Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Brigitte Ederer über die damalige Wüstenrot-Chefin und Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Hahn und die Hotelière Elisabeth Gürtler bis zum Immobilien-entwickler Daniel Jelitzka. Als Initiative „Zusammenstärker“ machte die Gruppe mit Inseraten und einer Unterschriftenaktion mobil, zeigte intern aber schon während des Wahlkampfs große Risse. Zum einen, weil einige Mitglieder bei Zöchling Alleingänge orteten. Zum anderen, weil sich dieser immer öfter beklagte, dass er „jeden Zettel zur Abstimmung im Kreis schicken“ müsse.
Dazu kam, dass es zwar reichlich Spendenzusagen gab, um die Kosten von 1,2 Millionen Euro zu decken. Tatsächlich trudelte mit 125.000 Euro nur ein Zehntel davon auf Zöchlings Konto ein.
Der Initiator von „Zusammenstärker“ hatte dennoch Blut geleckt und wendet seit gut einem Jahr monatlich 50.000 Euro auf, um mit Videos und einem wöchentlichen Podcast weiter präsent zu bleiben.
Umfrage: zwölf Prozent für neue Liste
„Zusammenstärker“ ist inzwischen freilich eine One-Man-Show, formell getragen von einem Verein, in dem inhaltlich -unbeteiligt Zöchlings Steuerberater und Anwalt als Platzhalter fungieren. Der Unternehmer lässt Interessierte zudem wissen, dass eine von ihm initiierte neue wirtschaftsliberale Liste ein Stimmenpotenzial von zehn bis zwölf Prozent hätte. Das attestiere ihm eine von ihm selbst beauftragte Umfrage.
Als größte Hürde dafür sieht Zöchling das Parteiengesetz, so das Ondit am Wiener Politparkett. Eine neue Liste unterliegt zwar am Start noch nicht den vollen strengen Regeln der Parteienfinanzierung. Neue Parteien dürfen von einem einzelnen Spender mit 37.500 Euro den fünffachen Betrag annehmen, der bei etablierten mit 7.500 Euro pro Person und Jahr gedeckelt ist. Insgesamt dürfen neue Wahlwerber mit 1,5 Millionen Euro im Jahr insgesamt auch das Doppelte an Spenden annehmen wie etablierte Parteien. Ein kompletter Wahlkampf lässt sich aber nur mit einem zusätzlichen Millionenkredit finanzieren.
Zöchling deponiert bei Sympathisanten des Listenprojekts jedenfalls dieser Tage, dass er bis Jahresende verbindliche Finanzierungszusagen haben will, um zu entscheiden, ob und wie er dieses weiter betreiben will. Die in seiner Umgebung nach wie vor massiv grassierende offene Frage kann Zöchling auch im kleinsten Kreis nicht beantworten: Ist bei den kommenden Wahlen mit einem Comeback von Sebastian Kurz in der ÖVP oder einer eigenen Liste zu rechnen? Die beiden haben zwar regelmäßig Kontakt. Kurz lässt sich aber offenbar auch unter vier Augen nicht endgültig in die Karten blicken.
Für den Unternehmer Stephan Zöchling, der in Sachen Politik noch in den Startlöchern scharrt, scheint freilich eines so gut wie fix zu sein. Wann immer die Rede darauf kommt, was er tun werde, wenn Kurz bei den kommenden Wahlen doch antritt, proklamiert er im kleinen Kreis: Dann werde er Kurz „mit allen meinen Kräften unterstützen“. Jüngst ließ er zudem wissen: „Wenn er will, mache ich ihm dann gerne den Finanzminister, am besten in einem mit dem Wirtschaftsminister. Denn diese beiden Ressorts gehören aus einer Hand geführt.“