Das Milliardenproblem der Hagelversicherung

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Kurt Weinberger (Hagelversicherung, rechts im Bild), Anders Levermann (Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung): Hitzgeld statt Ernteversicherung©Hagelversicherung
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Der schockierende Alarm des Versicherers vor extremen Dürreschäden hat zwar politische Betriebsamkeit ausgelöst. Er zielte aber nicht nur auf agrarische Auswirkungen, sondern auch auf die in der kommenden eigenen Bilanz.

Es war nicht zuletzt die Warnung der Hagelversicherung vor einem Milliardenschaden in der Landwirtschaft, die die politischen Verhandlungen um Bauernhilfen auslöste. Jetzt tauchen Zweifel an der Aussagekraft der Daten auf. Denn das extreme Bedrohungsszenario – der Deutsche Raiffeisenverband sprach zeitgleich von 600 Millionen Euro, die Schweizer Hagelversicherung damals gar nur von 19 Millionen – hat mit echtem Schaden auf den Feldern nur indirekt zu tun, viel mehr allerdings mit der Berechnungsmethode der Versicherung. Die Milliardensumme fußt zu einem Gutteil auf einem europaweit einzigartigen Versicherungsmodell, das von der Hagelversicherung nach dem Dürrejahr 2003 entwickelt wurde und an Temperatur und Niederschlag gekoppelt ist.

Das Unternehmen muss bei dieser so genannten "Indexversicherung" zuvor in langen Exceltabellen festgelegte und nach Kulturen differenzierte Entschädigungen je Hektar zahlen, sobald in einer Region eine Anzahl von Hitzetagen überschritten wird oder Regen ausbleibt. Das hat weder mit fehlender Ernte und schon gar nichts mit finanziellem Schaden des Landwirts zu tun. Die Grenzen, ab wann ein "Hitzetag" gezählt wird, sind von den Versicherungsnehmern wählbar, beeinflussen aber die Prämienhöhe. Schon mehrere 30-Grad-Tage in Folge, eventuell begleitet mit einem Niederschlagsdefizit, begründen eine automatische Zahlungsverpflichtung der Hagelversicherung.

Zumindest die Hälfte der Landwirte hat dieses Versicherungsmodell gewählt, verlautet aus der Presseabteilung der Hagelversicherung auf trend-Anfrage. Aus dem Wissen um die versicherte Fläche (80 Prozent Ackerbau, 40 Prozent Grünland) plus den von Geosphere Austria zeitnah dokumentierten Witterungsverlauf – und auch Feldbeobachtungen, wie Hofer betont – hat man auf ganz Österreich hochskaliert. Außerdem orientiere man sich am rechnerischen Produktionswert der Landwirtschaft (Grüner Bericht 2025, Pflanzliche Erzeugnisse: 4,1 Milliarden Euro).

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Agrarhändler wie der Raiffeisen-Lagerhauskonzern RWA stampften über Nacht eine landesweite Notversorgung mit Futtermitteln aus dem Boden.

 © RWA

Schadensauszahlung übersteigt Prämieneinnahmen

Der kommunikative Schnellschuss der Hagelversicherung könnte dennoch an der agrarischen Wirklichkeit vorbeigehen, da die wirtschaftlichen Auswirkungen der sehr regional und kulturspezifisch unterschiedlichen Ernteausfälle für die Landwirte derzeit noch gar nicht abgeschätzt werden können. Auch Agrarexperte und Wifo-Forscher Franz Sinabell rät zur Vorsicht: „Tatsächlich kann jetzt noch niemand den wirklichen Schaden beziffern, denn dieser hängt nicht nur an der Menge, sondern auch an den Marktpreisen.“ Bei Produktknappheit steigen oft die erzielbaren Erlöse und gleichen zumindest einen Teil der Mengenverlust wieder aus.

Mit den rund 400 Millionen Euro, die die Hagelversicherung nach eigenen Angaben in den kommenden Tagen an die Bauern auszahlen muss, sind diese unter Umständen besser abgesichert, als erwartet. Der Betrag sei beachtlich, gibt Sinabell zu bedenken: „Damit kann man in der Landwirtschaft schon ziemlich viel bewegen.“ Zum Vergleich: Damit wird das größte Agrarförderprogramm Österreichs Öpul – rund 600 Millionen Euro für Umwelt- und Nachhaltigkeit – fast aufgedoppelt. Sein Vorschlag an die Politik: Zielgerichtete Agrarhilfen sollten eher über gestützte Kredite laufen.

Mit den Auszahlungen stößt die Hagelversicherung jedenfalls an ihre eigenen wirtschaftlichen Grenzen. Was 2003 bei Erfindung der Indexversicherung mit "normalem Dürrewetter" (Sinabell) noch kein Thema war, mutiert als sogenanntes "Kumulrisiko" (ein Schadensereignis, das viele Versicherungsnehmer gleichzeitig betrifft) im Klimawandel zum versicherungsmathematischen Problem. Die fälligen Auszahlungen sind laut Hagelversicherung heuer zwar durch Rückversicherungen abgedeckt. Doch für die kommenden Jahre könnte es heikel werden: Die rund 400 Millionen Euro übersteigen etwa die Prämieneinnahmen in Österreich bei weitem (2025: 297 Millionen Euro), sie egalisiert gar die sogenannte Verlustrücklage für Schadensfälle in der Bilanz(420 Millionen Euro), zwei wichtige versicherungstechnische Maßstäbe.

Letztlich wird heuer wohl auch die "Combined Ratio", eine Maßzahl für Profitabilität, nach zuletzt guten 66,5 Prozent in den Negativbereich über 100 rutschen, eine Prämienerhöhung scheint unausweichlich, die Hagelversicherung wollte sich dazu noch nicht äußern. Dass die Regierung in ihrem Hilfspaket einer Erhöhung des Bundeszuschusses von 55 auf 65 Prozent der Prämien einen prominenten Platz einräumt, obwohl man im Zuge des Sparpakets im Frühjahr noch eine Kürzung vorgesehen hatte, ist jedenfalls kein Zufall.

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