Katalin Karikó: Nobelpreis trotz dreier Rausschmisse

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 © ULLSTEIN BILD, MARLENE GAWRISCH, WELT, JEMAL COUNTESS, GETTY IMAGES FOR TIME, FLORIAN LECHNER
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Wie die aus Ungarn stammende Biochemikerin dreimal von der Uni flog und dennoch den Nobelpreis gewann: Auszüge aus einem Gespräch der Forscherin mit dem österreichischen Genetiker Markus Hengstschläger, einer Sternstunde des Festival-Sommers 2026.

Neuerdings ist Katalin Karikó unter die Gründerinnen gegangen. Mit ihrer Tochter hat sie Repeat Therapeutics gegründet, eine Biotech-Firma, die sich möglichen Behandlungen für die tückische Nervenkrankheit ALS widmet. Was könnte reizvoller sein, als jetzt, mit 71 Jahren, den Kampf gegen menschliches Leid noch einmal ein gutes Stück vorwärts zu bringen?

Wer Karikó, Pionierin der mRNA-Forschung, auf der Bühne über ihr Leben erzählen hört, erlebt eine Mischung aus Hartnäckigkeit und Bescheidenheit, aus Frohsinn und Ernsthaftigkeit, die in dieser Kombination kein zweites Mal anzutreffen ist. Vor nicht einmal 13 Jahren ist sie ein drittes Mal von der Universität geflogen, diesmal in Pennsylvania. „Sie sagten mir, ich sei nutzlos für die Universität, man benötige mein Labor für anderes“, erzählt sie. Heute ist die gebürtige Ungarin, die mit ihrer Familie 1985 das damals noch kommunistische Land verließ, Medizin-Nobelpreisträgerin und unermüdliche Verfechterin ihres Fachs, der Biochemie.

Moderiert von Organisator Markus Hengstschläger, einem Genetiker, war Karikós einstündiger Auftritt beim diesjährigen Impact Lech in Vorarlberg eine Sternstunde des Festival-Sommers 2026. Die Essenz: Ein Leben voller Brüche, teils politisch bedingt, teils wissenschaftlich, kann auch im Glück gipfeln, am Ende doch mit der richtigen Entwicklung zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein. Wobei die Forscherin nicht von „Glück“ spricht: „Es ist kein Zufall, dass alles so gekommen ist, sondern Schicksal“, sagte sie im August in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Dem Schicksal half sie mit einer Portion Sturheit auf die Sprünge. Denn nach dem Rauswurf in den USA 2013 mit 58 Jahren kam Karikó nicht etwa in den Sinn, sich frühestmöglich zur Ruhe zu setzen. Sie war fix überzeugt, dass in modifizierter RNA großes Heilungspotenzial steckt, und begab sich auf Jobsuche in Europa. Nach Zwischenstationen landete sie in Mainz beim damals noch wenig bekannten Unternehmen Biontech der beiden Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci. Eine Impfung gegen Influenza war so gut wie startklar, als Anfang 2020 das Coronavirus kam. Was für eine Pointe: Hätte ihr die US-Universität ihre Sachen nicht vor die Tür gestellt, hätte es den berühmt gewordenen Biontech-Pfizer-Impfstoff gegen Covid-19 nicht gegeben.

Ihre jetzt gefeierte Laufbahn war von der Wiege weg betrachtet unwahrscheinlich. Die Mutter war Buchhalterin, der Vater Fleischhauer. Beim Beobachten des Tiere-­Zerlegens wuchs ihr Interesse an dem, „was drinnen ist“, beschreibt sie ihre kindliche Neugier, die bald in Richtung Biologie und Chemie führte. Der Berufswunsch Forscherin stand somit zeitig fest, wobei sie auf den wichtigen Unterschied zwischen „search“ und „research“ hinweist. Mit bloßem Suchen ist es nicht getan: „Wir müssen ein Experiment wieder und wieder versuchen, bevor es vielleicht einmal Erfolg hat.“

Nicht nur im Labor, auch in den Institutionen hat sich ihr eisernes Festhalten an diesem Prinzip als segensreich erwiesen. „Unser Boss hat Ergebnisse eingefordert, doch sie waren noch nicht gut genug, also haben wir keine Finanzierung bekommen“ – diesen Satz wiederholt die Nobelpreisträgerin in Lech in mehreren Varianten, praktisch als Konstante ihrer Lebensgeschichte. Kernbotschaft: nur nicht entmutigen lassen!

Auf RNA als Forschungsfeld war sie bereits 1978 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Szeged gestoßen, und sie blieb dem Thema ein Leben lang treu, auch wenn damit die längste Zeit weder Geld noch Ruhm zu erwirtschaften waren. Die Unmöglichkeit, ihr Forschungsinteresse zu realisieren, hatte sie bereits bewogen, Ungarn zu verlassen, „obwohl ich gerne geblieben wäre und nie den Traum gehabt hatte, in die USA zu gehen“, wie sie bekennt.

Aber was hat sie dann angetrieben, will Hengstschläger von ihr wissen. Wollte sie unbedingt jemandem beweisen, dass sie Recht hatte? „Sorry, ich schere mich nicht um die Meinungen anderer“, lautet die knappe Antwort Karikós. Wichtiger Nachsatz, mit dem sie auch die Entgegennahme von Nobelpreis & Co. unter den Augen der Weltöffentlichkeit als einen originären Ansporn verneint: „Niemandes Ziel sollte sein, einen Preis zu gewinnen“.

Es ist tief aus dem Innersten kommender Forschergeist, der aus ihr zu sprechen scheint, verbunden mit Zielstrebigkeit und Ausdauer.

Damit sind auch exakt jene Eigenschaften angesprochen, die ihre Geschichte mit jener ihrer Tochter und Co-Gründerin bei Repeat Therapeutics verbindet – eine Geschichte, die kein Storyteller besser erfinden könnte: Susan Francia, heute 43 Jahre alt und noch in Ungarn geboren, ist zweifache Olympiasiegerin und fünffache Weltmeisterin im Rudern. Was die Mutter über ein Berufsleben hinweg im Labor leistete, setzte die Tochter in wenigen Jahren im Ruderboot um.

Inzwischen, schmunzelt Karikó, sind sie in der Hall of Fame gleichgezogen. „Vor meinem Nobelpreis haben mich immer wieder Leute gefragt, ob ich die Mutter von Susan bin. Jetzt wird Susan immer wieder gefragt, ob sie meine Tochter ist.“ Wer die beiden in einem kurzen Promo-Filmchen ihrer gemeinsamen Firma kochen sieht, kann den Gleichklang erahnen.

Was sie insbesondere jungen Frauen empfehlen würde, die eine Karriere als Wissenschaftlerin anstreben, fragt Hengstschläger kurz vor dem Gong. Da muss seine Gesprächspartnerin nicht lange überlegen.

„Du musst Freude daran haben, was du tust“, ist ihr oberstes Credo. Denn wenn das nicht der Fall ist, fällt es auch schwer, unübliche Stressniveaus auszuhalten, beispielsweise an Wochenenden durchzuarbeiten. Die körperliche und physische Gesundheit regelmäßig zu trainieren, etwa durch Bewegung, sei eine logische Unterstützungsmaßnahme. Offen über Probleme zu sprechen, ob im Beruf oder privat, sei darüber hinaus der Weiterentwicklung förderlich.

Genauso wichtig wie die Freude am Job ist das Beziehungsleben, sagt Karikò. In einem Satz: „Heirate jemanden, der dich glücklich macht.“ Und etwas allgemeiner: „Stelle sicher, dass du jemanden an deiner Seite hast, der dich unterstützt“. In ihrem Fall ist das seit 46 Jahren der Ingenieur Béla Francia, der sich nach ihrer Ankunft in den USA erst einmal mit Aushilfsjobs durchschlagen musste. „Investiert lieber in reale Beziehungen als in Social-Media-Auftritte mit Lamborghini im Hintergrund“, empfiehlt sie. Sie selbst pflegt auf der Karriereplattform Linkedin ihre Followerschaft wohldosiert und überlegt.

Es ist unverkennbar, dass ihr Leben nach dem Nobelpreis nicht unbescheidener, aber selbstbestimmter und noch vorwärtsgerichteter geworden ist. Vom neuen ungarischen Premier Peter Magyar wurde sie nach seiner Angelobung im Mai prompt zur Chefberaterin im Gesundheitsministerium ernannt. Magyars Vorgänger Viktor Orbàn hatte nach der Auszeichnung 2023 öffentlichkeitswirksam die Nähe zur Starwissenschaftlerin gesucht. Sie lässt sich davon nicht beeindrucken und stellt all ihre Expertise der Verbesserung des ungarischen Gesundheitssystems zur Verfügung. „Ich will den Patienten helfen.“

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