Politik Backstage: Blaue in Opferpose auf Umsturz-Kurs

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 © Foto Fischer, Graz/FPÖ Steiermark

 VP-Schreckgespenst Nr. 1: dass FP-OÖ-Chef Manfred Haimbuchner (l.) wie sein steirischer Parteikollege Mario Kunasek Landeshauptmann wird.

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Die Regierung schrammt haarscharf am Crash vorbei und rettet sich ermattet in den Herbst. Die FPÖ rüstet derweil fürs Schlüsselwahljahr 2027. Kickl & Co. wäre nichts lieber, als auch in Oberösterreich Nummer eins zu werden, während der Landeshauptmann aber in schwarzen Händen bleibt.

Auf der Restaurantterrasse vor dem Hotel Grünauerhof haben sich die ersten Hausgäste zum Abendessen eingefunden. An der Rückseite des Vier-Sterne-Hauses sind Stehtische für einen Aperitifempfang für rund hundert Menschen aufgestellt. Nach und nach trudeln am Montag der letzten Juliwoche Österreichs Regierungsmitglieder samt Gefolge, lokale Honoratioren und Medienleute ein. Gereicht werden kleine Häppchen sowie Prosecco, Spritzer, Salzburger Bier oder Wasser. Bürgermeister Andreas Hasenöhrl greift zum Mikrofon, um die hochrangigen Kollegen persönlich zu begrüßen. Er bedauert, dass er die örtliche Blasmusik nicht zur Begrüßung aufbieten kann. Diese ist ein paar Hundert Meter entfernt unabkömmlich bei einem Dorffest im Einsatz. „Keine Sorge, ich werde Ihnen aber nicht den Marsch blasen“, feixt der ÖVP-Mann in Richtung der Politspitzen, die sich landauf, landab nach wie vor keiner besonderen Beliebtheit erfreuen.

Im „größten Dorf Österreichs“ scheint die Welt gleich mehrfach in Ordnung. Die 14.000-Seelen-Kommune Wals-Siezenheim unweit der bayrisch-österreichischen Grenze zählt dank mehr Arbeitsplätzen als Einwohnern zu den reichsten Gemeinden Salzburgs. Mit 55 Prozent verfügt die Kanzlerpartei hier gar noch über eine absolute Mehrheit. Der Ortschef kratzte bei der Bürgermeister-Direktwahl zuletzt mit 64 Prozent an der Zweidrittelmarke.

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Brummiger Buddha, pinke Zerreißprobe

Christian Stocker ist unter den ersten Eintreffenden. Der Kanzler ist brummig und strahlte schon einmal mehr Gelassenheit aus. Beate Meinl-Reisinger sind die Strapazen der letzten Tage und Stunden anzusehen, sie wirkt abgehetzt und blass. Andreas Babler scheint es zu genießen, im medialen Shitstorm der letzten Tage selten einmal eine Nebenrolle gespielt zu haben.

In der nahe gelegenen Schwarzenberg-Kaserne stand die Dreierkoalition bis 90 Minuten vor Beginn der Sommerministerratssitzung Spitz auf Knopf. Die Regierungsregisseure hatten diese Location schon Wochen davor gebucht, um nach einem halben Jahr Wehrdienst-Verhandlungen im Kreisverkehr-Modus mit der Ortswahl den Druck auf ein Ergebnis maximal zu erhöhen.

Verhandelt wurde noch am Eröffnungswochenende der Salzburger Festspiele direkt vor Ort. Bis Montag, halb drei Uhr, versuchten die türkis-roten Regierungskoordinatoren vergeblich, die Pinken ins Boot zu holen.

Die Neos bewegten sich nur millimeterweise auf einem Terrain, das parteiintern zu einem Minenfeld geworden war. Das pinke Urgestein und Vizeklubchef Nikolaus Scherak war wild entschlossen, aus der Partei auszutreten, sollte mit dem Wehrdienst auch der Zivildienst ohne Wenn und Aber verlängert werden. „Es drohte ein pinkes Knittelfeld“, berichten mehrere Verhandlungsteilnehmer.

Sprich: Die beiden größeren Regierungsparteien fürchteten, dass sich die Neos wie einst die FPÖ im Jahr 2002 in zwei Flügel spalten. Und Scherak samt weiteren Neos-Mandataren, die von Anfang an mit der Dreierkoalition haderten, in Daueropposition geht. Neuwahlen wären dann trotz der desaströsen Umfragelage über kurz oder lang unausweichlich.

Für 14 Uhr war der Sommerministerrat angesetzt, für 16 Uhr die Liveübertragung der Pressekonferenz der Regierungsspitzen. Erst neunzig Minuten davor einigten sich Stocker, Babler und Meinl-Reisinger per Handschlag auf einen Kompromiss, der nur aus der Binnenlogik verständlich ist.

Die SPÖ konnte Salzburg mit der Botschaft für die Genoss:innen verlassen, eine Verlängerung des Wehrdienstes auf zehn Monate verhindert zu haben. Die pinken Fundis können sich auf die Fahnen heften, dass Wehrdienst und Zivildienst mit neun Monaten gleichziehen. Die bis zuletzt von der Heeresministerin als unausweichlich propagierte Verlängerung des Wehrersatzdienstes soll fürs Erste freiwillig bleiben. Dazwischen blieb die ÖVP, deren Parteichef noch vor einem halben Jahr damit gedroht hat, Widerspenstige im eigenen Kabinett per Volksbefragung zu overrulen, und jetzt einen mehrfach verhatschten Kompromiss mit der Parole zu retten sucht: „Das ist das erste Mal, dass bei einer Veränderung des Wehrdienstes die Verteidigungsfähigkeit des Landes verbessert wird.“

VdB soll grünes Ja zum Wehrdienst-Paket sichern

Um zumindest die Front gegen Sperrfeuer aus dem Militär abzudichten, griffen die Kanzler-Berater zu einem geschickten PR-Move: das Ergebnis des zähen Ringens gemeinsam mit dem Chef der Wehrdienstreform-Kommission und Raiffeisen-Spitzenfunktionär Erwin Hameseder zu präsentieren. Die Kommission hatte für ihr an der Koalitionsrealität zerschelltes Wunschmodell – zehn Monate Rekrutenausbildung, zwölf Monate Zivildienst – zwar bis zuletzt mit Zähnen und Klauen gekämpft. „Im Zweifel ist der Erwin aber nicht nur Generalleutnant des Bundesheers, sondern auch Parteisoldat“, so ein ÖVP-Spitzenmann.

Damit der Regierungskompromiss auch die notwendige Zweidrittelmehrheit im Parlament bekommt, braucht es entweder die Stimmen der Grünen oder jene der Blauen. Im Regierungsviertel setzen einige Spitzenleute auf Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Dieser war auch am Rande der Festspieleröffnung bereits als Mittler zwischen den widerstrebenden Regierungsparteien aktiv. Nun soll er den Kompromiss auch seinen Freunden bei den Grünen schmackhaft machen.

Von den Blauen wird in den kommenden Wochen und Monaten ein noch schärferer Gegenwind erwartet. Auch wenn sich die Kickl-Truppe vom Pilnacek-Ausschuss weitaus mehr erhofft hatte, wird sie im Herbst versuchen, mit der Ladung von aktiven und ehemaligen Politikern noch einmal Gas zu geben. Zuvorderst in den ÖVP-Bundesländern weitaus mehr gefürchtet wird der Corona-Untersuchungsausschuss, den die FPÖ als nächsten initiieren will. Dieser wird damit 2027 in seine heiße Phase kommen.

FPÖ bei vier von fünf Länderwahlen mit Siegchancen

Die FPÖ-Strategen erwarten dadurch zusätzlichen Rückenwind für die 2027 in Tirol und in Oberösterreich anstehenden Landtagswahlen sowie 2028 in Kärnten, Niederösterreich und Salzburg. „Die Reizworte Impfzwang und Corona-Terror ziehen am Land nach wie vor“, resümiert ein langjähriger ÖVP-Landespolitiker ernüchtert.

In vier der fünf Bundesländer, wo in den nächsten beiden Jahren Landtagswahlen anstehen, hat die FPÖ in Umfragen die Nase klar vorne (Kärnten und Oberösterreich) oder liegt Kopf an Kopf (Tirol und Salzburg). Bei der spätestens in einem Jahr fälligen Schlüsselwahl in Oberösterreich setzt die ÖVP vom Kanzler abwärts nach wie vor aber unverdrossen auf die besseren Persönlichkeitswerte des aktuellen Amtsinhabers: ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer schneidet im Vergleich zu seinem FPÖ-Herausforderer Manfred Haimbuchner aufgrund des Amtsbonus noch eindeutig besser ab.

Geht die FPÖ aber wie in den Umfragen tatsächlich erstmals in der Geschichte des ÖVP-Kernlandes 2027 als Nummer eins durchs Ziel, setzen die FPÖ-Strategen rund um Herbert Kickl auf folgendes Szenario: Die ÖVP werde Manfred Haimbuchner nicht zum Landeshauptmann machen, die SPÖ sei dafür voraussichtlich zu schwach – selbst wenn Neoparteichef Martin Winkler unerwarteterweise für diesen Tabubruch zu haben wäre. „Ich rechne damit, dass es dann zu einer Dreierkoalition Schwarz-Rot-Grün kommt“, sagt ein hochrangiger FPÖ-Mann.

In der oberösterreichischen ÖVP gibt es zwar einen starken industrienahen Flügel, der eine Koalition mit Blauen stark präferiert. Zugleich ist aber seit dem Machtwechsel von Schwarz zu Blau in der Steiermark das „Trauma der Steirer“ auch in Oberösterreich für viele Schwarze ein Fanal, so ein ÖVP-Insider: „In der Steiermark ist mit dem Wechsel zu Mario Kunasek die Chance auf die Wiedereroberung des Landeshauptmanns für die ÖVP für viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte tot.“

Aus Sicht der Kickl-Strategen ist ein Beharren der ÖVP auf dem Landeshauptmann-Sessel auch als Nummer zwei in Oberösterreich alles andere als ein Beinbruch. Sollte sich Ähnliches in anderen Bundesländern, wo demnächst Wahlen anstehen, wiederholen, wäre das „für uns ein Volksfest auf dem Weg zum Volkskanzler“, so ein Kickl-Mann.

Denn innerhalb der ÖVP ortet der FPÖ-Spitzenmann auch bei den Parlamentsabgeordneten eine zunehmende Aufweichung der von Christian Stocker ausgegebenen Anti-Kickl-Parolen: „Ein Drittel ist weiter ohne Vorbehalte für eine Zusammenarbeit mit der FPÖ ansprechbar, aber abwartend, ein Drittel gibt sich in dieser Frage neutral, nur ein Drittel hält sich strikt an die Parteidoktrin: nie wieder mit Kickl.“

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