Bargeld: Das österreichische Paralleluniversum

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
4 min
Artikelbild
 © APA/BARBARA GINDL

©APA/BARBARA GINDL
  1. home
  2. Aktuell
  3. Politik

Österreich hält am Bargeld fest - auch in den Gemeinden, wie eine neue Umfrage zeigt. Nicht als Gegenmodell zur Digitalisierung, sondern als zweites Standbein für Alltag, Krisenfälle und unabhängiges Bezahlen.

Während in Schweden Bargeld im Alltag bereits stark zurückgedrängt wurde, ist die Versorgung in Österreich nach einer Studie der GSA weiterhin sehr gut. Doch ganz ohne Lücken ist sie nicht: 15 Prozent der österreichischen Gemeinden verfügen über keinen Bankomaten, 36 Prozent haben keine Bankfiliale.

Mehr als 200 Gemeindevertreter – darunter Bürgermeister:innen oder Amtsleiter:innen – wurden dafür befragt. Rund zehn Prozent aller österreichischen Gemeinden sind in der Studie vertreten. Für knapp 80 Prozent der Befragten hat Bargeld weiterhin eine sehr oder eher hohe Bedeutung. Besonders stark ist seine Rolle im unmittelbaren Gemeindeleben. Für Märkte, Veranstaltungen und Vereine halten 98 Prozent Bargeld für unverzichtbar. Auch für kleine und mittlere Unternehmen sowie für ältere Menschen ist es von Bedeutung.

Dass der Zahlungsverkehr digitaler wird, ist unbestritten. Kartenzahlungen, Smartphones und andere digitale Zahlungsmöglichkeiten haben die frühere Dominanz des Bargelds aufgebrochen. Matthias Schroth, Direktor der OeNB-Hauptabteilung Recht, Bargeld und Beteiligungen, sieht darin aber keinen Beleg, dass Bargeld verschwinden werde. Es gebe heute schlicht einfach mehr Zahlungsmöglichkeiten als früher.

Schroth argumentiert:„Bargeld ist die öffentliche Zahlform“. Andere Bezahlformen seien hingegen privat, darunter „milliardenschwere Geschäftsmodelle“, die teilweise stark von US-Unternehmen geprägt seien. Damit wird die Bargeldfrage auch zu einer Frage europäischer wirtschaftlicher Souveränität und Cybersecruity. 87 Prozent der befragten Gemeindevertreter:innen sehen Bargeld als wichtige Alternative im Fall von Cyberattacken oder technischen Ausfällen. Je digitaler der Zahlungsverkehr wird, desto stärker hängt er von funktionierenden Stromnetzen, Telekommunikation, IT-Systemen und Zahlungsdienstleistern ab. Bargeld kann diese Abhängigkeiten nicht vollständig ersetzen, denn Bankomaten brauchen auch Strom. Doch bereits vorhandenes Bargeld kann im Krisenfall unmittelbar eingesetzt werden.

Österreich befindet sich hier in einer vergleichsweise günstigen Ausgangslage, weil die Bargeldinfrastruktur noch weitgehend vorhanden ist. Um diese Infrastruktur zu erhalten, haben OeNB, Gemeindebund und österreichische Banken bereits 2024 ein sogenanntes Bankomaten-Moratorium vereinbart. Damit wird das bestehende Netz von rund 8.300 Bankomaten vorerst bis 2029 abgesichert.

Das österreichische Ziel ist nicht, die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs aufzuhalten. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Wahlfreiheit zwischen mehreren funktionierenden Systemen. Das gilt auch für den geplanten digitalen Euro. Er soll Bargeld nicht ersetzen, sondern als öffentliches digitales Zahlungsmittel ergänzen. Damit könnte sich künftig ein System aus drei Säulen herausbilden: Bargeld als physisches öffentliches Zahlungsmittel, der digitale Euro als digitale öffentliche Alternative und daneben private Zahlungsangebote von Banken und internationalen Zahlungsunternehmen.

Österreichs Besonderheit liegt deshalb weniger darin, möglichst viele Zahlungen bar abzuwickeln. Die mögliche Vorreiterrolle besteht vielmehr darin, Digitalisierung und eine analoge Infrastruktur gleichzeitig aufrechtzuerhalten.

Über die Autoren

Logo
trend. Newsletter

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages