
Menschen sind nicht unmotiviert, sie werden oft nur falsch angesprochen. Warum klassische Ziele, Boni und Vision-Statements häufig ins Leere laufen und was Führungskräfte stattdessen über die sechs inneren Antriebskräfte ihres Teams wissen sollten, zeigt dieses Stück anhand konkreter Beispiele und aktueller Motivationsforschung.
Auf dem Besprechungstisch stehen kleine Aufsteller: „Our Vision: 100 M$.“ Der CEO ist überzeugt: Jeder muss dieses Ziel teilen. Was er nicht sieht: Kaum jemanden im Raum bewegt diese Zahl. Nicht weil die Mitarbeitenden unmotiviert wären – sondern weil ihre inneren Antriebskräfte andere sind als seine.

MENTAL PERFORMANCE PODCAST
Die sechs innere AntriebskräfteFührungskräfte motivieren Menschen oft falsch, weil sie ihre eigenen Motive auf andere projizieren, obwohl Mitarbeitende von sechs unterschiedlichen inneren Antriebskräften geprägt sind und daher nur dann wirklich engagiert sind, wenn ihre jeweils dominanten Motive gezielt angesprochen werden.
Der Vertriebsleiter, der keinen Bonus wollte
In einem meiner Seminare für ein deutsches Industrieunternehmen saß ein Vertriebsleiter Mitte 40, der seit Jahren zuverlässig Top-Ergebnisse lieferte. Sein Chef hatte ihm gerade eine sechsstellige Bonuszusage für das nächste Geschäftsjahr präsentiert – und war sichtlich irritiert, als die Reaktion verhalten ausfiel.
Im Einzelgespräch erzählte mir der Mann: „Das Geld ist nett. Aber was mich wirklich antreibt, ist etwas anderes. Ich möchte, dass mein Team wächst. Ich möchte junge Leute entwickeln, die in fünf Jahren Positionen einnehmen, von denen sie heute nicht mal träumen.“
Sein Chef hatte das stärkste Motiv – Bedeutsamkeit durch monetäre Anerkennung – auf einen Menschen projiziert, dessen eigentlicher Antrieb Wachstum und sozialer Beitrag war. Die Folge: ein teurer Bonus mit minimaler motivationaler Wirkung. Keine Böswilligkeit, kein Managementfehler im klassischen Sinn – einfach ein blinder Fleck. Und dieser blinde Fleck kostet Unternehmen Millionen. Nicht weil Boni per se falsch wären. Sondern weil sie das falsche Motiv adressieren.
Warum „unmotiviert“ fast immer die falsche Diagnose ist
Wenn Mitarbeitende nicht das tun, was die Führungskraft erwartet, fällt die Diagnose schnell: mangelnde Motivation. Doch dieser Befund ist fast immer falsch. Menschen sind nicht unmotiviert – sie haben andere Motive als die, die das Unternehmen anspricht. In „Falsch gedacht!“ vergleiche ich unser inneres Antriebssystem mit einem diversifizierten Portfolio: Sechs Antriebskräfte konkurrieren um Einfluss, jede mit eigener Logik, eigenem Zeithorizont und eigener Rendite. Wie bei einem Anlageportfolio gibt es keine universell richtige Gewichtung. Der Fehler vieler Führungskräfte: Sie projizieren ihr eigenes Motivations-Portfolio auf ihr Team – und wundern sich, wenn die erwartete Rendite ausbleibt.
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan, publiziert 2000 in Psychological Inquiry, gehört zu den am besten bestätigten Motivationstheorien der modernen Psychologie. Ihre zentrale Erkenntnis: Intrinsische Motivation – die nachhaltigste und leistungsfähigste Form der Motivation – entsteht, wenn drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sind: Autonomie (das Gefühl, selbst zu bestimmen), Kompetenzerleben (das Gefühl, wirksam zu sein) und soziale Einbindung (das Gefühl, dazuzugehören). Starre SMART-Ziele und Umsatzvorgaben können alle drei Bedürfnisse einengen: Sie reduzieren Autonomie, definieren Kompetenz über externe Kennzahlen und ersetzen Zugehörigkeit durch Wettbewerb.
Maslows Bedürfnispyramide, die in vielen Führungskräfteseminaren noch immer gelehrt wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht definitiv überholt – die starre Hierarchie der Bedürfnisse wurde empirisch nie belegt. Ich arbeite in meiner Praxis stattdessen mit einem differenzierteren Modell, das der Komplexität menschlicher Motivation gerecht wird.
Das innere Portfolio: Sechs Antriebskräfte im Überblick
Stellen Sie sich Ihren Kopf wie einen diversifizierten Konzern vor. Verschiedene Geschäftsbereiche verfolgen unterschiedliche Strategien – manche konservativ, manche risikofreudig, manche auf kurzfristigen Ertrag ausgerichtet, manche auf langfristiges Wachstum. Nicht alle ziehen immer an einem Strang. Mitunter sind die Interessen gegenläufig. Genau das ist die Stärke: Aus der Vielfalt entsteht Anpassungsfähigkeit.
Sicherheit – Der Blue-Chip-Antrieb.
Menschen mit dominantem Sicherheitsmotiv streben nach Stabilität, Berechenbarkeit und klaren Strukturen. Sie sind das Rückgrat jeder Organisation – zuverlässig, loyal, belastbar. In Krisenzeiten halten sie den Laden zusammen. Neurobiologisch dominiert bei ihnen das serotonerge System: Ausgeglichenheit, Wohlbefinden, Routine. Ihr Risiko: Sie bremsen Veränderung, weil jede Unsicherheit von der Amygdala als Bedrohung bewertet wird. Führungsstrategie: Transparenz über Veränderungsprozesse, klare Rahmenbedingungen, explizite Zusicherung von Kontinuität. Diese Menschen brauchen nicht Begeisterung für das Neue – sie brauchen die Gewissheit, dass das Bewährte Bestand hat.
Abwechslung – Der Venture-Antrieb.
Diese Menschen brauchen Neues: Trends, Herausforderungen, Abenteuer. Sie sind die Innovatoren und Early Adopter in Ihrer Organisation. Routinetätigkeiten töten ihre Motivation – buchstäblich: Ohne Dopamin-Kicks durch Neuheit fährt ihr mesolimbisches Belohnungssystem herunter. Ihr Risiko: Sie springen zu schnell von Projekt zu Projekt, ohne abzuschließen. Ein Venture-Typ, der auf einer Blue-Chip-Position sitzt, ist innerhalb von Monaten innerlich gekündigt. Führungsstrategie: Regelmäßig neue Aufgaben, Stretch Assignments, Intrapreneurship-Möglichkeiten, Rotationsprogramme.
Gemeinschaft – Der Stakeholder-Antrieb.
Zugehörigkeit, Teamgefühl und soziale Bindung sind hier dominant. Diese Menschen halten Teams zusammen und schaffen Vertrauen. Oxytocin – der neurochemische „Bindungsstoff“, der bei sozialer Nähe im Hypothalamus freigesetzt wird – ist ihr zentraler Motivator. Ihr Risiko: Sie vermeiden Konflikte und können toxische Dynamiken tolerieren, um die Harmonie zu wahren. Sie sagen Ja, wenn sie Nein meinen, und tragen den Konflikt nach innen. Führungsstrategie: Team-Events, gemeinsame Ziele, explizite Wertschätzung des Beitrags zum Ganzen – und gleichzeitig klare Ermutigung, Grenzen zu setzen.
Bedeutsamkeit – Der Prestige-Antrieb.
Individuelle Entfaltung, Anerkennung, Sichtbarkeit – wer dieses Motiv stark ausgeprägt hat, will sich abheben und Spuren hinterlassen. Diese Menschen treiben Exzellenz und sind oft High Performer. Das dopaminerge Belohnungssystem wird bei ihnen vor allem durch Status-Signale aktiviert: Titel, Sichtbarkeit, Lob vor anderen. Ihr Risiko: Überzogener Ehrgeiz kann in Narzissmus, Burn-out oder toxischen Wettbewerb münden – insbesondere wenn er mit „perfectionistic concerns“ einhergeht (Hill & Curran, 2016). Führungsstrategie: Sichtbarkeit bieten, individuelle Verantwortung übertragen, Leistung anerkennen – aber den Beitrag zum Team explizit koppeln.
Sozialer Beitrag – Der Impact-Antrieb.
Sinn, Zweck, Wirkung – diese Menschen wollen einen Unterschied machen, der über sie selbst hinausgeht. Sie sind die natürlichen Purpose-Träger im Unternehmen. Ihr Risiko: Sie können tief desillusioniert werden, wenn der Unternehmensalltag zu weit vom verkündeten Purpose abweicht – ein Phänomen, das ich als „Purpose-Gap“ bezeichne. Nichts demoralisiert einen Impact-Typ mehr als ein schöner Leitspruch auf der Website, der im Tagesgeschäft ignoriert wird. Führungsstrategie: Konkrete Verbindung zwischen der täglichen Arbeit und der Wirkung nach außen herstellen – nicht abstrakt, sondern durch echte Geschichten und Daten.
Wachstum – Der Compounding-Antrieb.
Fortschritt, Weiterentwicklung und lebenslanges Lernen treiben diese Menschen an. Sie suchen Herausforderung nicht für Anerkennung, sondern für die Entwicklung selbst – Carol Dwecks Growth Mindset (Mindset: The New Psychology of Success, 2006) in seiner reinsten Form. Ihr Risiko: Sie können sich in permanenter Selbstoptimierung verlieren und nie „genug“ erreichen. Führungsstrategie: Lernbudgets, Mentoring-Programme, regelmäßige Reflexionsgespräche über persönliche Entwicklung. Der Vertriebsleiter aus meinem Seminar war ein klassischer Compounding-Typ mit starkem Impact-Antrieb – und sein Chef hatte ausschließlich den Prestige-Antrieb bedient.
Warum Umsatzpyramiden und Bonusprogramme scheitern
Die 100-M$-Vision auf dem Aufsteller bedient ein einziges Motiv: Bedeutsamkeit – und selbst das nur indirekt. Für Mitarbeitende mit starkem Sicherheits-, Gemeinschafts- oder Impact-Antrieb ist diese Zahl emotional eine Nullnummer. SMART-Ziele haben dasselbe Problem: Sie sind spezifisch und messbar, aber sie adressieren keine Motive. Ein Holzfäller, dem man sagt, er solle heute 50 Bäume fällen, hat ein klares Ziel. Aber eine Softwareentwicklerin, die einen OKR erfüllen soll, der sie nicht berührt, hat nur eine Pflicht.
Kahneman beschrieb 2011 die „hedonistische Tretmühle“: Externe Belohnungen – Boni, Incentive-Reisen, Firmenwagen – erzeugen einen kurzfristigen Dopamin-Peak, der schnell verblasst. Die nächste Belohnung muss größer sein, um denselben Effekt zu erzielen. Ein Teufelskreis, der Budgets auffrisst, ohne nachhaltige Motivation zu schaffen. Jemanden zu motivieren bedeutet nicht, externe Reize zu steigern. Es bedeutet, die Motive des anderen durch ein attraktives Szenario anzuregen – und so den limbischen Turbo im Kopf zu zünden.
Sieben Strategien für motivgerechte Führung
Wer das Portfolio seines Teams kennt, kann Führung, Change Management und Teamzusammenstellung auf eine neurobiologische Grundlage stellen.
1. Das Portfolio Ihres Teams kartieren
So geht’s: Führen Sie mit jedem Teammitglied ein kurzes Gespräch: „Was treibt dich an? Was brauchst du, um deine beste Arbeit zu machen? Wann warst du zuletzt richtig im Flow?“ Ordnen Sie die Antworten den sechs Motiven zu. Sie werden feststellen: Ihr Team ist kein homogener Block, sondern ein diversifiziertes Portfolio mit unterschiedlichen Renditetreibern.
Reflexion: Zeichnen Sie für jedes Ihrer direkten Reports ein Tortendiagramm der sechs Motive. Wo liegen die größten Unterschiede zu Ihrem eigenen Profil? Genau dort liegen die größten Führungschancen – und die größten blinden Flecken.
2. Ziele motiv-spezifisch formulieren
So geht’s: Statt ein Ziel für alle gleich zu formulieren, übersetzen Sie es in die Sprache des jeweiligen Motivs. Ein und dasselbe Projekt kann so kommuniziert werden: Für Sicherheits-Typen: „Das sichert unsere Marktposition für die nächsten Jahre.“ Für Venture-Typen: „Das hat noch niemand in unserer Branche gemacht.“ Für Impact-Typen: „Damit gestalten wir, wie unsere Kunden arbeiten.“ Drei Sätze, ein Ziel, dreimal so viel Wirkung.
Übung: Nehmen Sie Ihr aktuelles Teamziel und formulieren Sie es in den sechs Motivsprachen. Welche Formulierung fällt Ihnen am leichtesten? Das ist Ihr eigenes dominantes Motiv. Welche fällt Ihnen am schwersten? Dort liegen die Teammitglieder, die Sie bisher nicht erreichen.
3. Gegenläufige Motive als Stärke nutzen
So geht’s: Sicherheit kämpft gegen Abwechslung. Gemeinschaft gegen Bedeutsamkeit. Wachstum gegen sozialen Beitrag. Diese Spannung ist kein Problem – sie ist der Motor für Qualität. Besetzen Sie Innovationsteams bewusst mit einer Mischung aus Venture- und Blue-Chip-Typen: Die einen treiben, die anderen sichern. Die Reibung zwischen den Motiven erzeugt nicht Konflikte, sondern Entscheidungsqualität – wenn sie bewusst gemanagt wird.
4. Die Motivfalle erkennen: Vom eigenen Portfolio abstrahieren
So geht’s: Fragen Sie sich ehrlich: „Welches Motiv dominiert bei mir – und projiziere ich es auf mein Team?“ Ein CEO mit starkem Prestige-Antrieb wird unbewusst davon ausgehen, dass Sichtbarkeit und Status alle motivieren. Ein COO mit Blue-Chip-Antrieb wird Stabilität überbetonen. Ein Gründer mit Venture-Antrieb wird Risikofreude von allen erwarten. Abstrahieren Sie von Ihrem eigenen Portfolio, um die Motive Ihres Teams tatsächlich zu sehen – nicht die, die Sie gerne sehen würden.
Reflexion: Denken Sie an die letzte Person, die Ihr Team verlassen hat. Wissen Sie, welches Motiv bei ihr dominant war – und ob es erfüllt wurde? In vielen Fällen gehen gute Leute nicht wegen des Gehalts. Sie gehen, weil ihr Kernmotiv nicht gesehen wurde.
5. Motivation aktivieren statt kaufen
So geht’s: Boni, Incentive-Reisen und Firmenwagen bedienen das Belohnungssystem – aber nur kurzfristig. Die hedonistische Tretmühle sorgt dafür, dass die Wirkung verblasst. Nachhaltige Motivation entsteht, wenn die Arbeit selbst das jeweilige Grundmotiv bedient. Prüfen Sie Ihre Incentive-Strukturen: „Belohnen wir Ergebnisse – oder aktivieren wir Motive?“
Übung: Analysieren Sie Ihr aktuelles Incentive-Programm anhand der sechs Motive. Welche Motive werden bedient? Welche ignoriert? In den meisten Fällen adressieren Incentive-Programme nur ein einziges Motiv – Bedeutsamkeit oder Sicherheit – und lassen vier andere kalt.
6. Purpose nicht verkünden, sondern erlebbar machen
So geht’s: Ein Leitspruch auf der Website reicht nicht. Impact-Typen brauchen konkrete Beweise: Kundengeschichten, Wirkungsmessungen, direkten Kontakt mit den Menschen, für die das Unternehmen arbeitet. Organisieren Sie regelmäßig „Impact Sessions“: 30 Minuten, in denen ein Kunde erzählt, was Ihr Produkt in seinem Alltag verändert hat. Das erzeugt mehr Motivation als jeder Bonus.
7. Wachstum als Retention-Strategie nutzen
So geht’s: Compounding-Typen verlassen Unternehmen, wenn sie aufhören zu lernen. Investieren Sie in Weiterbildungsbudgets, Mentoring-Programme und regelmäßige Entwicklungsgespräche. Fragen Sie nicht nur „Wo willst du in fünf Jahren sein?“, sondern: „Was möchtest du in den nächsten sechs Monaten lernen, das dich wirklich reizt?“ Die zweite Frage aktiviert das Dopamin-System. Die erste erzeugt oft nur Druck.
Reflexion: In meiner Arbeit mit Unternehmen erlebe ich immer wieder: Teams, in denen Führungskräfte die sechs Motive kennen und gezielt ansprechen, haben messbar höheres Engagement, geringere Fluktuation und bessere Ergebnisse. Nicht weil die Mitarbeitenden plötzlich andere Menschen wären. Sondern weil sie endlich angesprochen werden, wo es zählt.
Menschen sind nicht unmotiviert. Sie haben nur andere Motive als die, die Sie gerade ansprechen. Wer das Portfolio seines Teams kennt und gezielt bedient, gewinnt ein Engagement, das kein Bonus der Welt kaufen kann. Das Beste daran: Sie bestimmen die Mehrheiten in Ihrem Kopf-Konzern selbst.

Steckbrief
Prof. Dr. Marcus Täuber
Der Neurobiologe Dr. Marcus Täuber zählt zu den gefragtesten Keynote Speakern zu mentaler Gesundheit und Hochleistungspsychologie. Als Europas erster Professor für Biohacking und Longevity sowie Bestsellerautor zeigt er, wie sich das menschliche Gehirn gezielt verändern lässt, um Leistungsfähigkeit, Resilienz und ein langes gesundes Leben zu fördern.
Informieren Sie sich unter: https://ifmes.com
Quellen
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The „what“ and „why“ of goal pursuits. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. New York: Random House.
Hill, A. P., & Curran, T. (2016). Multidimensional perfectionism and burnout. Personality and Social Psychology Review, 20(3), 269–288.
Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.
Locke, E. A., & Latham, G. P. (2002). Building a practically useful theory of goal setting. American Psychologist, 57(9), 705–717.
Täuber, M. (2021). Falsch gedacht! Wien: Goldegg Verlag.
Täuber, M. (2023). Gute Gefühle. Wien: Goldegg Verlag.
