
Martin Pichler, Mario Haas, Günter Wilding und Stefan Schuster (v. l.) sind über ein Arbeitsprojekt der Lebenshilfe als Fix-Angestellte bei der Post gelandet.
©Post AGDrei Viertel der österreichischen Unternehmen zahlen lieber eine Ausgleichstaxe, als Menschen mit Behinderungen einzustellen. Die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe steigt. Was dagegen getan werden kann.
von
Günter entlädt Pakete aus einem gelben Post-Lkw und legt sie auf ein Förderband zur weiteren Sortierung. Nur wenn der 48-Jährige die Pakete richtig hinlegt, können die Scanner die Adressetiketten gut lesen. Günter fühlt sich angekommen. Nach Jahren in der Behindertenwerkstätte Wasendorf hat er als Mitarbeiter der Österreichischen Post echte Verantwortung, ein Gehalt und einen fixen Arbeitsvertrag.
Der mehrheitlich staatliche Konzern ist jedoch nicht repräsentativ für Österreichs Arbeitswelt, wie neue Zahlen des Sozialministeriums zeigen. 2025 zahlten 74,3 Prozent der Unternehmen lieber eine Ausgleichstaxe, statt die gesetzliche Beschäftigungspflicht von Menschen mit Behinderungen zu erfüllen. Dieser Wert blieb über die letzten fünf Jahre relativ stabil. Die Beschäftigungspflicht schreibt Unternehmen ab 25 Personen vor, dass vier Prozent ihrer Mitarbeitenden „begünstigt behinderte“ Menschen sein sollen, die einen Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent aufweisen.
Erfüllt ein Unternehmen die Quote nicht, werden pro Person, die zu beschäftigen wäre, monatlich 344 bis 512 Euro Ausgleichstaxe fällig. Diese verwendet das Sozialministerium wiederum, um Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt zu unterstützen.
Doch zuletzt waren mehr Rück- als Fortschritte zu verzeichnen: „Wir sehen schon seit langer Zeit, dass die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen deutlich stärker steigt als unter Menschen ohne Behinderungen – und dass diese länger anhält“, sagt Klaus Widl, der Präsident des Österreichischen Behindertenrats. So ist die Zahl von arbeitslosen „begünstigt behinderten“ Personen laut AMS im Juni 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 15,6 Prozent gestiegen. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Menschen mit Behinderungen, aber auch andere benachteiligte Gruppen oftmals die Ersten, die ihren Job verlieren und die Letzten, die wieder einen bekommen“, erklärt Widl die steigende Arbeitslosigkeit.
Um Inklusion im Arbeitsleben voranzutreiben, brachte Bundesministerin Korinna Schumann im Juli eine Novellierung des Behinderteneinstellungsgesetzes in den Nationalrat ein. Dabei sollen zusätzlich 150 Millionen Euro aus dem Staatsbudget in den Ausgleichstaxfonds fließen. Diesen Herbst wird der Nationalrat über das Vorhaben abstimmen.
Welche Vorurteile bestehen
Geld allein wird bestehende Vorurteile allerdings nicht beseitigen, glaubt die Diversitätsmanagerin der Österreichischen Post, Sabine Weber-Treiber: „In unseren Köpfen ist nach wie vor verankert, dass Behinderungen auch eine Leistungsreduktion bedingen.“ Die Post hat sich dafür unter anderem Sensibilisierungsworkshops für Führungskräfte überlegt: „Wir haben kognitive Einschränkungen simuliert, indem sie nur mit verbaler Anleitung ein Lego-Set zusammenbauen sollten. Mit einem speziellen Anzug machen wir körperliche Einschränkungen erfahrbar – zum Beispiel Bandscheibenvorfälle oder Adipositas.“
Ein weiterer Grund für die Schieflage ist laut Widl die Angst vor dem erhöhten Kündigungsschutz von Menschen mit Behinderungen. Dabei würden die wenigsten Unternehmen wissen, dass dieser bei Personen mit Begünstigtenstatus erst nach vier Jahren im Unternehmen greift. Weber-Treiber erklärt es so: „Wenn ich, ganz allgemein gesprochen, im Zuge von Umstrukturierungsmaßnahmen Mitarbeitende kündigen muss, dürfen Menschen mit Behinderungen nach vier Jahren im Unternehmen nicht als Erste auf der Liste stehen. Stattdessen muss ich erst schauen, ob ich diese Person auch in einem anderen Bereich des Unternehmens gut beschäftigen kann.“ Sollte sich die Person jedoch etwas zuschulden kommen lassen, könnten Mitarbeitende mit Behinderungen zu jedem Zeitpunkt genauso entlassen werden wie alle anderen auch.
Als dritten Grund fügt Widl die Angst vor zusätzlichen Kosten an. Doch auch dort fördere der Sozialministeriumsservice die Finanzierung von technischen Arbeitshilfen oder auch Arbeitsplatzadaptierungen.
Wie Inklusion die Unternehmenskultur verändert
Wenn sich Unternehmen durch Zahlung der Ausgleichstaxe von ihren Verpflichtungen freikaufen, entgeht ihnen jedenfalls viel an Ressourcen und Talenten, ist Nicole Steger, Diversitätsmanagerin bei Ikea, überzeugt. Aus ihrer Sicht stärkt die Inklusion von Menschen mit Behinderungen Offenheit, Respekt und gegenseitige Unterstützung im Team. Selbst im Design von Produkten und Dienstleistungen könne man entschieden profitieren, betont auch Behindertenrat-Präsident Widl: „Wenn man Menschen mit Behinderungen im Team hat, wenn man beispielsweise Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen entwickelt, ist auch die Qualität des Produkts höher, weil man ja sozusagen die Expertise schon im Team hat.“
Was die Ausgleichstaxe beweckt
Dass die Ausgleichstaxe zu niedrig angesetzt ist, um Unternehmen genügend Anreize zu schaffen, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, darin sind sich alle drei Expert:innen einig. Außerdem habe laut Widl die Ausgleichstaxe einen Konzeptionsfehler, da Österreich hauptsächlich aus KMU besteht und die aktuelle Regelung damit nur rund drei Prozent aller Unternehmen in die Pflicht nimmt.
Deshalb plädiert Widl für eine grundlegende Reform des Systems. Statt wenige größere Unternehmen zur Kasse zu bitten, sollten alle entsprechend ihrer Möglichkeiten einen Solidarbeitrag zahlen. Gleichzeitig könnten Unternehmen, die mehr Menschen mit Behinderungen beschäftigen oder die gesetzlichen Vorgaben sogar übertreffen, stärker belohnt werden. Widl: „Es ist eine gesamtgesellschaftliche und menschenrechtliche Aufgabe, Menschen mit Behinderungen Erwerbsbeteiligung zu ermöglichen.“
Ikea: Anteil fast verdoppelt
Ikea Österreich beschäftigte 2025 118 Menschen mit Behinderungen und lag mit 3,75 Prozent der Belegschaft knapp unter der gesetzlichen Beschäftigungsquote von vier Prozent. Vor ein paar Jahren sah das noch anders aus.
2020 beschäftigte Ikea Österreich gerade einmal 68 Mitarbeitende mit Behinderungen. Um die vier Prozent zu erreichen, setzt Ikea heute unter anderem auf individuelle Arbeitsplatzanpassungen, die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Berufliche Assistenz (NEBA), Sensibilisierungsworkshops, Gebärdensprachkurse und ihr internes Disability-Netzwerk. Für Steger ist Inklusion Teil der Unternehmenskultur: Teams würden dadurch offener, respektvoller und rücksichtsvoller. Zudem dürften Unternehmen Menschen mit Behinderungen nicht als Kund:innengruppe übersehen: „Jede fünfte Person in Österreich hat eine Behinderung."
Post: Es steckt viel Miteinander im Geld
Info
Bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zählt die Österreichische Post zu den Vorreitern in Österreich: Mit 5,2 Prozent übertrifft das mehrheitlich staatliche Unternehmen die gesetzliche Beschäftigungspflicht von vier Prozent.
Diversitätsmanagerin Sabine Weber-Treiber führt das unter anderem auf die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten im Unternehmen zurück. So arbeiten beispielsweise Menschen mit Autismusspektrum in Zustellbasen in der Vorsortierung. Durch die ausgeprägte Affinität zu Zahlen und die oft besonders schnelle Auffassungsgabe würden sie rascher arbeiten als Menschen ohne Spektrum. Auch in den Filialen, in den Logistikzentren, in der Unterbehmenszentrale und in der Distribution sind Menschen mit Gehörlosigkeit, Menschen mit körperlichen oder kognitiven Behinderungen sowie chronischen Krankheiten beschäftigt.
Bundesdienst: Staat als Musterschüler
Während drei Viertel der österreichischen Unternehmen ihre gesetzliche Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderungen nicht erfüllen, zeigt sich im Bundesdienst ein anderes Bild. Laut Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage beschäftigten die Bundesdienststellen im Dezember 2025 3.793 Menschen mit Behinderungen. Durch die doppelte Anrechnung bestimmter Personengruppen, zum Beispiel Rollstuhlfahrer:innen oder blinde Menschen, erhöht sich diese Zahl auf 5.957 anrechenbare Pflichtstellen. Damit übertrifft der Bundesdienst die gesetzliche Pflichtzahl von 5.947 Stellen.
Allerdings zeigt sich bei genauerem Blick ein differenziertes Bild. Während etwa das Finanzministerium (620/434), das Sozialministerium (287/80) oder das Wirtschaftsministerium (83/78) ihre Pflichtstellen deutlich übererfüllen, bleiben andere Ressorts hinter den gesetzlichen Vorgaben zurück. Besonders groß ist die Lücke im Bildungsministerium, das Ende 2025 von 2054 Pflichtstellen nur 727 erreichte. Auch das Innenministerium erfüllte die Vorgaben nicht. Es verfehlte die Pflichtvorgabe um fast 1.000 Stellen. Insgesamt gelingt es dem Bundesdienst dennoch, die gesetzliche Beschäftigungspflicht zu erfüllen, er hebt sich damit deutlich von den meisten Privatunternehmen ab.
Red Bull: Wo kein Wille, da kein Weg
Red Bull unterstützt Leistungssportler:innen mit Behinderungen, das erzeugt auch Sichtbarkeit und Image. Inklusion im eigenen Unternehmen ist allerdings eine Black Box. Auf trend-Anfrage möchte sich der Energydrink-Riese zu Beschäftigungszahlen von Menschen mit Behinderungen nicht äußern - auch zu älteren Zahlen gibt es keine Erklärung.
Laut einer Analyse des Momentum Instituts besetzten die unterschiedlichen Red Bull-Unternehmen in Österreich im Jahr 2020 nur sechs Prozent ihrer Pflichtstellen. Damit gehörten sie zu neun der zehn größten österreichischen Unternehmen, die lieber finanzielle Unkosten in Kauf nahmen, als Menschen mit Behinderungen zu integrieren. Die Entwicklung zeigt, wie begrenzt die Wirkung des aktuellen Systems ist: Laut Zahlen des Sozialministeriums zahlten österreichische Unternehmen im Jahr 2025 insgesamt 357,9 Millionen Euro Ausgleichstaxe.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 17. Juli 2026 erschienen.