
Die Konditormeisterin führt seit Frühjahr 2026 das Schokoladenunternehmen. Zuvor baute sie das Zotter-Schokoladentheater in Shanghai auf.
©ZOTTER SCHOKOLADEN MANUFAKTURSeit wenigen Monaten führt Julia Zotter das steirische Schokoladenunternehmen. Wie die Übergabe gelungen ist und weshalb die neue Chefin bei der weltweiten Expansion vorsichtiger agieren will.
Die Fußstapfen, in die Julia Zotter tritt, sind nicht nur groß, sondern vor allem bunt. Ihr Vater, Schokoladenpionier Josef Zotter, hat mit seinen fair gehandelten und ungewöhnlichen Schokoladenkreationen – Stichwort „Hirn mit Ei“ – nicht nur eines der bekanntesten KMU des Landes aufgebaut, sondern mit seinen stets unterschiedlichen Schuhen und markanten Auftritten selbst zum Markenimage beigetragen. Nun hat sich der exzentrische Chocolatier in den Ruhestand verabschiedet. Tochter Julia hat vor wenigen Monaten die Geschäftsführung übernommen.
Die 38-jährige Zotter hat an der berühmten Pariser Cordon-Bleu-Akademie das Handwerk gelernt und ist seit Jahren im Betrieb aktiv – wie auch ihr Bruder Michael, der für die IT zuständig ist. Das Vorrücken in die erste Reihe sei daher ein reibungsloser Prozess gewesen. „Das Unternehmen ist bereits so, wie mein Bruder und ich es haben wollen“, erklärt die Konditormeisterin.
Aus dem Unternehmen verschwunden ist ihr Vater (noch) nicht. Täglich ist er im Betrieb anzutreffen, die Aufgaben seien aber klar: „Wir haben ein sehr, sehr gutes Arbeitsverhältnis und kommen uns gegenseitig nicht in der Quere. Es gibt zwischen uns nicht diesen Wettbewerbsgedanken, sich profilieren zu müssen.“
Profilieren müssen sich die Zotters in der österreichischen Schokoladenszene ohnehin nicht. Das steirische Unternehmen hat im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von über 40 Millionen Euro erzielt (plus 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Im oststeirischen Riegersburg werden jährlich rund 1.000 Tonnen Schokolade verarbeitet, und die Produktionsstätte besuchen fast 300.000 Interessierte – eines der Erfolgsrezepte der Familie.
Steirisches Marketing
Zotter müsse man verstehen, bevor man im Regal zu den Tafeln greift, erklärt die Jungchefin. Die eigensinnigen Geschmacksrichtungen, die ungewöhnlichen Verpackungen und die kreativen Namen widersprechen vielen klassischen Marketingregeln.
Im sogenannten Schokoladentheater in Bergl in der Gemeinde Riegersburg können die Besucher:innen deshalb den gesamten Herstellungsprozess erleben. „Wer bei uns im Schokoladentheater war, erinnert sich daran. Das ist unser stärkstes Tool.“ Das Ausflugsziel führt zu Stammkund:innen, so die Idee. Aufgrund der geografischen Lage – Bergl ist wahrlich kein Verkehrsknotenpunkt – wird besonders der regionale Markt bespielt. Wenig verwunderlich zeichnet sich dies in den Umsätzen ab: 70 Prozent des Umsatzes entfallen auf Österreich, 23 Prozent auf Deutschland.
Internationale Strategie
International denkt das Unternehmen dennoch seit Langem. Neben dem Onlineshop vertreiben rund 4.000 Verkaufsstellen die Schokolade weltweit. Seit 2014 gibt es außerdem einen nicht produzierenden Standort im chinesischen Shanghai. Dass Julia Zotter den Aufbau in China geleitet und das chinesische Schokoladenmuseum jahrelang geführt hat, lag auf der Hand. Als Oberstufenschülerin verbrachte sie ein Jahr in China.
„Als wir in Shanghai begonnen haben, hat die Welt ganz anders ausgeschaut“, sagt Zotter heute über die China-Expansion. Das Geschäft liefe nach Schwierigkeiten während der Covid-Pandemie wieder stabil, große Wachstumssprünge werden aber keine folgen. Zotter bezeichnet das nicht als Rückschlag, sondern als strategische Notwendigkeit: „Als mittelständisches Unternehmen dürfen wir uns nicht zu sehr international aufstellen. Egal, wie solide das Business im Ausland ist, darauf verlassen darf man sich nicht.“
Ähnlich die Lage in den USA. In den wohlhabenden, europäisch orientierten Küstenregionen gibt es zwar eine zahlungskräftige Zielgruppe für die vergleichsweise teuren steirischen Süßigkeiten, die US-Zollpolitik erschwert jedoch das Geschäft. Der Markt entwickle sich zwar grundsätzlich solide, so Zotter, eine Konsequenz muss sie dennoch ziehen: „In Zukunft werden wir uns weniger auf die internationale Expansion fokussieren.“ Zu unsicher sind der jungen Chefin die Überseegeschäfte, die von ihrem Vater forciert worden sind. Zotter verortet künftige Wachstumsmärkte deutlich stärker im D-A-CH-Raum, vor allem in Deutschland und der Schweiz sieht sie weitere Potenziale.
Kakaopreis-Hoch
Verunsicherung löst auch der Kakaopreis aus. Die Rohstoffkosten sind massiv gestiegen. 2024 überschritt der Weltmarktpreis für Kakaobohnen zeitweise die Marke von 10.000 US-Dollar pro Tonne und erreichte damit historische Höchststände. Seither ist der Preis wieder deutlich gesunken, bleibt aber volatil. Grund dafür sind die Folgen der Klimakrise: Dürren und Pflanzenkrankheiten führen in den Hauptanbaugebieten Afrikas zu weniger ertragreichen Ernten. „Der Kakaopreis ist auf das Doppelte gestiegen, der Preis für Kakaobutter auf das Fünffache“, ordnet Zotter ein und prophezeit, dass der Kakaopreis dauerhaft auf hohem Niveau bleiben werde.
Denn neben den klimabedingten Auswirkungen bedroht vielerorts die Überalterung der Plantagen die Kakaoernten. Jahrzehntelang wurde der Preis am Weltmarkt gedrückt, wurden Investitionen in neue Bäume und in Plantagen verschoben. „Es ist viel zu lange viel zu wenig für Kakao bezahlt worden. Dadurch waren keine Investitionen möglich, auch nicht in neue Kakaobäume“, analysiert Zotter. Die Rechnung zahlen nun die Produzent:innen und die Konsument:innen.
Grüne Transformation
Die Anbausituation verdeutlicht die Wichtigkeit der nachhaltigen Ausrichtung des Unternehmens, ist sich Zotter sicher. Die EU habe dabei eine erhebliche Verantwortung. Sie sei der weltweit größte Importeur von Kakaobohnen, entsprechend groß seien die Marktmacht und die Möglichkeit, zu beeinflussen, wie und unter welchen Bedingungen Kakao angebaut wird, so die Jungchefin.
Zotter spricht sich demnach auch für die von Unternehmer:innen oft kritisierten EU-Richtlinien zu Lieferketten und Entwaldung aus. Trotz des bürokratischen Mehraufwands, den die Gesetze auch für Zotter bedeuten, seien die Maßnahmen notwendig. „Wenn Unternehmen sagen, es wäre unmöglich, Lieferketten zu kontrollieren, sollte man sie auch fragen, ob es für sie unmöglich ist, die Vorlieben ihrer Kunden zu tracken. Denn da funktioniert ja meist eine lückenlose Nachverfolgung“, kritisiert Zotter und verweist beim Thema Nachhaltigkeit auf China. Denn abseits aller berechtigten Kritik an der chinesischen Regierung und des höchsten CO2-Ausstoßes der Welt sei das Tempo der grünen Transformation vorbildhaft für die EU. „Nachhaltigkeit ist dort keine Option. Es wird von der Regierung vorgegeben, und dann gibt es keine Diskussion darüber.“
Wie von ihrem Vater vorgelebt, setzt Zotter strategisch auf Nachhaltigkeit. Eine radikale Wende bringt der Generationenwechsel beim Schokoladenunternehmen also nicht. Neue Akzente setzt sie dennoch: weniger Expansion, stärkerer Fokus auf den D-A-CH-Raum und mehr Fahren auf Sicht.
Dass das Unternehmen wohl noch länger bei vielen Kund:innen stark mit ihrem Vater verknüpft sein wird, lässt die Neochefin kalt. „Ich habe nicht das Gefühl, in Fußstapfen treten zu müssen. Ich mache mir meine eigenen.“ Mit zwei verschiedenen Schuhen wird man Julia Zotter jedenfalls nie antreffen.
Zotter Schokolade
Info
Umsatz 2024/25: 40,4 Mio. Euro, plus 6,9 Prozent ggü. 2023/24
Gewinn: 6,69 Mio. Euro, minus 5,7 Prozent ggü. 2023/24
Mitarbeiter:innen: 207
Umsatzverteilung: 70 Prozent Österreich, 23 Prozent Deutschland, sieben Prozent Rest der Welt
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.