
Valentin Vodev und Valerie Wolff gründeten 2017 Vello. Die Klappräder erobern gerade Mobilitätsnischen in Europa und Asien.
©MICHAEL RAUSCH-SCHOTTIn einer alten Seifenfabrik fabriziert das Wiener Start-up Vello Klappräder und verbindet Design mit urbaner Mobilität. Die Räder sind inzwischen sogar im Fahrradreich China ein Renner.
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Dass China das Fahrradland Nummer eins der Welt ist, stimmt selbst nach vielen Jahren des Autobooms in der Volksrepublik noch immer. Das bestätigt ein Blick auf die Neuverkaufszahlen eindrucksvoll. 143 Millionen Fahrräder wurden 2022 weltweit verkauft, 43 Millionen davon in China. Es gibt dort also so viele Bikes, dass es wohl wirklich niemanden interessiert, wenn einmal eines umfällt.
Valerie Wolff und Valentin Vodev interessiert das allerdings schon. Vor allem, wenn es ein Rad von ihnen ist. Denn China hat sich für das Wiener Duo in den vergangenen Jahren als wichtiger Zielmarkt entpuppt.
Vor fast zehn Jahren gründeten sie die Fahrradmarke Vello. Ihr Produkt: ultraleichte Falträder. Ihr Ziel: ein modernes, urbanes Mobilitätsangebot. Ihr Anspruch: ein grundsolides Fahrrad zu bauen, das – anders als viele seiner Art – auch optisch überzeugt.
Denn ganz ehrlich: Selbst die sündteuren Klapp- und Falträder, die Distinktionsgewinn versprechen, haben ein Problem. Sie sind oft schirch wie die Nacht finster. Vello will das anders machen. Das überrascht nicht, wenn man weiß, dass Vodev in Wien und in London Design studierte und von daher hohe Ansprüche hat: „Design war von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil unserer Philosophie und Strategie.“
Dementsprechend stolz ist man bei Vello auf die eingeheimsten Design-Preise. Red Dot Award, German Design Award, Staatspreis Design. Seit einigen Wochen hat man auch den iF Design Award im Regal stehen, der als eine der wichtigsten und renommiertesten Designauszeichnungen der Welt gilt.
Radfabrik in Wien
Über die Jahre ist man gewachsen. So sehr, dass man mittlerweile am Rande von Meidling, direkt an der Schönbrunner Straße, aber etwas versteckt hinter einer Tankstelle, in einer alten Fabrik werkelt. „Einst wurden hier Seifen hergestellt, jetzt sind wir hier und machen unserer Fahrräder“, erzählt Valentin Vodev. Dem 48-Jährigen merkt man die Freude darüber an, wenn er zeigt, was das 1.000 Quadratmeter große Fabriksgebäude alles so kann. Es dient als kleines Großraumbüro, in dem die Unternehmensgeschicke gelenkt werden. Vertrieb, Marketing, Kundenservice, Einkauf und Auftragsabwicklung sitzen hier Tisch an Tisch.
Gleichzeitig ist das Gebäude ein riesiges Lager. Fahrradteile stapeln sich bis zur denkmalgeschützten Decke. Und natürlich ist die Fabrik auch Produktionsstätte. Hier werden die Klappräder innerhalb von zwei Stunden montiert, mit oder ohne Elektromotor, und dann von Meidling aus in die ganze Welt verschickt. Seit Kurzem übrigens auch Lastenräder.
„Wir sind vor gut zwei Jahren hierher gezogen“, so Vodev. Rund 20 Mitarbeiter:innen arbeiten in der Fabrik, die übrigens ganz unterkellert ist. „Die selbe Fläche wie hier gibt es also auch einen Stock tiefer“, sagt Vodev und klingt dabei durchaus erleichtert. Vielleicht, weil man jetzt einmal in Ruhe weiterwachsen kann, ohne gleich wieder umziehen zu müssen.
Trittfeste Geschäfte
Die Zeichen dafür stehen jedenfalls gut, wie Valerie Wolff erzählt. Im letzten Jahr wurde ein Umsatz von rund vier Millionen Euro erzielt. Mittlerweile betreibt Vello in Wien einen Flagship-Store im siebenten Bezirk, und auch im fünften Bezirk gibt es einen Shop. Ende des Vorjahres kam ein Vello-BrandSpace in Berlin-Mitte dazu. Daneben gibt’s immer wieder Kooperationen mit anderen Unternehmen. Etwa mit dem Luxushotel The Hoxton, für das man eine kleine Lastenradflotte zur Verfügung gestellt hat, mit der Gäste die Stadt erkunden können. Auch im Fanshop der ÖBB ist Vello vertreten. Und: „Für die Vienna Design Week haben wir zuletzt Presseräder zur Verfügung gestellt“, sagt Wolff.
Parallel dazu wurde in den vergangenen Jahren quer durch Europa ein beachtliches Händlernetz aufgebaut. Besonders stark ist Vello neben Österreich in der Schweiz, in Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Ländern vertreten. „Wir haben über 150 Händler weltweit. Das B2B-Geschäft macht rund 60 Prozent unseres Umsatzes aus.“
Besonders gut kommt bei Händlerinnen, Händlern und Kundschaft an, dass die Falträder so konzipiert sind, dass viele handelsübliche Fahrradkomponenten verbaut werden können. „Dieses System erleichtert Reparaturen, aber auch das Customizing. Man muss nicht ewig auf Ersatzteile warten, die nur der Hersteller hat“, erklärt Vodev – ein kleiner Seitenhieb auf manche Mitbewerber.


© beigestellt
Erfolg in China
Rund 4.000 Räder werden im Jahr zusammengebaut. Im Moment haben E-Bikes dabei noch ein bisschen das Nachsehen, aber sie holen Jahr für Jahr auf. Der Großteil der Räder landet in Deutschland. „Das ist momentan unser wichtigster Markt“, sagt Wolff. Aber China nimmt an Bedeutung immer mehr zu. Seit 2025 ist Vello dort aktiv und baute binnen kürzester Zeit seine Präsenz rasch aus. Rund zehn Prozent der Bikes wurden zuletzt dorthin exportiert. Begonnen hat alles im letzten Quartal des Vorjahres. Etwa 400 Stück wurden zunächst geliefert. Mittlerweile ist Vello in mehr als 34 Shops vertreten, unter anderem in Hongkong, Shanghai, Wuhan, Xi’an und Beijing.
„Das Fahrrad hat in China einen besonderen Stellenwert. Es dient auch als Statussymbol. Gleichzeitig wird die Mikromobilität in den Städten neu entdeckt. Neue Radwege entstehen. Dass sich unsere Räder schnell zusammenfalten lassen und kaum Platz brauchen, egal ob im Büro oder in der Wohnung, passt perfekt in diese Lebensentwürfe“, sagt Wolff.
Diese schnelle positive Resonanz hat auch sie überrascht. „In vielen Städten haben sich bereits Fan-Communitys gebildet. Die treffen sich mit ihren Vellos und machen gemeinsame Ausflüge.“
In diesen Fortbewegungskreisen sind Lastenräder und E-Bikes übrigens noch gar nicht so ein großes Thema. Die chinesische Hautevolee tritt noch selbst in die Pedale. „Es rechnet sich, dass wir von Anfang an großen Wert auf Design gelegt haben, denn chinesische Kundinnen und Kunden achten sehr bewusst darauf“, ergänzt Vodev. Sie gelten nämlich als ausgesprochen anspruchsvoll.
Bezahlt wird für die Export-Vellos übrigens ziemlich genau derselbe Preis wie in Europa. So kostet etwa das „Speedster Titan“, Vellos Luxusfalter, der nicht einmal ganz zehn Kilogramm auf die Waage bringt, umgerechnet rund 3.000 Euro. Der Einstiegspreis ins Vello-Universum liegt übrigens bei rund 1.700 Euro.
Zurück zum Ursprung
Dass Räder, die in Wien zusammengebaut werden, ausgerechnet ins Fahrradmekka China exportiert werden, ringt dem Vello-Gründerduo Wolff und Vodev ein Schmunzeln ab. Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, wo all die Teile herkommen, die sich am Firmenareal so türmen. Aus China? „Auch. Die Magneten zum Beispiel, die wir für den Faltmechanismus brauchen. So etwas wird in Europa schlicht nicht produziert. Außerdem stammen viele der verbauten Komponenten von etablierten internationalen Herstellern. Schaltungen von Shimano etwa oder Reifen vom deutschen Hersteller Schwalbe“, erklärt Vodev. Rahmen werden hingegen selbst entwickelt und teils in Europa produziert. Andere Komponenten wie Sattelstützen oder Lenker, ebenfalls Eigenentwicklungen, entstehen wiederum in Ländern wie Thailand oder Taiwan. „Grundsätzlich verfolgen wir die Philosophie, alles, was man für das Rad braucht, möglichst im Umkreis von 500 Kilometern zu beziehen. Aber zu hundert Prozent lässt sich das nicht umsetzen. Vor allem dann nicht, wenn man den Anspruch hat, hochwertige Produkte zu verbauen.“ Am Ende entsteht so ein Fahrrad, das zwar in Wien zusammengebaut wird, aber die Welt im Blick hat.
Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.
