
Erste Group in Polens Hauptstadt Warschau
©Erste GroupDer Commerzbank-Unicredit-Deal tritt in die entscheidende Phase. Heimische Institute wie Bawag, Erste Group oder RBI machten sich durch Übernahmen bereits fit für die Zukunft - ihre Aktien sind auf Rekordkurs.
Im Vergleich zu Andrea Orcel, Boss der Bank-Austria-Mutter Unicredit, hatte Bawag-CEO Anas Abuzaakouk ein leichtes Spiel. Mehr als 90 Prozent der Aktionäre der irischen Bank PTSB haben der Übernahme durch das österreichische Institut innerhalb kurzer Zeit zugestimmt.
Um dem Takeover der Commerzbank in die Nähe zu kommen, brauchte der ehemalige Investmentbanker Orcel bislang fast zwei Jahre. Nun finden aber Gespräche auf politischer Ebene statt. Orcel und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil trafen sich zu Verhandlungen. Die Gespräche trieben den Kurs der Commerzbank Aktie noch weiter in die Höhe. Sie notiert nun bei fast 42 Euro. Ein Plus von 32 Prozent in einem Jahr. Mit der Übernahme durch Unicredit könnte Europas größte Bankenfusion seit Jahrzehnten enstehen.
Der europäische Bankensektor lieferte aber auch als Ganzes Rekorde: Mit einem Anstieg von deutlich über 70 Prozent verbuchten die Bankaktien der Eurozone 2025 das beste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach so einem Jahr wollen Anleger natürlich wissen: Geht die Party bis Ende 2026 ungebremst weiter oder droht Katerstimmung?
Die Experten von Goldman Sachs sehen jedenfalls weiter Luft nach oben für die europäischen Banktitel. Das Gewinnwachstum sollte auch 2026 zweistellig ausfallen. Ein Grund: Banken gelten mittelfristig als große Profiteure der Künstlichen Intelligenz. Laut einer Schätzung von McKinsey könnten durch den gezielten Einsatz von KI innerhalb der nächsten Jahre 20 Prozent der operativen Kosten wegfallen. Aber der Hauptgrund für den anhaltenden Optimismus beruht auf Wachstum durch gezielte Fusionen. Und da sind die heimischen Institute höchst erfolgreich unterwegs.
Die Erste Group Bank hat für die Prognose der Goldmänner bereits den Beweis geliefert. Der Nettogewinn stieg im ersten Halbjahr um 19 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro. Der Gewinnschub ist auf die Übernehme der Santander Bank in Polen zurückzuführen. Der größte Deal der jüngsten Geschichte, für den das Rebranding an einem Wochenende durchgeführt worden ist. Erste-Group-Boss Peter Bosek: „Das war wirklich steil. Wir wollen die Markensichtbarkeit aber noch weiter steigern.“ Auch wenn der Preis mit sieben Milliarden Euro ansehnlich war, dürfte er sich in den kommenden Jahren rentieren.
Die Erste Group will ihren Gewinn je Aktie, ein positives Zinsumfeld vorausgesetzt, bis zum Jahr 2030 auf mehr als 15 Euro verdoppeln. Das bedeutet für Aktionäre einen durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von rund 15 Prozent. Erreicht werden sollen die Ziele durch organisches Wachstum in Zentraleuropa, durch weitere mögliche Zukäufe in Polen und in der restlichen Region sowie durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Auch die Bawag präsentierte vor Kurzem ein starkes Halbjahresergebnis: Der Nettogewinn konnte um 18,7 Prozent auf 487 Millionen Euro gesteigert werden – und das noch ohne die irische PTSB. Dafür schlagen sich der Kauf der niederländischen Knab-Bank und des deutschen Privatkundengeschäfts von Barclays bereits in den Ergebnissen nieder. Weitere Akquisitionen in den kommenden Jahren dürften zudem nicht ausgeschlossen sein. „Wir positionieren uns für zukünftiges organisches und anorganisches Wachstum“, meinte Bankchef Anas Abuzaakouk in einer Aussendung.
Dementsprechend liegt das durchschnittliche Kursziel von 195 Euro klar über dem aktuellen Kurs von 180 Euro. Gut für die Bawag-Aktionäre, aber auch für den Bawag-Boss. CEO Abuzaakouk hat seit Jahresbeginn etwas mehr als 20 Millionen Euro in eigene Papiere investiert. Auch Erste Bank Boss Bosek und weitere Mitglieder des Vorstands haben jüngst durch Aktienkäufe das Vertrauen in den Polen-Deal bekräftigt, sind aber weit von den Beteiligungen der BawagTopcrew entfernt.
Auch die dritte heimische Großbank, die Raiffeisenbank International (RBI), konnte im ersten Halbjahr 2026 ihren Gewinn um ein Viertel auf 708 Millionen Euro steigern – und das ohne Einbezug des Russland-Geschäfts. Dazu beigetragen hat ein starkes Wachstum bei den Kundenkrediten, seit Jahresbeginn legte das Volumen um sechs Prozent auf 107 Milliarden Euro zu. Der neue RBI-Boss Michael Höllerer wird in den kommenden Monaten vor allem mit den Übernahmen der BBVA Garanti in Rumänien und der Addiko-Bank beschäftigt sein. Dem Deal um die Addiko-Bank war eine monatelange Schlacht mit dem slowenischen Konkurrent Nova Ljubljanska Banka (NLB) vorausgegangen.
Das Russland-Geschäft der RBI wird hingegen weiter abgebaut. Und der neue RBI-Boss holt zum Gegenschlag aus. Die RBI hat angekündigt, in Wien eine Schadenersatzklage in Milliardenhöhe gegen die russische Gesellschaft Rasperia einzubringen. Konkret werden 3,15 Milliarden Euro geltend gemacht. Dem jahrelang umkämpften Vorgehen wurde nun von einem russischen Gericht stattgegeben.
Der Markt scheint die positive Entwicklung erahnt zu haben. Die RBI-Aktie hat mit einem Plus von knapp 120 Prozent in einem Jahr die beste Performance der heimischen Bankwerte geliefert, weshalb die Analysten bei ihren Kurseinschätzungen Vorsicht walten lassen.
Anders sieht es hingegen bei den Prognosen für die italienische Unicredit aus. Bei einem aktuellen Kurs um die 80 Euro sind durch den Commerzbank-Deal nun 90 Euro das Ziel. Und das ist erst der Anfang. Unicredit-Boss Orcel, der auch den Beinamen „Shark of Global Finance“ trägt, erhält bei erfolgreicher Übernahme keinen M&A-Bonus. Er verdient am Kursanstieg des Unicredit-Titels. Im Vorjahr erhielt er rund 15 Millionen Euro – den Großteil davon in Aktien, die aber erst nach der Kursentwicklung von acht Jahren ausbezahlt werden. Ein schöner Köder für den Hai der Bankenwelt.
Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 14. August 2026 erschienen und wurde aktualisiert.