Warum Cloudflight trotz KI-Boom an Juniors festhält

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Die Neuen im Cloudflight-Cockpit: Group-CEO André Holhozinskyj und Österreich-Geschäftsführerin Doris Lippert.

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Die Cloudfight-Geschäftsführer Doris Lippert und Andre Holhozinskyj erklären, warum viele Unternehmen mit Geschwindigkeit und Komplexität der KI nicht mitkommen und „KI first“ trotzdem die Losung sein muss.

trend: Sie sind beide relativ neu in einem Unternehmen, das sich strategisch gerade neu ausrichtet: Was ist Ihre Mission bei Cloudflight?

Holhozinskyj: Es ist viel in Bewegung, nicht nur bei uns, sondern auch insgesamt am Markt, und das wird ein dauerhafter Zustand bleiben. Meine Devise ist deshalb, Ruhe und Stabilität ins Unternehmen reinzubringen. Außerdem wissen wir, wohin wir wollen: KI steht im Zentrum unseres Tuns und da schreiten wir mutig voran. Das ist unsere Marschrichtung.

Lippert: Viele Unternehmen bekommen die mit der KI einhergehende Geschwindigkeit und Komplexität nicht auf die Reihe. Da schlägt die Gruppenstrategie hier in Österreich sehr gut an. Bei vielen Themen, die wir bei unseren Kunden adressieren, geht es darum, die Lücke zwischen Vision und Exekution zu schließen. Und da haben wir mit den HTLs in Österreich außerdem einen Standortvorteil. Denn das gibt uns die Möglichkeit, schnell auf Bedarf zu reagieren und diese Talente einzustellen. Wenn sie bei uns einsteigen, haben sie bereits bis zu 10.000 Stunden programmiert und sind damit fast auf einem Senior-Level. Das ist natürlich ein großer Gewinn für das ganze Team. Wir in Österreich sind das Herzstück der Cloudflight-Gruppe und tragen einen Großteil der Entwicklungsleistung bei.

trend: Die KI erlaubt in der Softwareentwicklung riesige Effizienzsprünge, krempelt aber die Jobprofile um. Juniors konkurrieren mit der KI, Junge tun sich schwerer an Jobs zu kommen. Macht Cloudflight das anders?

Lippert: Manche stellen mittlerweile infrage, ob wir wegen der KI überhaupt noch Coder brauchen. Ich sage ja, wir brauchen die qualitativ Besten. Deshalb sind wir sehr stolz auf unseren Cloudflight Coding Contest mit fast 5.000 Teilnehmenden. Wir haben die Spielregeln beim Contest zuletzt allerdings verändert: Wir sehen jetzt, wer mit welchen KI-Tools arbeitet und welche Ergebnisse bekommt, versus die, die nicht mit KI arbeiten.

Holhozinskyj: Ein Zauberstab ist nichts ohne den Zauberer. Wir brauchen die Juniors, denn sie sind die Zauberer, die in ein paar Jahren gut zaubern werden. Deswegen werden wir auch weiterhin auf Ausbildung und Entwicklung junger Entwickler setzen!

Lippert: Wir beobachten, dass es drei Modelle geben wird: Die klassische Entwicklung ohne KI, dazu das Assisted Coding, das nur qualifizierte Coder machen können. Das dritte wird das Agentic Coding sein, wo automatisierter Code erstellt wird. Die Entscheidung, was man wo einsetzen kann, müssen qualifizierte Kräfte fällen und darauf kommt es an.

Manche stellen mittlerweile infrage, ob wir wegen der KI überhaupt noch Coder brauchen. Ich sage ja, wir brauchen die qualitativ Besten.

Doris Lippert

Welche Anpassungen erfordert die strategische Neuausrichtung bei Standorten und Mitarbeitenden? Werden alle regionalen Niederlassungen in Österreich bestehen bleiben?

Holhozinskyj: Unser Fokus liegt auf der DACH-Region, wo die Schweiz gerade stark wächst. Unser Kernstück in DACH wird aber Österreich bleiben. 60 bis 65 Prozent unseres Umsatzes machen wir hier, und dafür brauchen wir die regionalen Standorte: Wir wollen dort sein, wo die Talente und unsere  Kunden sind. Das unterscheidet uns auch von den großen Systemintegratoren. Wir beschäftigen bald 800 Leute und werden die Workforce um zehn Prozent erweitern und das anteilig in Österreich.

Lippert: Wir gehen in Österreich auf einen Wachstumskurs und bauen in gewissen Bereichen stark aus, etwa im neuen Bereich Technology Advisory.

Holhozinskyj: Wir haben schon Ende 2025 begonnen, unsere Technology Advisory aufzubauen, wollen aus Cloudflight aber keine klassische Beratung machen. Im Kern geht es darum, technologische Expertise mit der Business-Seite zu verbinden und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Lösungen in der Praxis andocken können. Wir arbeiten auch deshalb nicht mit einem KI-Playbook, sondern mit einem Business-Playbook.

Lippert: Österreich steht für tiefes Prozesswissen, Handschlagqualität und Vertrauen. Genau diese Werte werden in der KI-Welt immer wichtiger. Deshalb ist „Made in Austria“ für viele Kunden ein Qualitätssiegel. Unser Portfolio beweist das: Da sind zum einen unsere Investitionen und Kooperationen in der Energiewirtschaft im Rahmen unserer Lösung Energy-Node. Auch unsere Plattform health.portal stößt am Markt gerade auf großes Interesse und ist bereits bei mehreren Kunden in Umsetzung. Technologisch ist sie ein Vorreiter und wird die innovative Gesundheitsplattform für Österreich.

Sie haben im Herbst mit dem KI-Berater Paiqo fusioniert. Der Paiqo-Gründer ist CTO der Cloudflight-Gruppe. Wie läuft der Zusammenschluss im Tagesgeschäft, wie weit ist er schon gediehen?

Holhozinskyj: Wir haben dieselbe anpackende Mentalität, wir passen gut zusammen. Bei Veränderungen gibt es in der Belegschaft traditionell auch manchmal Blockaden, das ist menschlich. Nur wenige mögen große Veränderungen. Wenn Teams in Projekten zusammenarbeiten, läuft das aber schon sehr gut. Die offizielle rechtliche Integration haben wir bereits abgeschlossen, an die Marken- und Prozessthemen machen wir uns im Herbst. Kulturell und operativ sind wir aber bereits ein Team.

Lippert: Ich habe in meiner Laufbahn schon viele Change-Projekte erlebt. Was hier bei Cloudflight richtig gut läuft, ist die Kommunikation.

Holhozinskyj: Früher war mehr Silodenken. Heute sind kombinierte Solution Offerings selbstverständlich bei uns. Embedded Software Engineering, E-Commerce, die Datenaufbereitung und agentisches Engineering bieten wir integriert an. Bei den Kunden kommt das gut an, im ersten Quartal stieg der Neukundenanteil von fünf auf 23 Prozent. Sowohl die Kundenzahl als auch die Tickets werden größer.

Lassen Sie uns über KI-Agenten sprechen: Cloudflight hat unlängst in einer Umfrage erhoben, dass 86 Prozent der Unternehmen glauben, dass agentische KI ihr Geschäft grundlegend ändern wird, aber nur elf Prozent sind bei dem Thema in einer fortgeschrittenen Phase. Wo sehen Sie die Ursache für diese Kluft?

Lippert: Viele Unternehmen sind technologisch bereit für den nächsten Schritt. Entscheidend ist jetzt, KI entlang der gesamten Wertschöpfung sinnvoll auszurollen. Dafür braucht es nicht nur Governance, sondern vor allem einen klaren Business Case und den richtigen Kontext. Ein KI-Agent ohne Unternehmenskontext ist wie ein neuer Mitarbeiter ohne Einarbeitung, er kann sein Potenzial gar nicht entfalten. Eine Spar etwa ist sehr weit mit Assistenz-Lösungen, wo der nächste logische Schritt dann die Agenten sind.

Holhozinskyj: Technologie allein reicht nicht. Wer einen überzeugenden Business Case entwickeln will, muss die Fachprozesse, die Branche und die individuellen Herausforderungen des Unternehmens verstehen.

Lippert: Es sind aber nicht nur technische Probleme, die agentische Projekte ausbremsen, es sind auch Legal- und Compliance-Themen. Wir haben eine eigene Legal-Abteilung dafür im Haus, und das spart viel Zeit in der Umsetzung. Weil das Thema komplex ist, beobachten wir im Markt mittlerweile Agentic Washing, also dass von Agenten gesprochen wird, die technisch betrachtet gar keine sind.

Weil Hoffnung und Umsetzung noch so weit auseinanderliegen, kleben sich manche einfach mal das Label „Agentic“ drauf?

Holhozinskyj: Ich bin seit 25 Jahren im Beratungsgeschäft (Anm. Accenture) und sehe in Agentic AI einen echten Wendepunkt. Zum ersten Mal können wir KI so einsetzen, dass daraus messbarer Geschäftsnutzen entsteht. Das verändert aber auch unser eigenes Geschäftsmodell: Wir entwickeln neue kommerzielle Modelle, brauchen andere Kompetenzen und eine andere Art, mit Kunden über Transformation zu sprechen. Deshalb haben wir eine bereichsübergreifende Working Group eingerichtet, um diesen Wandel aktiv mitzugestalten und unseren Kunden einen Schritt voraus zu sein. Mit dieser Herangehensweise planen wir bei Cloudflight dieses Jahr zweistellig zu wachsen.

Lippert: Mut ist das eine, Durchziehen ist das andere. Wir haben beides drauf.

Ich bin seit 25 Jahren im Beratungsgeschäft und sehe in Agentic AI einen echten Wendepunkt. Zum ersten Mal können wir KI so einsetzen, dass daraus messbarer Geschäftsnutzen entsteht.

André Holhozinskyj

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