
Neues zur „Jobkiller-Frage" bei einem Hike in Alpbach: Weil die Datenlage unzureichend ist, sind selbst hochrangige Expert:innen mit Aussagen über die wahre Tragweite der KI-Effekte auf Jobs vorsichtig.
Wie groß ist KI-induzierte Arbeitslosigkeit in Europa eigentlich? In welchen Bereichen können die neuen Technologien Jobzuwächse bringen? Wo schaden sie? Regulieren wir zuviel oder zuwenig, richtig oder falsch?
Die großen Fragen rund um KI und Arbeitsmarkt standen im Zentrum eines Hikes beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach. Fast 60 Wanderer:innen debattierten unter der Leitung von trend-Redakteurin Paula-Marie Pucker.
Einen pessimistischen Ton schlug gleich bei der ersten Hike-Station Tim Crane an, Philosophieprofessor an der Wiener Central European University. Er beobachtet eine Erosion der Fähigkeit zu schreiben und zu lesen, mit unabsehbaren Folgen für das Bildungssystem und in weiterer Folge für die Demokratie. Um gegenzusteuern, brauche es mehr Bewusstsein über die Strukturen: „Die KI befindet sich bereits in den falschen Händen, denken Sie nur an Elon Musk und Donald Trump.“ Optimistisch stimme ihn jedoch die Bereitschaft, auch unter seinen Studierenden, gegen diese Entwicklungen zu protestieren: „Sie beginnen wieder selbst zu denken.“
Einen konkreten Bereich, der von KI gerade grundlegend umgewälzt wird, repräsentierte Paulina Parvanov von Austrian Music Export. In der Musikindustrie werde Recording, also das Aufnahmegeschäft, „nie wieder so sein wie zuvor“, sprach sie etwa die revolutionären Effekte neuer Technologien in den Studios an. Live-Events, ist sie überzeugt, würden dagegen nicht so stark betroffen sein. Wie viel KI in die Kreation und Präsentation von Kunstwerken einfließen darf bzw. soll, und ob es sinnvoll ist, das zu kennzeichnen, war ein weiteres, emotional diskutiertes Thema. Die ab Mitte September auf Spotify eingeführte Kennzeichnung von KI-Songs sieht sie als wichtigen Schritt für eine ohnehin unter finanziellen Druck stehende Musikindustrie.
Zum Kernthema des Hikes, den Effekten von KI auf den Arbeitsmarkt, gab OECD-Expertin Anja Meierkord Input. KI habe größere Effekte auf höher bezahlte Jobs, allerdings mehr als Ergänzung, da in den höher qualifizierten Bereichen auch das Jobwachstum groß sei. Meierkord räumte jedoch ein, dass die Datenlage nicht optimal sei, weil die Technologie extrem große Sprünge mache und Studien oft schon bei ihrer Publikation veraltet seien. „Wir haben bisher auch nur unzureichende Daten über den Einsatz von KI in Unternehmen.“ Die zentrale politische Herausforderung für die Neu- und Weiterqualifizierung von Menschen ist dessen ungeachtet klar: „Wie können wir jede und jeden mit den Fähigkeiten ausstatten, um in der neuen, KI-unterstützten Welt zu bestehen?“
Den Schlusspunkt machte Mario Nava, Generaldirektor für Beschäftigung, Integration und Soziales in der EU-Kommission. Aus den Daten ließe sich bisher „keine massive Disruption des Arbeitsmarktes durch KI“ ablesen, so der Italiener. Die Arbeitslosenraten in den EU-Ländern seien durchwegs einstellig. Knappheiten, etwa bei Fachkräften in bestimmten Berufen, blieben das herausforderndere Thema. Der Schwerpunkt werde deshalb auf die Aktivierung jener 50 Millionen Europäer:innen liegen müssen, die aus anderen Gründen als mangelnder Qualifikation nicht am Arbeitsmarkt tätig sind, „zum Beispiel weil sie reich oder faul sind“, wie Nava pointiert sagte. Ob KI dieses Problem in irgendeiner Weise lösen kann – dazu gab es jedoch keine Auskunft.