Europas digitale Emanzipation

In Kooperation mit Fabasoft.
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Geopolitische Krisen und fatale Abhängigkeiten in der IT machen das Streben nach digitaler Souveränität zu einem europäischen Schlüsselprojekt.

Gute Beziehungen können sich über Nacht ins Gegenteil verwandeln. Das mussten Unternehmen und Organisationen bei ihren IT-Lieferanten zuletzt häufiger zur Kenntnis nehmen. Es sind nicht nur geopolitische Dynamiken, die diese Abhängigkeiten deutlich machen. Auch das rücksichtslose Ausnutzen marktbeherrschender Positionen führt Betroffenen schmerzlich vor Augen, wie wenig bislang über tragfähige Alternativen nachgedacht wird.

Das Ausgeliefertsein kann aber auch in anderer Form daherkommen: Am 12. Juni wurde ein KI-Modell des US-Anbieters Anthropic mit einer Exportsperre belegt: Technologie als Politikum. Ereignisse wie diese haben die Bewusstseinsbildung weit in die Gesellschaft hineingetragen und beschäftigen längst nicht mehr nur IT-Verantwortliche.

Anfang Juni hat die EU-Kommission ein Paket zur technologischen Souveränität vorgelegt, das die Autonomie bei Chips, Cloud, KI und Open Source vorantreiben soll. „Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die unsere Krankenhäuser und Energienetze am Laufen halten, von anderen abhängig zu sein. Es geht darum, unsere Bürger zu schützen, unsere Interessen zu verteidigen und unsere eigenen Entscheidungen zu treffen“, sagte Ursula von der Leyen. 

Lokale KI-Zentren sollen die europäische KI-Infrastruktur stärken, der europäische Marktanteil bei Halbleitern mit dem Ausbau der Fertigungskapazitäten steigen und der IT-Einkauf der öffentlichen Verwaltung ebenfalls „europäischer“ ausgerichtet werden. Sensible Daten sollten nicht mehr automatisch auf US-Clouds wandern. 

Der österreichische Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll hat sich im Staatenverbund als einer der Vorkämpfer positioniert und fordert Nachschärfungen, etwa dass europäische Anbieter bei öffentlichen Aufträgen gezielt gestärkt werden. Ein maßvoller Protektionismus in digitalen Angelegenheiten wäre für Europa wie für Unternehmen und Organisationen ratsam, findet auch Björn Fanta, Geschäftsführer der Fabasoft Research. Er kennt nicht nur die unternehmerische Perspektive, über seine Arbeit in der Digitalpolitik bringt Fanta eine weitere Dimension ein – die der digitalen Verantwortung: „Es geht darum, digitale Technologien wie KI so einzusetzen, dass sie den maximalen gesellschaftlichen Nutzen stiften und gleichzeitig Risiken wie Datenmissbrauch und Desinformation minimieren. Diese Verantwortung wird erst dann verbindlich, wenn sie auf einem durchsetzbaren Rechtsrahmen basiert. Werte allein reichen nicht aus, entscheidend ist, dass User ihre Rechte gegenüber einem Anbieter durchsetzen können. Das setzt voraus, dass beide derselben Rechtsordnung unterliegen.“ 

Diese Annahme ist unter der aktuellen US-Präsidentschaft keine Selbstverständlichkeit mehr.

„Digitale Verantwortung bedeutet, Exitstrategien mitzudenken“

Warum digitale Souveränität über eine rein technische Konfiguration hinaus betrachtet werden muss, jeder Kill Switch anders daherkommt und digitale Verantwortung gefragt ist, weiß Björn Fanta von der Fabasoft Research.

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Björn Fanta ist Geschäftsführer der Fabasoft Research GmbH und koordiniert die Forschungsprojekte und -kooperationen. Dort bewegt er sich an der Schnittstelle von Technologie, Forschung und Digitalpolitik und ist auch ETSI-Delegierter für Cybersicherheit und KI, Mitglied der ENISA-Arbeitsgruppe für Standardisierung sowie Vertreter in der Alliance for Industrial Data, Edge and Cloud der EU-Kommission.

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Die Bewusstseinsbildung bei digitaler Souveränität ist weit fortgeschritten: Die Politik bemüht sich, Unternehmen bilden Initiativen. Auf der Welle reiten mittlerweile aber auch Anbieter, die das als Label nützen und damit Souveränitäts-Washing betreiben. Worauf sollten Kunden achten? 

BJÖRN FANTA

Der entscheidende Unterschied ist: Souveränität ist keine Konfiguration. Sie ist Struktur. Viele Provider bieten zwar Cloud-Dienste in der EU an, arbeiten mit lokalen Partnern oder Treuhändern und erfüllen europäische Compliance-Vorgaben. Doch letztlich unterliegen diese Anbieter durch den Hauptsitz der Muttergesellschaft weiterhin fremden Gesetzen wie dem US-Cloud-Act. Solche „Konfigurationen“ können sich ändern – etwa durch neue politische Vorgaben. Beim strukturellen Modell ist das nicht möglich: Anbieter, die in Europa gegründet und ansässig sind, unterliegen ausschließlich europäischem Recht. Das lässt sich nicht einfach umgehen oder „wegkonfigurieren“.

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Anlässe, sich Sorgen über einseitige digitale Abhängigkeit zu machen, häufen sich: Vor gut einem Jahr wurde das Konto des Chefanklägers des Internationalen Gerichtshofs gesperrt, im Juni nun ein KI-Modell wochenlang blockiert. Was lehren uns diese Vorfälle?

BJÖRN FANTA

Das zweite Ereignis war ein heißes Diskussionsthema beim European Sovereign Cloud Day Ende Juni in Brüssel. Technisch gesehen war der Fall harmlos – der Anbieter konnte schnell eines seiner anderen KI-Modelle als Fallback einsetzen, der Betrieb lief weiter. Aber der glimpfliche Ausgang darf nicht zu dem Schluss führen, dass sich jeder künftige Kill Switch so einfach lösen lässt. Es gibt verschiedene Fälle bzw. Ursachen: von sofortiger Abschaltung ohne Vorwarnung über mittel- bis längerfristige Szenarien, etwa bei Lizenzänderungen, Marktaustritt oder regulatorischen Neuerungen. Digitale Souveränität entsteht nicht automatisch durch Verwendung europäischer Anbieter oder Werkzeuge. Sie beginnt mit Transparenz über folgende Aspekte: Von welchen Cloud- oder KI-Anbietern hängen wir ab? Welche Geschäftsprozesse wären betroffen und welche Risiken damit verbunden? Und welche Ausstiegsszenarien gibt es?

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Sie empfehlen, die Lieferantenbeziehungen einer Risikobewertung zu unterziehen und gegebenenfalls Alternativszenarien zu planen? 

BJÖRN FANTA

Wichtig ist, digitale Verantwortung und Souveränität nicht als abstrakte Prinzipien zu betrachten, sondern als konkrete Entscheidungsfrage: Was passiert mit meinen Daten und Systemen, wenn ein Anbieter – aus welchem Grund auch immer – heute Nacht den Zugang sperren müsste? Wenn es dazu keine eindeutige Antwort gibt, dann ist es empfehlenswert, eine Zusammenarbeit kritisch zu hinterfragen. Neben Leistungsfähigkeit zählen auch die Unabhängigkeit und Resilienz eines Systems. Digitale Verantwortung beginnt nicht mit Technologie. Sie beginnt mit der Entscheidung, wem wir unsere digitale Zukunft anvertrauen.

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Als Vertreter eines europäischen Softwareherstellers könnte man Ihnen dieses Plädoyer für digitale Souveränität auch als Protektionismus auslegen.

BJÖRN FANTA

Protektionismus schützt Industrien. Wovon ich spreche, schützt Menschen und Organisationen. Natürlich haben wir als europäischer Anbieter ein Interesse daran, dass diese Debatte geführt wird. Unternehmen steuern heute ihre Lieferketten, ihre Energieversorgung und ihre Finanzierungsrisiken sehr genau. Digitale Abhängigkeiten gehören genauso auf die Agenda. Wer nicht weiß, von welchen Plattformen und KI-Diensten seine Geschäftsprozesse abhängen, trägt ein Risiko, das er kaum steuern kann. Digitale Verantwortung bedeutet deshalb auch, Exitstrategien mitzudenken – nicht aus Misstrauen, sondern aus unternehmerischer Vorsicht. Der „Kill Switch“ vom 12. Juni 2026 hat gezeigt, wie schnell regulatorische Entwicklungen außerhalb unseres eigenen Rechtsraumes Auswirkungen auf unsere europäischen digitalen Dienste haben können. 

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