Politik Backstage: Reformpartnerschaft ohne Partner

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Für das präferierte Modell der Expertenkommission zur Heeresreform (r.: Vorsitzender Erwin Hameseder) kann sich nur die ÖVP (l.: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner) erwärmen.

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Seit Wochen herrscht an der Wehrdienstreform-Front Stillstand - mit wenig Aussicht auf Bewegung. Das ultimative Prestigeprojekt der Regierung, der Start einer Gesundheits- und Bildungsreform noch vor der Sommerpause, droht überhaupt zu scheitern.

Erwin Hameseder, seit Jahrzehnten Manager im Raiffeisen-Reich, tut sich schwer mit Niederlagen – auch wenn diese in seinen Augen nur kurzfristige Rückschläge auf dem Weg zum Sieg sein können.

Als Raiffeisen-Generalanwalt, Obmann der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien und Aufsichtsratschef der Raiffeisen Bank International zieht er bis heute die Fäden lieber im Hintergrund. An einer Front kann Hameseder, der Ende Mai seinen 70. Geburtstag feiert, aber das Licht der Öffentlichkeit ab und an nicht vermeiden.

Seit der gelernte Bundesheer-Offizier vor zehn Jahren vom roten Heeresminister Gerald Klug zum Milizbeauftragten des Bundesheeres befördert wurde, kämpft er auch öffentlich für eine Aufwertung des Milizgedankens. Zu seinem jüngsten einschlägigen Termin in der Rossauer Kaserne rückte er aber mit sehr gemischten Gefühlen ein. Im Beisein von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner traf Hameseder Mitte April auf die Wehrsprecher der fünf Parlamentsparteien.

Seit Sommer des Vorjahrs hatte der Raiffeisen-Grande im Auftrag der Regierung als Chef einer Expertenkommission an einer Wehrdienstreform getüftelt. Zu Jahresbeginn legte die Kommission ihr Wunschmodell vor: Acht statt bisher sechs Monate Wehrdienst plus zwei Monate Milizübungen. Gleichzeitig soll der Zivildienst von neun auf zwölf Monate verlängert werden, um angesichts eines empfindlich längeren Wehrdienstes eine Fluchtwelle Richtung Wehrersatzdienst zu verhindern.

Dieses „Österreich-Modell“ fand bislang freilich nur bei ÖVP und FPÖ uneingeschränkt Gefallen. In der SPÖ machte sich umgehend Sympathie für ein abgespecktes Modell sechs plus zwei breit: also die Länge des Wehrdienstes und des Zivildienstes zu belassen und allein zwei Milizdienst-Monate, wochenweise über mehrere Jahre verteilt, an den Grundwehrdienst anzuhängen.

Bei den Neos formierten sich zwei Gruppen: Wehrsprecher Douglas Hoyos und Parteichefin Beate Meinl-Reisinger wollen zuerst eine Ausbildungsreform gesichert sehen und dann weiterreden. Klubchef Yannick Shetty lehnt jede Wehrdienstverlängerung kategorisch ab und macht, unterstützt von großen Teilen des pinken Klubs, unverdrossen für ein Berufsheer mobil. Das entspricht zwar auf Punkt und Beistrich dem Neos-Parteiprogramm, „ist aber als einzige Position in Verhandlungen eine Provokation“, sagt ein ÖVP-Stratege. „Mit der Volksabstimmung 2013 gegen ein Berufsheer ist dieses Kapitel auf länger politisch geschlossen.”

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Geheimgipfel Tanner-Hameseder

Mit der für Freund und Feind überfallsartigen Ankündigung von Christian Stocker, die Wehr- und Zivildienstverlängerung einer Volksbefragung zu unterwerfen, brachte der ÖVP-Kanzler nicht nur die Koalitionspartner, sondern auch Parteifreund Hameseder gegen sich auf. Dieser nahm drei Monate und mehrere fruchtlose innerkoalitionäre Verhandlungsrunden später jüngst einen neuen Anlauf, um die abseits der ÖVP widerspenstigen Wehrsprecher für seinen Verlängerungsplan zu erwärmen. Das war bislang einmal mehr ein Schuss in den Ofen.

In der Kommandozentrale des Tanner-Ministeriums startet man daher dieser Tage damit, die Wehrsprecher der Opposition auf Bündnistauglichkeit für den innerkoalitionären Infight abzutesten. Die Grünen sind „für eine plumpe Verlängerung“ nicht zu haben, aber gesprächsbereit vor allem, wenn es um ein Aus des Leerlaufs für Rekruten geht. Die FPÖ hat überraschenderweise bislang null Einwände gegen das Hameseder-Modell artikuliert. „Dass die ÖVP in dieser Frage die gemeinsame Mehrheit mit der FPÖ auch nur für die Durchsetzung einer Volksbefragung nützt, würde die Koalition sprengen“, sagt ein maßgeblicher ÖVP-Mann.

In den kommenden Wochen sind daher bestenfalls neue Winkelzüge, aber kein Durchbruch an der Wehrdienstfront zu erwarten. „Wir sind in einem taktischen Dilemma, weil derzeit allein die ÖVP hinter dem Modell der Wehrdienstkommission steht“, so ein schwarz-türkiser Stratege.

SPÖ-Absage an Gesundheitsreform: „Zu unterschiedliche Parteien“

„Ein Ja zur Finanzierung aus einer Hand etwa ist von allen drei Regierungspartnern und auch den Länderchefs leicht zu haben. Die Meinungen gehen aber auseinander, wenn es darum geht, aus welcher Hand diese Finanzierung erfolgen soll“, so ein ÖVP-Verhandlungsinsider.

Auch ein SPÖ-Spitzenmann erteilte dieser Tage allen Erwartungen, dass der angekündigte und vielfach erwartete große Reformschub in den kommenden Monaten noch kommen könnte, eine klare Absage. „Wir werden nicht die größte Gesundheitsreform aller Zeiten machen. Dazu sind wir zu unterschiedliche Parteien“, ließ der rote Spitzenpolitiker in kleinem Kreis kürzlich wissen. Statt für große Würfe könnten sich die Sozialdemokraten nur für kleine Schritte erwärmen – etwa ein Comeback der Überweisungspflicht durch den Hausarzt vor dem Gang zum Facharzt.

Diese jahrzehntelang bestehende Hürde wurde mit Einführung der E-Card 2005 flächendeckend abgebaut. Von der Wiedererrichtung erwarten sich Gesundheitspolitiker eine bessere Lenkung der Patientenströme, weil Analysen ergaben, dass eine Zugangskontrolle zur Facharztuntersuchung Einsparungen ohne Qualitätsverluste bringe.

Mit 1. Juli übergibt Tirol in knapp zwei Monaten den Vorsitz in der Landeshauptleutekonferenz an das westliche Nachbarland. Vorarlbergs Markus Wallner und Tirols Anton Mattle hatten sich schon vorab für eine reibungslose Übergabe abgestimmt. Sie brachten Anfang des Jahres mit einem gemeinsamen Positionspapier Schwung in den bis dahin lahmenden Reformprozess.

Mattle ließ zugleich aber parteiintern schon vor Wochen vergeblich vor einem falschem Erwartungsmanagement warnen, berichtet ein teilnehmender Beobachter. „Statt seitens der Regierung eine Deadline mit Juni für eine politische Einigung bei der Reformpartnerschaft auszurufen, hätten wir besser den Ball flach halten sollen.“ Stattdessen hätte alle Energie darauf verwendet werden sollen, vielleicht doch noch „mit einer Einigung zu überraschen“.

Wenige Wochen vor der vom Kanzleramt ausgerufenen Deadline im Juni für eine politische Einigung droht nun breit sichtbar zu werden: Der große Wurf der Reformpartner bleibt mangels Partner weiterhin ein Wunschkonzert – ohne realistische Aussicht auf eine Partitur.

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