
Schwarz-türkise Selbstfindung: Ort des ÖVP-Geheimtreffens in der letzten Augustwoche: das Springer-Schlössl in Wien-Meidling.
©APA-Images / APA / ANDREAS PESSENLEHNERDesaster-Performance bei Wehrdienst und Dürrehilfe, einbrechende Umfragen, nervöse Landeschefs – die Dreierkoalition startet nach einem auch politisch katastrophalen Sommer in den Herbst. Gute Vorsätze für mehr demonstrative Gemeinsamkeit schlagen sich mit dem steigenden Druck für ein schärferes Profil in allen drei Parteien.
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In der Tivoligasse, einer verkehrsberuhigten bürgerlichen Wohngegend in Wien-Meidling, herrschte am letzten Mittwoch im August kurz vor Mittag ein hohes Aufkommen an BMW- und Audi-Limousinen. Die rund zwei Dutzend Fahrzeuge mit verdunkelten Fensterscheiben hatten alle ein Ziel: das Springer-Schlössl, ein Seminarhotel im Besitz der ÖVP.
Die neun ÖVP-Regierungsmitglieder, sechs Bünde-Obleute sowie die Spitzen des ÖVP-Parlamentsklubs zogen sich hierher zu einer Klausurtagung zurück. Die Einladung zu diesem informellen Treffen war erst Ende Juli ergangen. Die ganze Regierung hatte gerade besonders spannungsreiche Wochen hinter sich. Das hatte nicht nur an den Nerven gezerrt. Die Koalition stand damals wegen des Powerplays um die Wehrdienstverlängerung ein Wochenende lang auf der Kippe. So nahe am Crash wie jüngst war die Dreierkoalition noch nie, so der Befund aus allen drei Regierungslagern.
Dass sich bald danach, angefacht vom SPÖ-Junktim mit dem Klimaschutzgesetz, zudem auch ÖVP-Bauern- und ÖVP-Wirtschaftsbund wegen der Dürrehilfe erbittert in den Haaren liegen würden, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Ein zunehmend öffentlich ausgetragener Konflikt, der sich über Wochen zog, weil die Verhandlungsführung zu lange der zweiten und dritten Reihe überlassen worden war. Erst als sich tagelang negative Schlagzeilen auf den Titelseiten breitmachten, griff Bundeskanzler Christian Stocker zum Handy, um in einem Telefonat mit Andreas Babler einen Kompromiss anzubieten.
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ÖVP-Geheimklausur zum Dampfablassen
Stocker hatte den engsten ÖVP-Führungskreis an diesem Mittwoch Ende August für 12.30 Uhr in das Springer-Schlössl also auch geladen, um Zeit und Raum für eine offene Aussprache zu geben. Erst im Laufe des Nachmittags widmete sich die Runde dem offiziellen Motto, der politischen Herbstarbeit. „Wir hatten da einiges emotional aufzuarbeiten“, resümiert ein Teilnehmer.
Eines der Ergebnisse ist ein nicht ganz neuer Vorsatz: „Wir müssen als Regierung, aber auch als Partei unsere Arbeitsweise ändern. Bei der Dürrehilfe wurde geradezu zelebriert, dass wir noch keine Einigung hatten.“ Vor allem der SPÖ wird von beiden bürgerlichen Parteien nachgetragen, „dass sie eine Naturkatastrophe mit Parteipolitik aufgeladen hat“. Sukkus, so ein Spitzen-ÖVPler: „Wir brauchen ein Commitment, dass sich so eine Vorgangsweise nicht wiederholen darf. Es kann bei allen Unterschieden doch niemand in der Regierung wollen, dass die SPÖ bald unter 15 Prozent hinter den Grünen auf dem vierten Platz aller fünf Parlamentsparteien landet und die Neos, derzeit gerade noch bei sieben Prozent, bei der nächsten Wahl um den Wiedereinzug in den Nationalrat zittern müssen.“
Christian Stocker hatte am Tag dieser parteiinternen Aussprache gerade sein letztes österreichweites Bürgergespräch, diesmal unfallfrei, hinter sich und seine Sommergespräche im ORF sowie in einigen anderen Medien noch vor sich. Das dringende Begehren nach einem neuen Commitment mit Andreas Babler und Beate Meinl-Reisinger zu einer weniger selbstzerstörerischen Regierungsarbeit war so auch aus Zeitgründen noch auf der Wunschliste. „Die Voraussetzungen dafür, mehr das Gemeinsame in den Blick zu nehmen, waren schon besser“, analysiert ein teilnehmender Beobachter, „der Druck ist in allen drei Parteien größer denn je, mehr Profil zu zeigen.“
Stocker, Babler und Meinl-Reisinger auch parteiintern angezählt
Denn in allen drei Lagern werden die Parteispitzen immer offener kritisch ins Visier genommen. In der SPÖ hat das seit Amtsantritt von Andreas Babler bereits Tradition. Die Kritik nimmt aber angesichts des neuerlichen Verfalls in den Umfragen wieder an Schärfe zu. Dieser Tage lotet das in beinahe allen Bundesländern immer breitere Feld der Babler-Kritiker neue Strategien aus, um den Parteichef, der sich via Mitgliedervotum einzementiert hat, beizeiten doch noch aushebeln zu können.
Bei den Neos muss sich die umtriebige Außenministerin Beate Meinl-Reisinger immer lauter nachsagen lassen, ihren Job als Parteichefin zu vernachlässigen und pinkintern die Zügel schleifen zu lassen.
Christian Stocker stand wegen seines Einspringens als Nothelfer nach dem überfallsartigen Abgang von Karl Nehammer als Parteichef lange unter Welpenschutz. Nachdem sich der Buddha vom Ballhausplatz vom Wehrdienst-Fiasko bis zum missglückten Kinderbetreuungssager aber bereits mehrere Blößen gegeben hat, gilt er auch ÖVP-intern nicht mehr als sakrosankt. „Stocker hätte im Sommer beim peinlichen öffentlichen Streit um die Dürrehilfe viel früher eingreifen müssen und sollte generell mehr Leadership zeigen“, proklamiert ein führender ÖVP-Bundesländer-Funktionär.
Ein Befund ist dieser Tage sowohl im Regierungsviertel in Wien als auch aus den Schaltzentralen der Regierungsparteien in den Bundesländern auszumachen. „Die Nervosität nimmt wegen der grottenschlechten Performance der Regierung in den Sommermonaten und der weiter einbrechenden Umfragen in allen Lagern massiv zu“, sagt ein Politikstratege.
Ringen um Sozialhilfekürzung, vor Aus für Bundesstaatsanwalt
Die Probe aufs Exempel, ob das ungleiche Trio nach dem Dürre-Desaster die nächste Herausforderung besser schafft, steht schon demnächst ins Haus. Sowohl ÖVP als auch Neos wollen in den kommenden Wochen beim Reizthema Steuergeld für Migranten Gas geben. „Die Reform der Sozialhilfe ist überfällig. Wir haben auf der einen Seite derzeit aber mit Korinna Schumann eine SPÖ-Sozialministerin, die nur mauert und blockiert“, sagt ein pinker Spitzenmann, „auf der anderen Seite haben wir mit Claudia Bauer eine ÖVP-Integrationsministerin, die nur redet, aber nix tut.“
Wie auch immer: Auch in der ÖVP wurde Tempomachen in Sachen Reform bei der Sozialhilfe bei der Klausur der ÖVP-Spitzen Ende August auf die To-do-Liste gesetzt. In Oberösterreich wird das populäre Thema schon für den Landtagswahlkampf aufbereitet. Stoßrichtung des schwarz-türkisen Propagandafeldzugs: Während das schwarz-blau geführte Oberösterreich aufgrund eines bereits beschlossenen Kürzungsprogramms nur noch 32 Millionen Euro für die bedarfsorientierte Mindestsicherung ausgibt, wende das rot-pinke Wien wegen einer nach wie vor großzügigeren Regelung bereits knapp eine Milliarde Euro für Sozialhilfe auf. Das sind rund drei Viertel der gesamtösterreichischen Ausgaben. Populistische Parole des türkis-schwarzen Vorstoßes: Österreich muss wieder mehr wie Oberösterreich werden. „Da wird es noch mehr politische Balanceakte brauchen, um dieses Minenfeld halbwegs unbeschädigt hinter sich zu lassen“, sagt ein in die Verhandlungen involvierter Spitzenbeamter.
Zunehmend absehbar ist, dass die Dreierkoalition nicht mehr allzu viel Energie in ein bereits unter Türkis-Grün gescheitertes Prestigeprojekt in der Justizpolitik stecken will. Türkis-Rot-Pink hatte zwar angekündigt, die liegen gebliebene Reform der Weisungskette in der Justiz rasch umzusetzen. Das von Justizministerin Anna Sporrer vorgelegte Modell einer Bundesstaatsanwaltschaft ist aber bei so gut wie allen akademischen Experten und praktisch Betroffenen in der Justiz krachend durchgefallen.
Unter vier Augen lassen auch in Sporrers Partei Justizkenner kein gutes Haar am Vorschlag, wie die bisher bei der Ressortchefin endende Weisungskette durch einen Dreiersenat ersetzt werden soll. Die vernichtende Kritik setzt beim Bestellmodus ein: Dass drei Bundesstaatsanwälte just in Zeiten einer Dreier-Koalition bestellt werden, berge in sich vom Start weg den Keim des Proporzes. Zudem könne das Personalpaket nur als Ganzes vom Parlament angenommen oder verworfen werden, was ebenfalls zur Packelei einlade. Last, but not least, so die Kritiker, sei die Funktionsperiode der Bundesstaatsanwälte mit sechs Jahren verdächtig synchron mit den fünf Jahren der jeweiligen Parlamentsmehrheit.
Will die Regierung ihr auf breiter Ebene durchgefallenes Reformmodell dennoch umsetzen, bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit – nachdem die FPÖ bereits abgewunken hat, also die Zustimmung der grünen Opposition. Die Grünen haben freilich weitreichende Änderungswünsche, die sich im Kern mit der breiten Kritik am Entwurf decken. Ex-Ministerin und Justizsprecherin Alma Zadić wurde aber erst fünf Tage vor Ablauf der Begutachtungsfrist erstmals von ihrer SPÖ-Nachfolgerin kontaktiert. „Offenbar glaubt auch die Justizministerin an ihren Entwurf nicht mehr“, kommentiert eine Parteifreundin trocken. „Wir haben uns schon sehr bewegt. Ich sehe daher keinen Bewegungsspielraum für Verhandlungen mehr“, sagt ein ÖVP-Spitzenmann. Allein der kleinste Koalitionspartner gibt sich noch kämpferisch.
Da wie dort stellen sich immer mehr Beteiligte in Sachen Bundesstaatsanwaltschaft auf ein Begräbnis erster Klasse ein. Im Regierungsviertel, so ein Stratege, dominiert längst der politische Überlebenskampf der Regierung die Agenda: „Mit diesem Thema ist so oder so bei der breiten Wählerschaft kein Blumentopf zu gewinnen.“