Jean Asselborn Richtung USA: „Absoluter Quatsch"

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Jean Asselborn, 77, will die Rechtspopulisten nicht „mit ihren Lügen durchkommen" lassen.
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Was der Rekord-Außenminister vom USA-Iran-Deal hält, wann Sebastian Kurz zum Rechtsaußen-Politiker wurde - und zu wem er als Luxemburger bei der Fußball-WM hält.

trend: Wie bewerten Sie den jüngsten Friedensdeal zwischen den USA und Iran? (Das Gespräch fand am 17. Juni 2026 im Schloss Schönbrunn statt, Anm.)

Jean Asselborn: Es ist immerhin schon positiv, dass nun im Prinzip 60 Tage lang keine Bomben fallen sollen und die Diplomatie wieder Fuß gefasst zu haben scheint. Im Vergleich mit dem Iran-Abkommen 2015 ist es aber ein Rückschritt. Das Pulverfass Nahost ist explosiver geworden, die Israelis nicht sicherer, die Iraner nicht freier. Das iranische Volk hat innerhalb kurzer Zeit zweimal gelitten: Anfang Jänner, als bis zu 40.000 Menschen vom eigenen Regime erschossen wurden, und jetzt, wo das Regime durch das Abkommen mit den USA bestätigt wird.

Bei Ihrem Vortrag im Rahmen der Coface Country Risk Conference haben Sie im Titel die Frage gestellt, ob Europa zivilisatorisch gefährdet ist. Eine Anspielung auf das, was US-Vizepräsident J.D. Vance 2025 bei der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt hat?

Ja. Und was Vance gesagt hat, war absoluter Quatsch. Wenn irgend jemand zivilisatorisch gefährdet ist, dann die USA unter Trump. Er will keine internationale Zusammenarbeit und hat im Interview mit der „New York Times“ sogar gesagt, dass er kein internationales Recht braucht, es reiche sein eigenes Urteilsvermögen. Trump hätte Makler bleiben sollen, dann ginge es der Welt besser.

Sie können sich als Ex-Politiker solche Worte leisten. Die derzeit amtierenden EU-Politiker katzbuckeln jedoch, der deutsche Kanzler Merz hat dem US-Präsidenten beim G7-Gipfel soeben ein deutsches Nationaltrikot mit dem Namen Trump überreicht. Muss das sein?

Wir brauchen nicht Trump, aber wir brauchen Amerika. Natürlich will keiner katzbuckeln. Ich kann aber nicht kritisieren, wenn zum Beispiel Emmanuel Macron Trump am Ende des Gipfels ins Schloss Versailles einlädt, wo es viele Spiegel und viel Gold gibt …

Wofür brauchen wir Amerika?

Für eine Friedenslösung in der Ukraine. Das ist europäisches Territorium, und ohne die USA kriegen wir das nicht hin. Davor müssen die Amerikaner aber einsehen, dass es in diesem Krieg keine zwei Sichtweisen gibt. Es gibt den Angreifer, Russland, und es gibt das Opfer, die Ukraine. Wenn das einmal verstanden wird, gibt es gute Chancen, auch Putin an den Verhandlungstisch zu bringen.

Sie meinen, Putin lässt sich von den Amerikanern beeindrucken?

Das Problem ist, dass Putin weiß, es könnte mit ihm vorbei sein, wenn der Krieg vorbei ist. Auch die ganze russische Wirtschaft ist inzwischen nur auf Kriegswirtschaft umgestellt.

Dass Europa von den MAGA-Leuten auf der einen Seite, von Putin auf der anderen Seite zeitgleich in die Zange genommen wird und zu schwächen versucht wird – wie ­vielen Europäern ist das klar?

Dass Amerika – der Stern, der uns immer ­verteidigt hat – den Westen eigentlich überhaupt nicht mehr will und sogar zerstören will, ist natürlich etwas, das nicht einfach zu begreifen ist. Zu Putin erzähle ich Ihnen eine eigene Geschichte. Wir waren als Vertreter der EU am 9. Mai 2005 bei der Militärparade in Moskau, Jean-Claude Juncker, Javier Solana, ich, auch die Amerikaner. Es wurde ein Vertrag unterzeichnet, darin ging es um Überflüge in Sibirien, um Bildungspolitik, um Kulturpolitik, um Außen- und Sicherheitspolitik. Und dann sagte Putin an einem der runden Tische – damals hatte er noch keine langen, eckigen –, dass die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts nicht der Zweite Weltkrieg ist, sondern der Zusammenbruch der Sowjetunion 1989. Damals konnte man also schon ahnen, worauf er hinauswill.

In seinen Weg gestellt hat sich kaum wer.

Putin rechnete damit, dass die Europäer Russland brauchen, und er begann zu spalten. Zunächst mit Orbán, und er dachte, wenn es mit Orbán geht, geht es auch mit den anderen. Dann kam die Krim 2014, und dann eben 2022. Selbst für mich ist das alles noch zu nah, um es zu begreifen. Lawrow, der russische Außenminister, ist an meinem Geburtstag sogar in meinen Heimatort gekommen.

Die friedensverwöhnten Europäer müssen nun sogar über eine eigene Nato nachdenken …

Ich glaube nicht, dass die Amerikaner die Nato verlassen werden. Trump wird einsehen, dass er am Ende Europa mehr braucht als all diese Diktaturen einschließlich Nordkorea. Und dann hoffe ich doch, dass auch bei den amerikanischen Tech-Unternehmen einmal der Groschen fällt. Sie verdienen in Europa mehr Geld als in den USA.

2016 war das Jahr, in dem mit dem Brexit-Referendum die politische Disruption begann.

Ja, da sind leider Nigel Farage und Boris Johnson mit ihren Lügen durchgekommen.

Sie sagen Lügen. Aber genauso wie bei der Trump-Wahl einige Monate später wurde klar, dass ein Großteil der Wählerschaft offenkundig in der Erfolgsstory der Globalisierung nicht mitgenommen wurde.

Ich nehme meine Partei, die Sozialdemokratie. Als ich jung war, gab es die Arbeiter, die selbstverständlich Sozialdemokraten waren. Mit der Globalisierung ist vieles anders geworden. Die Arbeiter haben kein Vertrauen mehr in die traditionellen politischen Parteien, auch nicht in die Sozialdemokratie. Es gibt nun Leute, auch in der Arbeiterklasse, die sagen: „Wir sind enttäuscht von Mitte links.“ Und die Bauern sagen: „Wir sind enttäuscht von Mitte rechts.“ Und beide wählen die, die noch nicht an der Macht waren: links und rechts außen. Die Sozialdemokratie muss sich wieder mehr auf ihre geschichtliche Kernaufgabe besinnen , und die soziale Sicherheit der arbeitenden Menschen als absolute Priorität sehen und verteidigen.

Viele haben jetzt darüber gejubelt, als Viktor Orbán in Ungarn mit demokratischen Mitteln entmachtet wurde. Als Demokrat muss man folglich auch akzeptieren, wenn in Frankreich der Rassemblement National (RN), in Deutschland die AfD oder in Österreich die FPÖ an die Macht kommt. Richtig?

Ja, wir müssten das akzeptieren. Aber wir dürfen heute nicht akzeptieren, dass sie mit ihren Lügen durchkommen. In Frankreich müsste sich derzeit jeder Franzose fragen, was er selbst – nicht der Staat, nicht Europa, nicht die Kirche oder irgendeiner – tun kann, damit wir nicht in den Rechtsextremismus rutschen, wo der Geist der EU zerschlagen ist.

Es sieht nicht danach aus, dass sich das jeder fragt.

Nein. Dabei ist die französische Präsidentenwahl die allerwichtigste Wahl im Jahr 2027. Wenn Sie gesehen haben, wie Macron damals aus dem Nichts kam, gibt es viele, die noch immer hoffen, dass eine Alternative auftaucht, sodass man sich nicht zwischen dem Linksextremisten Mélenchon und dem FN-Kandidaten Bardella entscheiden muss. Zurzeit ist eine solche nicht erkennbar.

Als Sie Außenminister wurden, 2004, herrschte nach der EU-Erweiterung Euphorie. Warum ist sie verflogen?

Viele Häuptlinge, die heute da sitzen, haben nicht mehr die Grütze, um zu wissen, dass die Europäische Union ein Block sein muss, der auf innere Solidarität und Verantwortung setzt.

Mit Häuptlingen meinen Sie die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten?

Ja, das sind die Allerschlimmsten. Sie maßen sich inzwischen sogar an, die qualifizierte Mehrheit nicht mehr zu beachten. Das sind Fehler, bei denen man sich nicht wundern darf, dass dann Rechts- und Linksextreme erstarken.

Wurden auch in der Migrationspolitik Fehler gemacht?

Genau hier. 2015 gab es eine Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit, in der es gelang, dass alle anderen Länder in der Europäischen Union den Italienern und den Griechen helfen, um eine europäische Migrationspolitik hinzubringen. Dann gab es einen gewissen Sebastian Kurz, der 2018 gesagt hat, die Aufteilung geht nicht mehr obligatorisch, sie geht nur noch freiwillig. Dann war alles kaputt.

Sie haben Kurz in einer TV-Sendung 2025 vorgeworfen, er hätte einen Ruck nach rechts gemacht.

Als er Außenminister wurde, war er noch nicht so. Später ist er ein Rechtsaußen geworden. Ich habe ihm das ins Gesicht gesagt, und er hat nur geantwortet: „Du warst immer gegen mich.“

Letzte Frage: Luxemburgs Fußball-Nationalmannschaft hat sich noch nie für eine Fußball-EM oder -WM qualifiziert. Zu wem hält man da beim derzeitigen Turnier?

Bei mir ist die Sache klar: Frankreich. Die haben ja auch Chancen, den Titel zu gewinnen.

Wie hoch stehen die Chancen? 60 Prozent. (Asselborn hat inzwischen seine Einschätzung per Mail auf 80 Prozent erhöht, Anm.)

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