
Samouil Stoyanov spielt nicht nur Theater, sondern auch Basketball, Schach und ab und zu im Kasino. Der Volkstheater-Schauspieler über Turbokapitalismus, Verantwortung und falsche Werte.
trend: Sie spielen gerade Büchners „Woyzeck“ als Monolog, der um die existenziellen Sorgen eines Geringverdieners kreist. Hatten Sie schon je Geldsorgen?
Samouil Stoyanov: Ja. Ich habe auch eine Zeit lang auf der Straße gelebt, weil ich in der Pubertät von zu Hause weggelaufen bin, um Punk zu sein.
trend: Haben Sie heute eine gute Hand fürs Geld?
Das ist sehr wechselhaft, aber arm bin ich nicht mehr.
trend: Sie haben ja auch eine Topkarriere hingelegt. Ist finanzielle Absicherung ein Thema?
Für die meisten Künstler:innen ist das wichtig. Auch meine Eltern mahnen mich immer, vorzudenken. Aber ich bin da sehr selbstbewusst. Ich denke, ich werde immer Arbeit bekommen, weil ich ein guter Schauspieler bin. Und die Kunst braucht man immer. Besonders das Theater, wo sich Menschen treffen und mit wichtigen Themen auseinandersetzen können.
trend: Lesen Sie abseits der Kultur- auch die Wirtschaftsseiten?
Einerseits interessieren mich die Zusammenhänge, anderseits auch nicht, weil ich ein absoluter Gegner des Turbokapitalismus bin. Ich bin der Meinung, dass dieses System, in dem wir gerade leben, neue Spielregeln und Alternativen braucht. Dafür sollten sich endlich ein paar gescheite Leute zusammenfinden.
trend: Was hat Sie denn familiär in Sachen Geld geprägt?
Meine Eltern haben in Linz ein altes Kino gekauft und eine Ballettschule mit eigener Bühne gegründet, ohne finanzielle Unterstützung. Die Devise war: Entweder die Ballettschule ist voll oder es gibt nichts zu essen. Ich habe Geld auch nie einen Wert beigemessen.
trend: Was machen Sie heute mit Ihrem Geld? Gibt’s den Traum vom Haus am Land?
Solche Träume habe ich auch, aber ich schenk mein Geld auch gerne her. Ich spiele Basketball mit Jugendlichen, die keine Kohle haben, für die kaufe ich gerne Getränke oder Bälle.
trend: Sie riskieren alles, wenn Sie spielen. Wie risikofreudig sind Sie in Sachen Spiel an der Börse?
Habe ich noch nicht ausprobiert. Aber ich gehe gerne ins Kasino, aber nur mit meiner Mutter. Und ich komme immer mit Gewinn nach Hause, denn sie sagt mir, wann Stopp ist.
trend: Was sehen Sie als Ihren persönlichen Reichtum?
Wenn ich weniger arbeite. Lieber mache ich weniger, aber so qualitativ, dass es nachhaltige Kunst ist. Mein Reichtum ist, dass ich so gut verdiene, dass ich mich auch mit anderen Sachen beschäftigen kann. Ich wäre auch dafür, dass die Leute schon im Alter zwischen 35 und 50 vorab einmal fünf Jahre ihrer Pension nehmen können und später länger arbeiten. Es ist immer gut, Zeit zu haben, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Da lernt man viel. Ich habe Corona genutzt, um eine Eigentumswohnung in Wien selbst zu renovieren.
trend: Also doch in eine Immobilie investiert?
Meine Eltern haben investiert. Da bin ich in einer absolut privilegierten Position. Und in einer solchen muss man auch nachdenken, wie man etwas zurückgeben kann, denn das macht auch glücklich. Man muss verantwortungsbewusst seiner Umwelt gegenüber sein.
trend: Was wird überbewertet?
Ich erinnere mich, als ich an den Münchner Kammerspielen war, habe ich meinen ersten großen Zeitungsbericht bekommen, in dem ich als der Daseinsschauspieler gefeiert wurde. Da kann man sich eigentlich auf die Schulter klopfen, dass man geschafft hat, worauf man so lange hingearbeitet hat. Aber eigentlich sind all die Preise und Ehrungen, im Nachhinein betrachtet, überbewertet, weil das wirklich Schöne ist der Weg dorthin, der Moment, in dem man gut ist.
trend: Wofür geben Sie denn leichten Herzens Geld aus?
Das ändert sich sehr fluid bei mir. Aber für Essen gebe ich schon Geld aus, ich bin ein bisschen ein Bobokind geworden über die Jahre. Ich koche auch selbst gerne. Und ich style mich jetzt anders und sehe besser aus, aber ich messe dem keinen großen Wert bei. Es ist immer sehr situationsabhängig, wie ich meine Entscheidungen treffe, das macht mich unberechenbar wie ein Kind, aber dafür bin ich auch Künstler geworden.
trend: Was war denn das Verrückteste, das Sie sich bisher geleistet haben?
Ich habe einmal völlig sinnlos 80 Euro ausgegeben, weil ich versucht habe, aus einem Automaten in der Lugner City ein Kuscheltier rauszuziehen. Das ging nicht und hat mich total genervt. Und genau diese Szene spiele ich nun am Beginn meines „Woyzeck“-Monologs.
Zur Person
SAMOUIL STOYANOV, 37, wurde in Sofia (Bulgarien) geboren und ist in Linz aufgewachsen. Bereits in seiner Kindheit stand er als Tänzer, Musiker und Schauspieler auf der Bühne und arbeitete in der familieneigenen Theaterballettschule. Nach dem Max Reinhardt Seminar war er Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, seit 2020 ist er am Volkstheater, wo er gerade Büchners „Woyzeck" in der Regie von Mechthild Harnischmacher als Monolog auf die Bühnen der VT-Bezirke bringt.
Das Interview ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.