Sprechen Sie Wirtschaft, Milo Rau?

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Milo Rau
 © Marc Driessen

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Keinen Plan für die Pension, keine Geldanlage – und trotzdem kein Risiko eingehen für die Familie: Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, spricht über sein Verhältnis zu Reichtum und Vergänglichkeit.

trend: Als Intendant müssen Sie mit Ihrem Budget umgehen können. Haben Sie auch privat eine gute Hand fürs Geld?

Milo Rau: Eigentlich gar nicht. Ich habe Gott sei Dank einen guten Steuerberater, denn ich habe auch zwei Töchter, und da muss ich schon schauen, dass ich nicht pleitegehe. Aber ich interessiere mich immer erst fürs Konto, wenn meine Karte plötzlich nicht funktioniert und eine Geldüberweisung nötig ist. Ich habe auch keine Anlagen.

Das heißt, Sie gehen künstlerisch wie wirtschaftlich ans Äußerste?

Es gibt Leute, die privat sehr extrem sind und in ihrer Arbeit Langweiler. Ich bin da genau umgekehrt. Ich bin privat ein sehr ruhiger Mensch, bei mir entlädt sich alles in der Arbeit. Aber ich habe tatsächlich kein wahnsinniges Sicherheitsbedürfnis. Ich will eigentlich nur, dass meine Family und ich durchkommen. Ich habe auch noch nie an meine Pension gedacht.

Keine Seniorenresidenz, sondern Rock ’n’ Roll bis zum Umfallen?

Ja, unbedingt. Ich habe diesen Molière-Traum, auf der Bühne oder zumindest in Sichtweite zur Bühne zu sterben. Aber am Theater ist man ja immer ein Meister der Vergänglichkeit. „Das beste Stück aller Zeiten“, das wir gerade proben, ist ein Riesending mit 25 Leuten. Wir zeigen das sechsmal, dann ist es für immer weg. Und das gilt natürlich für alle Stücke. Als Theatermacher investiert man in das, was sich nicht lohnt, um den Moment zu feiern. Und das war auch immer meine Lebensdevise. Man sagt sehr treffend, das letzte Hemd hat keine Taschen. Ich versuche, das auch meinen Töchtern zu vermitteln. Ich habe die Logik der Anlage, die Logik der Kapitalanhäufung nie nachvollziehen können. Da gibt es etwas in mir, das Gewinnmachen ablehnt.

Was hat Sie denn familiär in Sachen Geld geprägt?

Wir hatten keine große Geldtheorie in der Familie. Aber als mein erstes Kind geboren wurde, wurde mir klar, dass ich jetzt nicht mehr nur für mich zuständig bin, sondern für etwas Größeres, einen anderen Menschen.

Festivals müssen langfristig geplant sein, haben Sie schon Ihren letzten Willen geplant?

Nein, das nicht. Aber da mein Leben gefährlich ist, habe ich eine sehr gute Lebensversicherung. Meine Familie ist, sollte mich eine Bombe treffen, wenn ich in den Kongo gehe oder in den Nordirak, wirklich sehr gut abgesichert. Das gibt mir eine große Ruhe. Für meine Familie ist es finanziell gesehen fast positiver, wenn ich auf grausame Weise sterbe als im Bett. Das soll jetzt aber niemand auf dumme Ideen bringen.

Und was halten Sie für Ihren persönlichen Reichtum?

Ich habe ein kleines Häuschen, und da bin ich gerne im Garten, ich gehe auch gerne wandern. Ich bin extrem gerne in der Natur. Würde meine Freundin nicht eine totale Stadtperson sein, würde ich längst auf dem Land leben.

Welche Extravaganzen erlauben Sie sich im Alltag?

Ich muss sagen, dass ich für Reisen immer absurd viel Geld ausgegeben habe. Wenn ich wohin will, dann scheue ich keine Kosten. Und wenn ich eine feste Einnahmequelle habe – so wie jetzt als Intendant – und es geht um die Umsetzung eines Projekts, egal ob von mir oder jemand anderem, und es fehlen 10.000 Euro, würde ich die sofort dafür investieren. Weil ich denke, es ist wichtiger, dass ein Projekt stattfindet, als dass ich das Geld auf der Seite habe. Ich bin in der Hinsicht durch und durch Künstler. Die Kunst ist der Endzweck und nicht etwas, das dazu führt, dass danach mehr Geld am Konto ist.

Sie fordern im Festwochenprogramm „Time for New Gods!“ Ist nicht Geld längst ein solcher?

Wir haben die „­Republic of Gods“ ausgerufen und fragen: Was passiert mit unseren Werten, wenn der Staat die Kontrolle verliert, die großen Tech-Unternehmen wahnsinnig machtvoll werden und uns die KI überflügelt? Wer oder was sind unsere neuen Götter? Denken wir an Elon Musk oder Peter Thiel, wird wohl die Verbindung von Macht, Kapital und KI zum neuen Gott. Aber die neuen Götter sind auch immer die alten. Auch die Kirche ist plötzlich wieder wichtig geworden, ganze Staaten schließen sich wieder eng mit der Religion zusammen.

Was würden Sie denn auch für viel Geld nicht machen?

Das Allermeiste. Es gibt kaum etwas, das ich wegen des Geldes mache.

Was empfinden Sie als Luxus?

Meine Arbeit machen zu können. Für mich ist Theater Luxus. Natürlich ist mein demütiges Ziel, dass alle in der Hinsicht im Luxus leben. Luxus heißt, etwas Sinnvolles zu tun mit Menschen, die man mag.

Warum ist eine Karte für Ihre Produktion „Das beste Stück aller Zeiten“ ein gutes Investment?

Es liefert alles, was Theater ausmacht: Liebe, Tod, Geburt, Spaß, Schrecken, Blut und Schönheit und gleichzeitig auch die komplette Geschichte der Festwochen. Es treten berühmte Geister auf und ein Lipizzaner! Also noch nie in der Geschichte der Kunst war es möglich, mit einem einzigen Ticket so viel zu kriegen.

Zur Person

Das Interview ist im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026 erschienen.

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