Innehalten ist keine Pause. Es ist Führung.

In Kooperation mit Monika Edlinger, MBA
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Ein Führungsteam spielt ein systemisches Spiel. 20 Minuten. Danach eine Stunde Reflexion. Und plötzlich sehen zehn Führungskräfte, was sie jahrelang nicht gesehen haben: dass niemand von ihnen in Führung geht. Monika Edlinger über die Kunst des Innehaltens und warum sie die anspruchsvollste Führungsleistung ist, die es gibt.

Die Geschichte

Zehn Menschen stehen im Kreis. Zwei Geschäftsführer. Acht Bereichsleiterinnen und Bereichsleiter. Ein mittelständisches Unternehmen aus der DACH-Region. Ich erkläre die Regeln eines systemischen Spiels. Klar. Einfach. Alle haben es verstanden.

Sie legen los.

Zuerst: Chaos. Zögerliche Blicke. Niemand weiß recht, wie. Dann erste Versuche, erste Bewegungen, erste tastende Handlungen. Langsam kommt Rhythmus rein. Einer gibt einen Impuls — die anderen folgen. Schritt für Schritt werden sie besser. Spielen nicht mehr einzeln, sondern miteinander. Und dann passiert etwas, das man nicht erzwingen kann: Sie werden synchron. In der Bewegung. In der Stimme. Im Takt. Links. Rechts. Links. Gemeinsam.

Sie haben es geschafft. Zwanzig Minuten.

Dann: Innehalten. Reflexion.

Ich frage: Was habt ihr gerade erlebt?

Stille. Nachdenkliche Blicke. Niemand weiß sofort, worum es eigentlich ging. Das Systemische war niemandem bewusst. Schritt für Schritt, Frage für Frage, entstehen die Erkenntnisse.

Und dann — der Moment, der bleibt.

Einer sagt leise: „Das sind wir. Das ist unser Alltag.“

Niemand geht in Führung. Alle warten aufeinander. Alle versuchen, alles gemeinsam zu machen — synchron, abgestimmt, ohne dass einer wirklich die Verantwortung übernimmt. Sie haben es sogar laut gesagt: Links. Rechts. Links. Alle gleichzeitig. Keine Stimme für sich. Nur im Miteinander — und damit auch: ohne klare Richtung.

Ein Führungsteam. Das nicht führt.

Diese Erkenntnis hätte kein Workshop der Welt in zwei Tagen erzeugt. Das Spiel hat sie in zwanzig Minuten sichtbar gemacht. Die Reflexion hat sie verstehbar gemacht. Und das Innehalten hat sie unvergesslich gemacht.

Was hier wirklich passiert

Das Gehirn auf Autopilot

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt in seiner Forschung zwei Denksysteme: System 1 — schnell, automatisch, intuitiv. System 2 — langsam, bewusst, reflektiert. Im Alltag führen wir fast ausschließlich mit System 1. Wir reagieren. Wir wiederholen. Wir greifen auf Muster zurück, die sich irgendwann bewährt haben — und hinterfragen sie nicht mehr.

Das ist effizient. Und gefährlich.

Denn System 1 kennt keinen Perspektivenwechsel. Es kennt keine Selbstreflexion. Es kennt nur das Bekannte. Wer immer im Modus des Reagierens führt, führt nach einem Skript, das er selbst längst vergessen hat.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit, unsere Antwort zu wählen.

Viktor FranklPsychiater und Begründer der Logotherapie

Viktor Frankl hat diesen Gedanken auf den Punkt gebracht. Der Raum zwischen Reiz und Reaktion — das ist der Raum des Innehaltens. Wer ihn nie betritt, reagiert sein Leben lang. Wer ihn kennt, beginnt zu gestalten.

Das Führungsteam im Kreis hatte diesen Raum nie geöffnet. Nicht weil sie nicht wollten. Sondern weil der Alltag ihn nie zugelassen hat. Zu viele Meetings. Zu viele Entscheidungen. Zu viele Eskalationen. Kein Moment, in dem jemand fragt: Was machen wir hier eigentlich wirklich?

Presencing — aus der Zukunft heraus führen

Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, nennt diesen Raum Presencing — den tiefsten Punkt der U-Kurve, an dem Führungskräfte aufhören, aus der Vergangenheit heraus zu reagieren, und beginnen, aus dem Entstehen heraus zu gestalten. Presencing setzt genau das voraus, was im Alltag am seltensten passiert: Innehalten. Wahrnehmen. Loslassen.

Der blinde Fleck der Führung ist die innere Quelle, aus der Führungskräfte handeln.

C. Otto ScharmerTheory U

Das Führungsteam, das synchron Links-Rechts-Links sagte, operierte aus einem tief eingravierten Muster heraus — Harmonie über Klarheit, Konsens über Richtung, Miteinander über Verantwortung. Ein Muster, das in ruhigen Zeiten funktioniert. Und in Krisen kollabiert.

Sie haben es nicht gewählt. Es ist einfach passiert. Immer wieder. Jahr für Jahr. Bis das Spiel es sichtbar machte.

Sensemaking — Klarheit entsteht durch Reflexion

Der Soziologe Karl E. Weick hat beschrieben, wie Menschen in komplexen Situationen Bedeutung konstruieren — durch das, was sie tun, sagen und beobachten. Sensemaking ist kein intellektueller Prozess. Es ist ein sozialer. Klarheit entsteht nicht im stillen Nachdenken, sondern im gemeinsamen Innehalten.

Das Führungsteam hat Sensemaking in Echtzeit erlebt. Nicht durch eine Präsentation. Nicht durch ein Feedback-Formular. Sondern durch das gemeinsame Betrachten des eigenen Handelns — im Nachklang eines Spiels, das die Wirklichkeit gespiegelt hatte wie ein Brennglas.

Warum wir nicht innehalten

Die Antwort ist einfach — und unbequem: Weil es sich falsch anfühlt. Und weil wir den Wert nie erfahren haben.

Innehalten wurde uns nie beigebracht. Nicht in der Schule, nicht im Studium, nicht in der Führungskräfteentwicklung. Wir haben gelernt zu handeln, zu entscheiden, zu liefern. Aber den Raum zwischen Reiz und Reaktion — den hat niemand auf der Agenda.

Was wir nie erfahren haben, können wir nicht vermissen. Und was wir nicht vermissen, schützen wir nicht.

Führungskräfte werden für Entscheidungen bezahlt, nicht für Pausen. Für Output, nicht für Reflexion. Für Geschwindigkeit, nicht für Tiefe. In einer Kultur, die Aktivität mit Wert gleichsetzt, wirkt Innehalten wie Schwäche. Wie Zeitverschwendung. Wie das Gegenteil von Führung.

Dabei ist es das Gegenteil davon.

Wer nie innehält, wiederholt. Wer nie reflektiert, reagiert. Wer nie den Raum zwischen Reiz und Reaktion betritt, wird von seinen eigenen Mustern geführt — statt selbst zu führen.

Das Führungsteam im Kreis hat in zwanzig Minuten erfahren, was manche in zwanzig Jahren nicht sehen. Nicht weil sie nicht intelligent genug waren. Sondern weil niemand je den Raum dafür geschaffen hat.

Was jetzt zu tun ist

HEBEL 1

HEBEL 2

HEBEL 3

HEBEL 4

Fazit

Das Führungsteam im Kreis hat in zwanzig Minuten mehr über sich gelernt als in vielen Strategie-Offensiven davor. Nicht weil das Spiel so clever war. Sondern weil danach jemand die Fragen gestellt hat, die selten gestellt werden. Weil der Raum des Innehaltens geöffnet wurde.

Die Erkenntnisse aus diesem einen Nachmittag begleiten dieses Team bis heute. Nicht als Konzept. Als Erfahrung.

Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen. Zwischen Advising und Experiencing.

Innehalten ist keine Pause. Es ist keine Schwäche. Es ist nicht das Gegenteil von Führung.

Es ist ihr Anfang.

Stop advising. Start experiencing.

Das Werkzeug zum Innehalten.

Die besten Antworten kennst du bereits. Du brauchst nur den Raum, um sie zu hören.

Der Leadership Navigator — 52 Impulse für bewusste Führung. Jede Karte ein Gedanke, der sitzt. Ein nautischer Moment, der überrascht. Eine Coaching-Frage, die wirklich tiefer geht. Kein Programm. Kein Richtig oder Falsch. Nur du — und die Frage, die gerade zählt.

Leadership Navigator

Inspiriert von

  • C. Otto Scharmer — Theory U: Leading from the Future as It Emerges (2009)

  • Daniel Kahneman — Thinking, Fast and Slow (2011)

  • Viktor Frankl — Man’s Search for Meaning (1946)

  • Karl E. Weick — Sensemaking in Organizations (1995)

  • LINC GmbH — LINC Personality Profiler (Big Five)

  • Monika Edlinger — Leadership Navigator. 52 Impulse für bewusste Führung (2026)

In Zusammenarbeit mit:
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