
Zum börsennotierten Baustoffkonzern Wienerberger brachte Dagmar Steinert die Erfahrung bei zwei MDAX-Unternehmen mit. Nach einem Jahr als CFO wird zusehends klar, wie die Finanzexpertin ihre Vorstandsrolle anlegt und welche Themen sie forciert.
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Die ersten Maiwochen stehen beim börsennotierten Baustoffhersteller Wienerberger typischerweise im Zeichen der Zahlen. Auf der 157. Hauptversammlung war das Setting aber heuer etwas anders als sonst. Aufgrund eines viralen Infekts von CEO Heimo Scheuch übernahmen die Vorstände stellvertretend die Präsentation. Ein großer Redeanteil entfiel dabei auf CFO Dagmar Steinert. Und auch beim einige Tage später folgenden Analysten-Update zum ersten Quartal sprang die gebürtige Deutsche ein und führte durch das Gespräch, lediglich mit der IR-Verantwortlichen an ihrer Seite.
Dagmar Steinert ist seit gut einem Jahr im Vorstand von Wienerberger. Bisher agierte sie – für eine CFO nicht untypisch – eher im Hintergrund. Dass sie jetzt mit den beiden jüngsten Auftritten als Vertretung für Scheuch kurzzeitig stärker ins Rampenlicht getreten ist, schürt das Interesse an ihrer Person: Welche Karrierewege haben sie nach Österreich geführt? Was prägt ihren Führungsstil? Welche Schwerpunkte setzt sie bei Wienerberger? Wie wird sie als CFO wahrgenommen?
Rheinmetall-Erfahrung
Geboren in Freiburg, BWL-Studium in Köln, entschied sich Steinert mit Ende zwanzig für einen Karriereeinstieg in der Wirtschafts- und Steuerberatungsbranche. Nach neun Jahren wechselte sie als Leiterin Accounting zum damals noch stark diversifizierten Rheinmetall-Konzern, den sie als Abschlussprüferin betreut hatte. Es folgten eine Leitungsposition und ein erster CFO-Job bei Fuchs, einem führenden Schmierstoffhersteller aus Mannheim.
Von dort ging sie 2022 als CFO zurück zu Rheinmetall nach Düsseldorf. „Ich habe meinen Vertrag vor Ausbruch des Ukrainekrieges unterschrieben. Aber ich wusste natürlich, worauf ich mich einlasse, dass die Wehrtechnik eine immer wichtigere Rolle bei Rheinmetall spielen wird“, sagt sie.
Doch lange blieb sie nicht. Nach nur zwei Jahren kehrte sie den Panzern den Rücken und wurde Anfang März 2025 das zweite weibliche Vorstandsmitglied in der Geschichte von Wienerberger. Im aktuellen Vorstand ist sie allerdings die einzige Frau, da Solveig Menard-Galli Ende 2024 als COO Zentral & Ost aus dem Konzern ausschied.
Offene Kommunikation
Die erste Zeit bei Wienerberger nahm sich die 61-Jährige bewusst zurück. Für erfolgreiches Onboarding sei wichtig, dem Team zuzuhören. „Denn bei allen Ambitionen, Dinge zu verbessern, muss man erst mal gründlich verstehen, was die wichtigen Themen sind und wo die Stolpersteine lauern“, sagt die Vorständin, die ihren Führungsstil als teamorientiert beschreibt. „Ich stehe für eine offene Kommunikation und Feedbackkultur“, sagt sie.
Einer ihrer Schwerpunkte in ihrem ersten, von einem schwierigen Marktumfeld geprägten Jahr war das Cash-Management. „Damit geht natürlich einher, dass man auch in andere Bereiche reingeht. Wir haben dann einige Nachjustierungen gemacht, die dazu geführt haben, dass 2025 etwas weniger investiert wurde als ursprünglich geplant“, sagt Steinert, die aus ihren vorherigen CFO-Jobs über umfangreiche M&A-Erfahrungen verfügt. Ein Thema, das bei Wienerberger eine wichtige Rolle spielt.
Neuausrichtung
Unter der Ägide von Langzeit-CEO Heimo Scheuch hat sich der Konzern in den vergangenen Jahren durch gezielte Zukäufe von einem Ziegelhersteller zu einem Lösungsanbieter für Infrastruktur und Renovierung transformiert. „Übernahmen sind seit vielen Jahren Teil der Strategie von Wienerberger. Es gibt ein ausgezeichnetes M&A-Team, das sich die Targets sehr genau anschaut und nicht zu teuer einkauft“, sagt Erste-Group-Analyst Michael Marschallinger.
Dabei legte man einen großen Appetit an den Tag: In der österreichischen Baubranche hat kein Unternehmen in der Zeit von 2015 bis 2024 so viele M&A-Deals getätigt wie Wienerberger. Mit 21 Zukäufen wurden laut einer Studie 1,5 Milliarden Euro an Umsatz erworben. „Was bei Wienerberger besonders hervorsticht, ist die Profitabilität des Wachstums. Im Beobachtungszeitraum ist die EBITDA-Marge um fünf Prozentpunkte auf 16 Prozent 2024 gestiegen“, sagt Patrick Seidler, Studienautor und Managing Partner bei S&B Strategy.
Und Florian Beckermann, Vorstand des Interessenverbands für Anleger (IVA), ergänzt: „Heimo Scheuch hat Wienerberger zu einem Unternehmen mit 4,6 Milliarden Euro Umsatz entwickelt, und es bleibt auch noch ordentlich was hängen. Das hätte man vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten.“
Heuer gab es bereits drei weitere Zukäufe, darunter Italcer. Das Unternehmen bietet Keramikprodukte für die Fassade und für den Innenbereich an und stärkt somit das Thema Renovierung.
Den weiteren Fahrplan skizziert Steinert: „Wir planen in diesem Jahr keine größeren Akquisitionen mehr. Aber wir schließen auch nicht aus, dass wir die eine oder andere kleinere Übernahme machen“, sagt sie.
„Noch sehr deutsch“
Steinerts jüngste Auftritte in Vertretung des präsentationsstarken CEO sorgten in der Finanzcommunity durchaus für Gesprächsstoff: „Dagmar Steinert wirkte auf der HV noch sehr deutsch. Sie muss sich in die Corporate Culture Österreichs erst noch einleben“, sagt Beckermann und ergänzt: „Die Bilanz hatte sie im Griff, inhaltlich war sie fit.“ Und Analyst Nicolas Kneip von der Wiener Privatbank, der am Update zum ersten Quartal teilgenommen hat, erklärt: „Steinerts Auftritt war souverän. In der Q&A-Session, wo die größten Stolpersteine liegen, hat sie alle Fragen sehr gut beantwortet. Das war nicht bei jedem Earnings Call bisher der Fall.“
Dabei liegt die Messlatte ziemlich hoch. Der langjährige Wienerberger-Manager Gerhard Hanke, der heute als COO Zentral & Ost tätig ist, war Steinerts Vorgänger im Job. Er wird als versierter CFO beschrieben, der auf jede Frage eine passende Antwort parat hatte. Seine tiefe Kenntnis des Konzerns beruht aber auch auf einer langen Unternehmenszugehörigkeit. Insofern agierte er von einer ganz anderen Ausgangsbasis aus als ein externer Nachfolger.
Im Vorstand soll Steinert es nicht ganz leicht haben. Als erfolgreicher und machtbewusster CEO sei Scheuch im Umgang nicht immer einfach, ist von mehreren Seiten zu hören. Auf die Frage, wie sie ihre Rolle in dieser Konstellation anlege, reagiert die CFO gelassen und sagt: „Entweder man hat ein Profil oder man hat es nicht. Ich bin davon überzeugt, dass starke Persönlichkeiten auch nur andere starke Persönlichkeiten neben sich respektieren und achten“, sagt die Vorständin, die in ihrem ersten Jahr noch überwiegend gependelt ist und keine Zeit hatte, Österreich und speziell Wien näher kennenzulernen.
Es bleibt spannend, wie sie ihr zweites Jahr bei Wienerberger gestaltet.
Der Artikel ist im trend.Premium vom 21. Mai 2026, sowie im trend.FEMALE erschienen.
