TSA: Vom Abstellgleis auf Rekordkurs

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TSA-Geschäftsführer Robert Tencl glaubt seit vielen Jahren an die E-Mobilität: „Der Elektromotor ist 120 Jahre alt, aber er entwickelt sich stetig weiter. Da sind wir noch lange nicht am Ende der technischen Möglichkeiten. Wir haben Wirkungsgrade von 95 Prozent, der Verbrenner kommt vielleicht auf 35.“

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Diese Motoren bringen Züge und Elektrobusse in mehr als 90 Ländern auf Touren, den Hersteller kennen wenige: Ein Werksbesuch beim Hidden Champion TSA, einem der Weltmarktführer für Elektromotoren.

Ortskundige Taxifahrer teilen gern ihr Wissen. Die Adresse Brown-Boveri-Straße 1 im Wiener Neudorfer Industriegebiet führt in dem Fall aber zu einem fragenden Blick auf die Rückbank. Ein Weltmarktmarktführer für Elektromotoren? Nein, die kenne er nicht. Und die bauen ein neues Werk hier? Ungläubiges Staunen. Würde hier Red Bull abfüllen, hätte sich das fraglos längst herumgesprochen.

Mehr Hidden Champion geht nicht, und die Produkte, die die Traktionssysteme Austria, kurz TSA, herstellt, sind nicht einmal zu sehen, obwohl sie Mobilität für Millionen Menschen erst möglich machen. TSA produziert Elektromotoren für Eisenbahnen und Busse, exportiert diese in mehr als 90 Länder und kann auf eine beachtliche Exportquote von 95 Prozent verweisen.

Geschäftsführer Robert Tencl empfängt einen in einem Sitzungszimmer im Bürotrakt oberhalb der Produktionshalle. Von unten schickt eine 250-Tonnen-Stanze einen dezent wummernden Bassschlag nach oben, den die TSA-Leute gar nicht mehr wahrnehmen. „Wir würden uns wundern, wenn das Geräusch plötzlich weg wäre“, lächelt Tencl. Hier schlägt das Herz der TSA, und kurze Wege sind in dieser Firma wichtig.

Ende April hat Tencl einen sehr langen Weg hinter sich gebracht. Er kam von einer Delegationsreise aus Tokio zurück, wo er Mitsubishi Electric besuchte. „Das war ein Gegenbesuch, sie waren im Jänner bei uns. Wir haben Kooperationen ausgelotet“, erzählt er. „Die Japaner wollen weg von der Insel und suchen internationales Geschäft in Europa. Für uns war Japan bislang ein blinder Fleck.“

3.000 Motoren allein für Indien

Voll im Visier hat TSA hingegen seit Jahren Indien. Drei- bis viermal im Jahr besucht Tencl das TSA-Werk in Hyderabad, wo jährlich allein 3.000 Bahnmotoren für den Markt produziert werden. „Indien ist unser zweiter großer Heimmarkt“, sagt Tencl und skizziert die Dimensionen: „Die Schiene ist das Rückgrat der Gesellschaft, die indische Bahn hat zwei Millionen Mitarbeitende. Der jährliche Bedarf, der allein durch die Erneuerung des Rollmaterials entsteht, ist enorm“, ordnet er die Dimensionen. Beim Gang durch das Werk ist später eine Gruppe indischer Mitarbeiter zu sehen, die für ein innerbetriebliches Schulungsprogramm in Österreich weilen und einen Motor in Augenschein nehmen.

TSA produziert aktuell 45 unterschiedliche Modelle, hat aber über die Jahrzehnte mehrere 100 Typen im Portfolio aufgebaut. Die Elektromotoren, die den spanischen Hochgeschwindigkeitszug AVE auf Touren bringen, sind gänzlich anders als jene, die den GatimaanExpress in Delhi antreiben. „Für Indien müssen wir die Motoren anders designen“, sagt Tencl, „dort müssen wir Hochwasserspiegel berücksichtigen, die es in Europa nicht gibt. Ein indischer Motor muss bis zu 85 Zentimeter über Schienenniveau wasserdicht sein.“

Europa und die USA rüsten mit E-Bus-Flotten auf

Ein Geschäft als Selbstläufer auf Schienen? Nicht ganz, aber irgendwie doch. „Die Zuwachsrate bei der Schiene beträgt jährlich zwei bis drei Prozent, das ist ein gesättigter Markt“, sagt Tencl. Gut, dass die TSA noch andere Standbeine hat, etwa die Trolley-Busse, in Österreich als O-Bus bekannt. „In den Jahren 2010/11 kamen einige Kunden mit der Idee, auf Batteriebusse umzustellen, und haben bei uns damit die E-Mobilität angestoßen“, erinnert Tencl, „dort spielt die Musik. Waren das vor ein paar Jahren noch 500 Motoren, werden wir heuer 2.500 E-Bus-Motoren bauen. Das skaliert und ist auch politisch gewollt.“

Bei Bussen, die steuerfinanziert werden, gilt in Europa nämlich die Clean Vehicle Directive und schreibt einen Prozentsatz an alternativen Antrieben vor. Wo auch immer Individualverkehr aus europäischen Innenstädten verbannt wird, fahren E-Busse vor. „Interessanterweise ziehen auch die USA und Kanada nach. Städte wie San Francisco, Los Angeles, New York oder Chicago stellen um. Wir haben einen ersten Auftrag aus San Francisco.“

Die TSA-Umsätze kommen zu 70 Prozent aus dem Schienengeschäft. 15 Prozent trägt das junge und stark steigende Geschäftsfeld der Commercial Road Vehicles bei, und flankierend werden Service und After Sales strategisch ausgebaut, die weitere 15 Prozent ausmachen. 210 Millionen Euro peilt TSA für heuer an – das wären im Vergleich zum Vorjahr gleich 60 Millionen Euro mehr. Erfreuliche Nachrichten in Zeiten, in den viele Industriebetriebe Gegenteiliges verkünden müssen.

Management-Buy-out und rote Teppiche

Only Good News hatte aber auch die TSA nicht immer zu verkünden, das weiß keiner besser als Tencl, dessen Weg in die Geschäftsführung ungewöhnlich war: „Vor 32 Jahren bin ich als Trainee und Junior Controller ins Haus gekommen.“ Damals war die TSA noch der Konzernteil „Verkehrstechnik“ der schwedisch-schweizerischen ABB. „Schiene war nicht sexy. Alles, was mit Old Economy zu tun hatte, wurde damals abgestoßen“, erinnert er sich. „Drei Waghalsige haben an das Produkt Elektromotoren geglaubt, und die ABB war froh, die Sparte loszuwerden und sich nicht mit Schließungsszenarien beschäftigen zu müssen.“

Tencl, Günter Eichhübl und Franz Hrachowitz schafften mithilfe einer Staatsgarantie und des Versprechens, die Arbeitsplätze zu erhalten, 1999 ein Management-Buy-out: „Wir hatten kein Geld. Aber mit der Staatsgarantie hat uns jede Bank den roten Teppich ausgerollt. Zehn Jahre haben wir gebraucht, um die Schulden abzuzahlen, aber Ende der Nuller-Jahre war das Schienengeschäft schon wieder sexy, weil eine Modernisierungswelle eingesetzt hat.“ Seit 2020 gehört TSA mehrheitlich der Schweizer PCS Holding und Voith Austria, ein kleiner Teil Tencl selbst. „Im Jahr 2000 machten wir mit 150 Mitarbeitenden 20 Millionen Umsatz, heute sind wir mit 1.150 Mitarbeitenden bei über 200 Millionen.“

Deshalb wird in Wiener Neudorf nun kräftig ausgebaut. Aus drei Objekten entsteht eine TSA-City. Im Werk 1 sind Verwaltung und Produktion der Schienenmotoren untergebracht, vis-à-vis im ehemaligen Hausmann-Gebäude entstehen die Motoren für Straßennutzfahrzeuge, und im Werk 3, das auf der anderen Straßenseite gerade entsteht, soll ab Oktober ein Stanzzentrum sowie Service und After Sales angesiedelt sein.

Vollbremsung im Russland-Geschäft

Ganz ohne Einschnitte lief das Wachstum aber nicht ab. Rückschläge kamen meist unvermittelt: „Der härteste war Russland. Wir waren der größte Lieferant für U-Bahn-Motoren und haben für Moskau und Sankt Petersburg 5.000 Motoren geliefert, von 2016 bis 2022“, sagt Tencl. „Mit Kriegsbeginn konnten wir einen Auftragsstand von über 2.000 Motoren nicht mehr liefern. Der Markt war über Nacht weg. Das hat uns schon wehgetan.“ Solche Ausfälle konnte die TSA verdauen, lehrt doch die Erfahrung, dass das Geschäft meist brummt, wenn es woanders einbricht. „In der Finanzkrise 2008/09 konnten wir stark zulegen. In Krisenzeiten investieren viele Staaten antizyklisch“, sagt Tencl. In die Infrastruktur fließt auch dann Geld, wenn Großereignisse anstehen. Für die TSA sind Olympische Spiele oder Fußballturniere Umsatzbringer. „Wir haben das erste Mal einen Auftrag für ein Projekt in Marokko bekommen. Dort findet die Fußball-WM 2030 statt. Denselben Effekt haben wir schon bei der Fußball-EM in Polen und in der Ukraine gesehen, und jetzt auch mit der Metro in Los Angeles.“ Der US-Markt ist vielversprechend, für eine lokale Fertigung ist er aber noch zu klein, die aktuell 500 Motoren stellt die TSA mit lokalen Fertigungspartnern her. Tencl: „Da hat sich in den USA eine Industrie etabliert, die nichts anderes tut, als Produkte zusammenzubauen, damit die dem Buy America Act gerecht werden.“

So unterschiedlich nationale Strategien sein mögen – für die TSA ist die in Österreich entscheidend: „Die Industriestrategie spielt uns in die Hände, die Schienenfahrzeugindustrie ist darin ja sogar als Schlüsseltechnologie genannt“, sagt er. Die Standortkosten machen ihn hingegen weniger happy: Lohnstückkostensteigerungen von fast 30 Prozent in den letzten Jahren seien schon gewaltig, „die kriege ich durch Rationalisierungsmaßnahmen unmöglich herein. Wir müssen uns gegenüber dem Mitbewerb noch stärker behaupten – mit Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Schnelligkeit und vor allem mit Innovationen“.

Mitarbeitermagnet und Humor-Preisträger

Für Letzteres sind die Mitarbeitenden der Schlüsselfaktor. Der CEO legt großen Wert auf eine familiäre Atmosphäre, und die Arbeitgebermarke wird glaubwürdig gepflegt. Lehrlinge sind ihm besonders wichtig: „Sie bleiben meist Jahrzehnte nach Ende ihrer Ausbildung. Über die Jahre sind das 60 bis 80 junge Menschen, die wir noch immer bei uns haben.“ Bei den Facharbeitern tut sich TSA gerade etwas leichter, die passenden Kräfte zu finden. „Bei Doktoranden oder Diplomingenieuren für die Forschung und Entwicklung gibt es nach wie vor ein Ringen um die besten Köpfe. An spektakulären Produkten wie dem spanischen 400-Stundenkilometer-Zug mitarbeiten zu können, ist aber attraktiv. Wenn die beteiligten Ingenieure bei der Jungfernfahrt an Bord sind, verbindet sich Jobsinn mit Abenteuer.“

Kein Wunder, dass bei dieser Auftragslage das Arbeitsklima bestens ist, bei der TSA hat aber nicht nur der Chef gut lachen. Das Unternehmen bekam vor einigen Jahren tatsächlich einen Humor-Preis zugesprochen – für ein Video. Die Beschäftigten produzierten es als Dank an die Berliner Verkehrsbetriebe für den größten jemals in Europa vergebenen Motorenauftrag – und hatten offensichtlich großen Spaß daran. Das freche Video ging viral, nicht nur in Berlin.

Das TSA-Geschäft in Zahlen

Der Artikel ist in der trend.PREMIUM vom 22. Mai 2026 erschienen.

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