
James Dimon, CEO JP Morgan Chase
©JPMorgenChaseWährend Routineaufgaben automatisiert werden, rechnen Manager von Standard Chartered, JP Morgan, HSBC oder Deutsche Bank mit einem grundlegenden Umbau klassischer Bankberufe. Die zentrale Frage: Vernichtet KI Jobs – oder verschiebt sie sie nur?
von
Der CEO der Standard Chartered Bank, Bill Winters, erklärte diese Woche, man werde „weniger wertvolles Humankapital“ durch Technologie ersetzen und in den kommenden vier Jahren rund 8.000 Support-Stellen abbauen. Die Formulierung löste deutliche Kritik aus. Mittlerweile entschuldigte sich Winters für seine Wortwahl und erklärte, die Aussage habe sich auf automatisierbare Tätigkeiten und nicht auf den Wert von Menschen bezogen.
JP Morgan-Chef Jamie Dimon verteidigte Winters zwar als langjährigen Freund, räumte im Interview mit Bloomberg jedoch ein, die Aussage sei „ungeschickt formuliert“ gewesen. Zugleich prognostizierte auch er, dass Banken künftig mehr KI-Spezialist:innen einstellen werden – und in manchen Bereichen dafür weniger klassische Banker:innen benötigen.
Der Wandel müsse laut Dimon jedoch nicht über Massenkündigungen erfolgen, sondern könne über natürliche Fluktuation, Umschulungen und interne Versetzungen abgefedert werden. Bei JP Morgan verlassen laut Dimon jährlich rund zehn Prozent der Belegschaft – also etwa 25.000 bis 30.000 Mitarbeiter:innen – das Unternehmen. Das eröffnet Spielraum, klassische Funktionen schrittweise umzubauen.
Weniger Backoffice, mehr Frontoffice
Dimons Aussagen stehen exemplarisch für einen strukturellen Umbau, der mittlerweile die gesamte globale Finanzindustrie erfasst. Besonders stark betroffen sind Bereiche mit hohem Standardisierungsgrad: Backoffice-Prozesse, Dokumentenverarbeitung, Reporting oder Teile interner Kontrollsysteme.
John Waldron, Präsident von Goldman Sachs, bezeichnete traditionelle Backoffice-Abläufe bereits als eine Art „menschliches Fließband“, das sich besonders gut für Automatisierung eigne. Das zeigt: Die Debatte ist längst nicht mehr theoretisch. KI wird Prozesse nicht nur unterstützen, sondern in vielen Bereichen direkt ersetzen.
Gleichzeitig betont Dimon, dass KI auch neue Jobs schaffen werde. Wenn Backoffice-Funktionen wegfallen, brauche es verstärkt Frontoffice-Rollen, um mehr Kund:innen betreuen und komplexere Beratungsleistungen übernehmen zu können.
Europäische Banken stehen vor ähnlichem Wandel
Auch in Europa mehren sich ähnliche Signale. HSBC-Chef Georges Elhedery erklärte zuletzt, künstliche Intelligenz werde bestimmte Rollen „zerstören“, gleichzeitig aber neue Aufgaben schaffen. Beschäftigte müssten sich stärker an technologische Veränderungen anpassen.
Das Ausmaß der Veränderungen verdeutlicht auch eine aktuelle Analyse von dem US-amerikanisches Finanzdienstleistungsunternehmen Morgan Stanley. Die Analyst:innen gehen davon aus, dass europäische Banken ihre Belegschaften in den kommenden fünf Jahren infolge von Produktivitätsgewinnen durch künstliche Intelligenz um zehn bis 20 Prozent reduzieren könnten. Ein Großteil des Stellenabbaus dürfte demnach über Pensionierungen und natürliche Fluktuation erfolgen.
Gleichermaßen sieht die Deutsche Bank in KI einen zentralen Hebel für mehr Effizienz und höhere Rendite. Konzernchef Christian Sewing betonte laut vorab veröffentlichter Rede zur Hauptversammlung, dass Prozesse – etwa bei Kreditentscheidungen – deutlich beschleunigt werden könnten. Tätigkeiten, die früher Wochen oder Monate dauerten, könnten durch Automatisierung und datenbasierte Systeme wesentlich schneller abgewickelt werden.
Darüber hinaus sieht die Bank Potenzial bei Kreditprüfungen, Compliance-Kontrollen und regulatorischen Prozessen. Der strategische Gedanke dahinter: Routineaufgaben sollen stärker automatisiert werden, damit sich Berater:innen auf komplexere Finanzfragen und kundennähere Tätigkeiten konzentrieren können.
Damit wird klar: KI entwickelt sich im Bankenwesen zunehmend zu einer strategischen Personalfrage. Der Umbau dürfte zwar nicht über Nacht passieren – doch die Richtung ist eindeutig: weniger repetitive Prozesse, mehr Fokus auf Kundenberatung bei komplexeren Fragestellungen und ein tiefgreifender Wandel klassischer Bankberufe.
